Toilette fürs dritte Geschlecht? Die Qual der Wahl

Von dpa 

In mehreren bayerischen Grundschulen sollen Toiletten für das dritte Geschlecht gebaut werden. Ist die Wahlmöglichkeit für Grundschüler sinnvoll oder übertrieben? Und: Wie ist die Lage in Baden-Württemberg?

Die Tür einer Unisex-Toilette in Berlin. Foto: dpa
Die Tür einer Unisex-Toilette in Berlin. Foto: dpa

München - (dpa/phs). Die Sache ist verzwickt. Wenn Kinder in baden-württembergischen Grundschulen zur Toilette müssen, haben sie keine große Wahl: entweder sie gehen für kleine Jungs oder sie gehen für kleine Mädels. Aber was, wenn sich das Kind dem sogenannten dritten Geschlecht zugehörig fühlt? Dem Kultusministerium ist keine Schule im Südwesten bekannt, die eine Toilette für diese Zielgruppe hat. Ein versteckter Fall von sexueller Diskriminierung? Nein, argumentiert ein Ministeriumssprecher, schließlich herrsche im Land ganz allgemein das Zweigeschlechterprinzip vor: von Diskriminierung könne daher keine Rede sein.

Bayerische Gemeinden planen Extra-Toiletten

Im Nachbarland Bayern wird das zum Teil ganz anders gesehen: in mehreren geplanten Grundschulen sollen künftig drei Toiletten zur Verfügung stehen. Eine für Mädchen, eine für Jungen und eine für das dritte Geschlecht. Ausgelöst hat das eine Entscheidung der Bundesregierung. Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann fühlen, können sich seit Jahresbeginn als „divers“, was umgangssprachlich häufig als drittes Geschlecht bezeichnet wird, in das Geburtenregister eintragen lassen.

In Garching bei München ist die dritte Toilette für den Grundschulneubau schon beschlossene Sache. Pullach und Taufkirchen könnten bald nachziehen. Die Gleichstellungsbeauftragte des Landratsamtes München, Hanna Kollan, verteidigte die Diskussion in den Gemeinden im „Merkur“: Die Neugestaltung der Toilettensituation sei „ein wichtiger Schritt, damit gerade transsexuelle und intersexuelle Menschen diskriminierungsfreier leben können.“

Psychologin: Vorurteile könnten abgebaut werden

Der Münchner Kinderpsychologe Klaus Neumann sieht das Thema kritisch. Ihm seien keine ernstzunehmenden Untersuchungen oder Studien bekannt, die nachweisen, dass sich bereits Grundschulkinder der Geschlechterdifferenzierung bewusst sind. Auch ließe sich Diskriminierung selbst bei mehr als drei Toiletten nicht aus der Welt schaffen. Praktischer und realistischer wären aus seiner Sicht Unisex-Toiletten. Aber statt sich auf Toiletten zu fokussieren, wäre ein offener, annehmender Unterricht über Sexualität und alle dazugehörigen Fragestellungen sinnvoller, so der Psychologe.

Anders argumentiert Diplom-Psychologin Nora Gaupp vom Deutschen Jugend­institut München. Ein großer „Anteil von Jugendlichen und Erwachsenen, die sich als transgender bezeichnen, berichtet davon, schon als Kind ein gewisses ,Anderssein’ gespürt zu haben. Das betonen auch Eltern von Transkindern.“ Wenn Kinder im Grundschulalter lernten, dass Mädchen und Junge nicht die einzige Option sind, könne das dazu führen, dass Vorurteile abgebaut werden. Gaupp hält allerdings Sitz- und Steh-Toiletten für die deutlich praktikablere Lösung. Das mache die Unterscheidung zwischen Mann und Frau beim Toilettengang überflüssig – „und es ist auch baulich einfacher, wenn man einfach beide vorhandenen Toiletten zu solchen Toiletten umbaut.“

Keine Beschwerden im Südwesten

Für die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) spielt die Diskussion momentan allerdings keine Rolle. „Das Kultusministerium plant derzeit nicht, in den Schulen Toiletten für ein drittes Geschlecht einzuführen, und dazu gibt es auch keine Überlegungen“, sagte sie unserer Zeitung. Den Schulen würden in diesem Bereich keinerlei Vorgaben gemacht. Die bauliche Ausstattung der Gebäude liege im Verantwortungsbereich der Schulträger, also der Kommunen oder Landkreise. „Falls eine Schule eine solche Toilette vor Ort installieren will, bleibt ihr das unbelassen“, sagte die Ministerin weiter. Ihr sei jedoch keine Schule bekannt, die eine solche Toilette habe – und auch keine Beschwerde deshalb.

Mit den Toiletten für das dritte Geschlecht sind die Schulen in Garching, Pullach und Taufkirchen auch im Freistaat Bayern Vorreiter. „Schulen, die aktuell eine solche Möglichkeit der dritten Toilette anbieten, sind uns derzeit nicht bekannt“, sagte ein Sprecher des dortigen Kultusministeriums.

Diskussion in sozialen Medien entbrannt

Für Dorothea Weniger von der bayerischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind die neuen Toiletten vor allem ein Zeichen der Anerkennung, dass es ein drittes Geschlecht gibt. „Mittlerweile kann das dritte Geschlecht in die Geburtsurkunde eingetragen werden. Damit müssen auch die Strukturen angepasst werden und dazu gehört auch eine dritte Toilette in der Grundschule.“ Nicht zuletzt werde so auch ein neues Denken in Gang gesetzt und Diskriminierung vorgebeugt – das sei schließlich auch eines der pädagogischen Hauptziele an Schulen.

Auch in sozialen Netzwerken wird das Thema diskutiert. „Einerseits vorbildlich, andererseits ... Grundschule? Wieso muss man Kinder in dem Alter mit der Frage konfrontieren? Entweder das kommt von selbst, oder gar nicht“, schrieb ein Facebook-Mitglied. „Da steht dann dem neuen Mobbing-Trend nix im Wege! Man kann sich Probleme auch machen, wenn man keine hat“, antworte ein weiteres. Eine andere Nutzerin sieht das Thema eher pragmatisch: „Wäre ich noch in der Schule, würde ich diese Toilette benutzen. Bei dem geringen Aufkommen des dritten Geschlechts, wie ich es vermute, wird es die sauberste Toilette sein.“

Keine Stuttgarter Schule will eine dritte Toilette

Ob die Extra-Toilette Schule machen wird, bleibt abzuwarten. Möglicherweise können aber die Schüler in der bayerischen Landeshauptstadt München ebenfalls bald die dritte Option wählen: Nach Angaben des Bildungsreferates befasst sich derzeit eine „Arbeitsgemeinschaft dritte Option“ mit dem Thema und der Frage, wie Toiletten an Münchner Schulen künftig aussehen sollen.

In Stuttgart hingegen sind die Toiletten kein Thema. Aus dem Rathaus heißt es, dass man sich an die Vorgaben des Kultusministeriums halte. „An Stuttgarter Schulen können die Kinder zwischen zwei Türen wählen, wenn sie mal müssen. Keine Schule hat den Wunsch nach einer dritten Tür geäußert“, sagte Stadtsprecher Sven Matis.




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