Aus Tokio 2020 wird Tokio 2021 Das sind die Folgen der Olympia-Verschiebung

Glänzende Aussichten für Tokio 2020? In diesem Jahr nicht mehr. Foto: imago//Naoki Nishimura

In der Sportwelt herrscht Erleichterung über die nun beschlossene Verlegung der Olympischen Sommerspiele um ein Jahr. Für manch einen Sportler bringt das aber auch eine komplizierte Lage mit sich.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Stuttgart - Die Nachricht erreicht ihn auf der Schwäbischen Alb. Beim Training im Sattel seines Mountainbikes. Das Ziel, für das er sich gerade – und seit vier Monaten in der Saisonvorbereitung – abstrampelt, gibt es nicht mehr. Die Olympischen Spiele von Tokio finden aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie nicht im Sommer 2020 statt. „Sportlich“, spricht Manuel Fumic in sein Mobiltelefon, „ist das ein Desaster.“ Gerade für ihn.

 

37 Jahre alt ist er, vier Sommerspiele hat er miterlebt, sein Karriereende ist für den Herbst dieses Jahres geplant, Tokio hätte ein krönender Abschluss einer 20-jährigen Laufbahn werden sollen. „Es ist bitter“, ergänzt Fumic, „aber es war abzusehen. Und die Verschiebung ist die richtige Entscheidung.“ Naiv sei es geradezu gewesen, zuletzt noch an die Austragung zur geplanten Zeit ab dem 24. Juli zu glauben, sagt der Mountainbiker aus Kirchheim/Teck. Doch genau so verfuhr das Internationale Olympische Komitee (IOC).

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Noch als sich das Coronavirus weltweit rasant ausgebreitet hatte und daher zum Beispiel die Fußball-EM bereits verschoben worden war, spielte Thomas Bach, der deutsche IOC-Chef auf Zeit. Doch der Druck wurde größer und größer. Zunächst von den Virologen, die eine Austragung für nicht realistisch erachteten. Dann von Sportlern wie Max Hartung. Der Fechter hatte am Samstag erklärt, in Tokio nicht zu starten – unabhängig von einer Entscheidung des IOC. Seiner Vorgehensweise folgte das komplette kanadische Olympiateam. Und am Dienstag auch die japanische Regierung.

Das IOC lenkt spät ein

„Ich habe vorgeschlagen, die Spiele um ein Jahr zu verschieben, und Präsident Bach hat dem zu 100 Prozent zugestimmt“, sagte der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe. Gleiches gelte für die Paralympics, die vom 25. August bis 6. September in Tokio hätten stattfinden sollen. Als diese Sätze gesprochen wurden, waren weltweit bereits 390 000 Menschen mit dem Virus infiziert, 17 000 Menschen daran gestorben. Und nun lenkte auch das IOC ein. Die Spiele 2020 – sie sollen weiter so bezeichnet werden – finden erst im Sommer 2021 statt.

„Thomas Bach wurde das Heft des Handelns längst aus den Händen genommen“, sagt der frühere Sportfunktionär Clemens Prokop und bezeichnet die für viele Sportler quälende Hängepartie und deren Ausgang als „vermutlich die größte Niederlage, die Bach in seiner Laufbahn als Funktionär erlebt hat“. Paralympics-Sieger Niko Kappel kritisiert: „Er schafft es alle zwei Jahre irgendwie, in die Kritik zu geraten. Das tut dem Sport nicht gut.“

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Bachs Taktik galt endgültig als gescheitert, als am Montagabend nach den Kanadiern auch die entsprechenden Teams aus den USA und aus Großbritannien ankündigten, im Sommer nicht nach Tokio zu reisen. Damit wankte auch der Deal mit dem TV-Sender NBC, der für die Übertragungsrechte an den Spielen bis 2032 fast sechs Milliarden Euro zahlt. Allerdings ist auch die Verschiebung teuer. Experten schätzen, dass auf den Gastgeber Japan und den Veranstalter IOC Kosten von 5,6 bis 5,9 Milliarden Euro zukommen werden. Doch gerade für die Sportler ist die klare Entscheidung eine Erleichterung.

Faire Wettbewerbe wären nicht möglich gewesen

„Das hilft vor allem den Athleten, indem es den Trainings- und Qualifikationsdruck in dieser schwierigen Phase nimmt“, hieß es von Seiten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der für eine Verschiebung plädiert hatte. „Es hätten keine fairen Bedingungen geherrscht“, bestätigt Manuel Fumic und spielt damit auf mehrere Probleme an.

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Durch die unterschiedlichen Folgen der Pandemie in unterschiedlichen Ländern war an Trainingsbedingungen, die Chancengleichheit garantiert hätten, nicht mehr zu denken. Vorbereitungs- und Qualifikationswettkämpfe waren reihenweise abgesagt worden. Dopingkontrollen fanden zuletzt kaum noch statt. Auch den Betrügern wären Türen offen gestanden. „Man muss sich doch nur anschauen, was derzeit weltweit los ist“, sagt der Radsportler Fumic, „es war daher abzusehen und richtig, dass nun so entschieden wurde.“ Der Kugelstoßer Niko Kappel, der an den Paralympics teilgenommen hätte, ergänzt: „Der Druck war zu groß, noch länger zu warten.“ Und Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler erklärt: „Wenn alle an einem Strang ziehen, Athleten und nationale Verbände, dann ist man nicht machtlos. Der olympische Traum ist damit nicht ausgeträumt, er wird nur um ein Jahr verschoben.“ Für ihn zumindest.

Wie geht es nun weiter?

Bei Manuel Fumic dagegen steht in den Sternen, ob er den olympischen Traum noch einmal träumt. Wie gesagt: Seine Karriere sollte nach 20 Jahren zum Ende dieser Saison ausklingen. Dieser absehbare Schlussstrich hat ihm noch einmal viel Motivation und mentale Stärke für das Training und die eigentlich anstehenden Rennen gegeben – zu denen auch die WM in Albstadt gehört hätte. „Es wäre in all den Jahren meine erste Heim-WM gewesen“, sagt der Kirchheimer, der davon ausgeht, dass auch diese Veranstaltung abgesagt wird. Was er nun macht?

Erst mal das gleiche Programm durchziehen, als wenn es das große Ziel noch geben würde. „Ich brauche diese Routine“, sagt Fumic, der nunmehr gedanklich vor einer Herausforderung steht: Hängt er doch noch ein Jahr dran? Bis wann er dann weitermachen müsste, ist unklar, ein neuer Termin für die Spiele steht noch nicht fest (Bach: „Es gibt so viele Puzzlestücke. Das braucht Zeit“). Sicher ist: Er muss ins Sportjahr 2021 passen, in dem vom 11. Juni bis zum 11. Juli schon die Fußball-EM stattfinden soll.

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