In Kirchheim erschießt ein LKA-Beamter erst seine Gattin, von der er getrennt lebte, und nimmt sich danach das Leben. Was ist über die Tat bekannt?

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Vor einem Laden gegenüber dem zentralen Einkaufszentrum Nanz-Center im Herzen von Kirchheim unter Teck wurde am Mittwochabend eine Frau erschossen. Die 58-Jährige war sofort tot. Passanten hörten Schüsse – vier sollen es gewesen sein. Und wenig später noch einen einzelnen. Der Mann, der auf die Frau geschossen hat, ist ihr Ehemann. Nur Augenblicke nach dem Mord an seiner Frau beendete er auch sein Leben.

Für die Ermittelnden hat der Fall, der an sich schon schockierend ist, noch einen weiteren Aspekt, der sie betroffen macht. Der Mann, den sie nach der Abgabe der Schüsse tot in seinem Auto fanden, war einer von ihnen: Der 59-Jährige war Polizist.

Die Tat soll rein private Hintergründe haben

Mit dem Beruf habe die Tat eindeutig nichts zu tun, erklärt der Polizeisprecher Michael Schaal vom Polizeipräsidium Reutlingen. Das Motiv habe im privaten Bereich gelegen. Worum es genau gegangen sei, als der Mann sich entschied, das Leben seiner Frau und sein eigenes zu beenden, dazu sagt er nichts. Nur so viel verrät die Polizei noch über die privaten Gründe: Das Paar war nicht mehr zusammen. Die Ehe war noch nicht geschieden, die beiden lebten jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr zusammen in der gemeinsamen Wohnung in Kirchheim.

Nicht nur die Kollegen des Mannes sind erschüttert – auch die der Frau sind unmittelbar betroffen. Sie hatte in einem Bioladen des Einkaufszentrums gearbeitet. In einer ersten Mitteilung der Polizei war von einem Tatort an der Stuttgarter Straße die Rede gewesen. Das ist die Vorderseite des Gebäudekomplexes zur Durchgangsstraße hin. Der Bioladen liegt gegenüber, jenseits des Parkplatzes des Zentrums auf der anderen Seite der Rosa-Heinzelmann-Straße.

Der Mann fuhr zum Laden, passte die Frau ab, die kurze Zeit später Feierabend gehabt hätte. Sie sei beim Aufräumen mit einer Kollegin gewesen. Aus dem Wagen heraus habe er dann auf die 58-jährige Frau geschossen. Außer ihr wurde niemand verletzt, obwohl noch andere Mitarbeitende in der Nähe waren. Der Mann stellte dann seinen Wagen neben dem Laden auf den Seitenstreifen. Dort habe er die Pistole auf sich gerichtet. Er starb erst kurz nach dem Eintreffen der ersten Einsatzkräfte – und hielt die Waffe noch fest. Ein Beamter soll sie ihm aus der Hand geschlagen haben, um seine Kollegen und sich zu schützen, falls der Mann noch hätte schießen können.

Die Frau soll schon länger Angst vor ihrem Mann gehabt haben

Im Umfeld der Frau erzählt man sich, sie sei schon mehrmals in der Vergangenheit von ihm bedroht worden. Ob das bei der Polizei aufgrund von Anzeigen aktenkundig war, ob sie in irgendeiner Weise deswegen Hilfe gesucht und sich einer offiziellen Stelle anvertraut hatte: All das war zunächst noch nicht zu erfahren. „Wir befragen Zeugen und ermitteln im persönlichen Umfeld“, sagt der Polizeisprecher. Aus ermittlungstaktischen Gründen werde man zu den Gerüchten zu einer Gefährdung der Frau keine Stellung nehmen, fügte er hinzu.

Etwas hat der Fall dann aber doch mit dem Beruf des Mannes zu tun: Er schoss mit seiner Dienstwaffe. Das hat bei manchen Beobachtenden die erstaunte Frage ausgelöst: Wenn er kein Polizist im Streifendienst oder bei der Kripo war, sondern im Landeskriminalamt spezielle Einsätze betreute, warum hatte er dann eine Waffe bei sich? „Jeder Polizeibeamte hat eine Schusswaffe, da gibt es quasi keine Ausnahme“, sagt Renato Gigliotti, Pressesprecher im Innenministerium. Dass jemand im Polizeivollzugsdienst sei und keine Waffe trage, sei „eine absolute Ausnahme“. Das könne höchstens vorkommen, wenn derjenige nicht mehr in der Lage sei, sie zu führen.

Polizisten und Polizistinnen müssen die Dienstwaffe nicht an der Dienststelle deponieren. Sie dürfen sie mit nach Hause nehmen. Dort wie auch auf dem Weg haben sie dafür zu sorgen, dass die Waffe sicher gelagert ist und niemand Zugriff darauf hat. Dazu gehört in der Privatwohnung ein geeigneter Safe. Außerdem muss die Munition getrennt von der Waffe verwahrt werden, sie muss ebenfalls unter Verschluss sein.

Die Tatsache, dass der Mann Polizeibeamter war, löste nicht nur im beruflichen Umfeld Entsetzen aus. Auch in Kirchheim herrschte deswegen Bestürzung. Fälle, in denen Beamte zum Täter werden, sind rar, aber sie kommen vor. In der Region ist der bekannteste der sogenannte Hammermörder, der in den Jahren 1984 und 1985 sechs Morde mit seiner Dienstpistole und vier Banküberfälle verübte. Aufsehen erregte vor gut zweieinhalb Jahren der Mordversuch einer Polizistin, der eine Kollegin half: Sie wollten den Ehemann der Beamtin mit Gift töten – und sitzen nun im Gefängnis.

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