Auch im Kreis Esslingen öffnen die Töpfereien an diesem Wochenende ihre Ateliers und Werkstätten zum 20. Tag der offenen Töpferei. Wir stellen zwei Keramikerinnen aus Esslingen und ihre geheimnisvollen Figurenwelten vor.
Die Töpferei ist ein traditionelles und aufwendiges Handwerk. Viele Arbeitsschritte sind nötig, bevor aus einem Klumpen Ton eine Figur oder ein Gefäß entstehen. In Esslingen öffnen Gaby Pühmeyer und Gila Hirth an diesem Wochenende ihre Ateliers und lassen sich bei der Arbeit über die Schulter schauen. Anlass ist der deutschlandweite Tag der offenen Töpferei, der seit 20 Jahren stattfindet und diesmal am Samstag, 8. und Sonntag, 9. März zum Entdecken einlädt.
Ganz eigene Welten öffnen sich beim Blick in die beiden Esslinger Ateliers. Zwar arbeiten sowohl Gaby Pühmeyer wie Gilla Hirth vor allem figürlich und mit vielen Bezügen zu Weiblichkeit und Natur, aber ihre Formensprache ist unterschiedlich.
Keramik ist Ergebnis eines traditionellen Handwerks
Bei Pühmeyer werden die Besuchenden von fast meterhohen Figuren wie der Antilopenfrau mit einem geweihgekrönten Haupt oder der Seelenfischerin begrüßt, die einen Fisch unterm Arm trägt. Oft werden diese archaisch anmutenden Gestalten von Vögeln oder Eidechsen begleitet. „Das sind meine Tiere“, sie sollen die enge Verbindung von Mensch und Natur deutlich machen, erklärt Pühmeyer, während sie durchs lichtdurchflutete Atelier führt.
Gaby Pühmeyer bemalt eine Büste mit Engobefarbe. Foto: Roberto Bulgrin
Den natürlichen Charakter betont die Keramikerin auch mit der Wahl des Tons und der Farbe. Ihr grob schamottierter Ton zeigt häufig Arbeitsspuren und gibt durch den hohen Anteil von gebrannter pulverisierter Tonmasse, Schamott genannt, ihren Figuren Standfestigkeit. Und bei den Farben greife sie gerne zu Engoben.
Mit solchen eingefärbten Tonmehlen lasse sich eine matte Farbwirkung erzielen, erklärt Pühmeyer, während sie eine Frauenbüste mit weißer Engobe einpinselt und davon berichtet, dass Töpfern – und hier vor allem das recht anstrengende Drehen auf der Scheibe – momentan als das neue Yoga propagiert würde.
Die Tierfreundin hat sich außerdem auf Urnen für Tiere spezialisiert. Dabei handelt es sich um besonders dekorativ gestaltete Gefäße. Dank einer Raku genannten, in Japan entwickelten speziellen Brenntechnik springe die Glasur und lagere den Ruß ein, der beim Verbrennen von Sägemehl beispielsweise entsteht, erklärt Pühmeyer und zeigt auf das feine, dunkle Linienmuster, mit dem die Glasur überzogen ist.
Die Arbeiten sind auf Kunstmessen und Ausstellungen zu sehen
Ihr Wissen gibt die Künstlerin, die regelmäßig auf der Kunstmesse Straßburg und Schauen in Bad Mergentheim ausstellt, auch im Rahmen von Workshops weiter. Außerdem bietet Gaby Pühmeyer einmal pro Woche ihre offene Werkstatt an.
Beim Tag der offenen Töpferei bietet die Keramikerin in ihrem Esslinger Atelier in der Wielandstraße 4, Zugang über Landenbergstraße 55, Einblicke in ihre Arbeitsweise. Neben eigens angefertigten kleinen Schalen gibt es bei Pühmeyer eine Auswahl an gebrauchten Büchern und Zeitschriften – wie zum Beispiel der Neuen Keramik und des Keramikmagazins.
Wer in Esslingen ein wenig weiter Richtung Schurwald fährt, kann ebenfalls beim Tag der offenen Töpferei bei Gila Hirth, mit Tee und Knabbereien versorgt, auf Entdeckungstour gehen, die ihre Skulpturen auf einem Rundgang durch Haus und Garten präsentiert. Und bei gutem Wetter können sich Kinder am Samstag von 11 bis 12 Uhr auf dem Balkon als Töpferinnen und Töpfer versuchen.
Gleich hinterm Eingangstor in der Oberesslinger Straße 15 besucht ein schläfriger Wolf die Gäste. Die Tonfigur gehört neben den vegetabil anmutenden Baumwesen zu den größeren Arbeiten in Hirths Figurenkosmos, der sich, wie die Büste einer Schamanin zeigt, häufig um archaische Themen dreht wie beispielsweise um die Rolle der Frau als Bewahrerin des Lebens vor dem Untergang der frühen Matriarchate. Und Hirth zitiert in ihren Arbeiten auch die Felsmalereien in der spanischen Levante oder in Südfrankreich.
„Ich war schon als Kind mit meinen Eltern auf römischen Ausgrabungsstätten unterwegs“, berichtet die Esslingerin, die sich als Grundschullehrerin ausbilden ließ, vier Kinder großzog und an der Freien Kunsthochschule Nürtingen (FKN) Keramik studierte. Dort lernten sich Hirth und Pühmeyer kennen und gründeten später eine Ateliergemeinschaft – zunächst im Esslinger Drachenpalast und später in einem ehemaligen Laden in Sulzgries. Erst vor wenigen Jahren haben sich ihre Wege wieder getrennt.
In Hirths Räumen steht auch eine Feuergöttin. Sie ist der hawaiianischen tanzenden Göttin Pele gewidmet, die die Vulkane besänftigen soll, und gleichzeitig erinnert sie an die verheerenden Brände an der Westküste Australiens im Jahr 2023. Damals war auch ein Freund von Gila Hirth betroffen, der nur mit viel Glück in den Trümmern seiner Töpferwerkstatt das Inferno überlebte. Gerade ist Hirth mit ihrem Ehemann von einem Besuch in Australien zurückgekehrt. Das Paar hatte für den Freund Spenden gesammelt, damit er seinen Betrieb wieder aufbauen konnte.
Hirth hat viele kleine Figuren geschaffen, die an die Venus von Willendorf und an die Venus vom Hohle Fels erinnern, die heute in Blaubeuren ausgestellt ist. Oft sind ihre Figuren Tänzerinnen, denn die Künstlerin fühlt sich archaischen und orientalischen Tänzen verbunden, die sie zusammen mit einer befreundeten Tänzerin aus Tunesien studiert und praktiziert.
Entdeckung durch den Kreis
Idee Mehr als 60 Keramikerinnen und Keramiker in Baden-Württemberg öffnen am Samstag, 8. und Sonntag, 9. März von 10 bis 18 Uhr ihre Türen für Gäste. Zu sehen sind Werkstätten, Ateliers und Studios, in denen eine große Vielfalt des traditionsreichen Keramikhandwerks zu erleben ist. Einige Werkstätten beteiligen sich am Projekt Sonderedition Schale, das eigens für diesen Tag der offenen Töpferei konzipiert wurde.
Besuch Auch der Studienbereich Keramik an der Freien Kunstakademie Nürtingen unter Leitung von Susanne Schumacher lädt zum Besuch ein. Dort werden Arbeiten von Studierenden und Alumni präsentiert und Fingerfood angeboten. Und in Bissingen an der Teck zeigt Elke Adamek-Schrievers in der Unteren Straße 45 Pinseltechnik für Gefäße. Weitere Kunsthandwerker bieten bei Kuchen und Tee Steinzeuggefäße, Objekte, Foto- und Goldschmiedearbeiten an.