Toleranz in der Schule Wahre Männer

Von Akiko Lachenmann 

Die lesbischen Kolleginnen haben es in vieler Hinsicht leichter. Von strafbaren sexuellen Handlungen zwischen Frauen war in deutschen Gesetzbüchern nie die Rede. Im Jahr 1957 erklärte das Bundesverfassungsgericht die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter damit, dass die männliche Homosexualität eine Gefahr darstelle, weil es bei ihr „eher um den reinen Lustgewinn geht“. Eine Frau würde hingegen allein durch ihren Körper daran erinnert, dass das Sexualleben mit Lasten verbunden sei. Demnach hielt sich die Angst vor Lesben in der Gesellschaft in Grenzen. In den Achtzigern formierten sich die Lesben im Windschatten der Frauenbewegung. Der GEW-Arbeitskreis „Lesbenpolitik“ feierte vor wenigen Wochen sein zwanzigjähriges Bestehen.

Die Jubilarinnen freuen sich über den frischen Wind, der von den Männern herüberweht. Der Kreis zählt mittlerweile 40 Mitglieder. Auch Christoph Bayer will sich ihm anschließen und ist an diesem Wochenende in die Landeshauptstadt gefahren. Im GEW-Haus sitzt man zusammen bei Kaffee und Dinkelkeksen. Neun Männer sind erschienen. Zwei, die zum ersten Mal kommen wollten, haben es sich wohl anders überlegt. In der Vorstellungsrunde nennt jeder den Vornamen, den Stand des „Outings“, wie es hier heißt, wenn man sich öffentlich zur Homosexualität bekennt, und in welchem Schulumfeld er arbeitet. Es liegen Welten zwischen einer Schule in der Stuttgarter Innenstadt und einer im pietistisch geprägten Speckgürtel der Stadt, dem „Pietkong“, wie Fleige zu sagen pflegt.

Christophs Nebensitzer Alex ist einen Schritt weiter als er. Er ist voll geoutet und sieht sich als Gymnasiallehrer für Gemeinschaftskunde nun in der Pflicht, im Unterricht über Homosexualität zu reden. Als er einen Film zeigte, in dem sich zwei Schüler küssen, verlangten mehrere Eltern eine Unterredung mit ihm und der Schulleitung. „Ich saß wie auf der Anklagebank“, sagt er. Er hätte sich besser wehren können, stünde das Thema Homosexualität explizit in den Lehrplänen der Schulen.

Gegenwärtig findet man in den Bildungsstandards nur, dass Schüler „Toleranz gegenüber anderen Lebensformen“ verinnerlichen sollen. Den Lehrern bleibt überlassen, wie sie das unterrichten. Das habe zur Folge, so Fleige, dass „nicht geoutete Lehrer das Thema lieber umschiffen“, es könnte ja ein Verdacht entstehen. „Geouteten Lehrern“, die das Thema behandeln, werde hingegen unterstellt, sie wollten Homosexualität als attraktiven Lebensstil anpreisen. Bei den anderen Lehrern falle das Thema „oft hinten runter“. „An oberster Stelle stehen in Deutschland Antisemitismus und Rassismus“, sagt Fleige. Erst nach der Diskriminierung von Frauen komme irgendwann die Diskriminierung Homosexueller.

Zeit sich einzumischen

Die Zeit ist gekommen, sich einzumischen. Grün-Rot regiert. „Nie waren die Chancen besser, gehört zu werden“, sagt Udo Fleige. Schließlich waren es die Grünen, die zu Zeiten der schwarz-gelben Landesregierung mit unbequemen Fragen auf die Homophobie an Schulen aufmerksam machen wollten. Die Antworten der damaligen Regierung hatte Fleige unter die Lupe genommen. Unter anderem verwies sie auf die schulpsychologischen Beratungsstellen, an die sich Ratsuchende wenden könnten. Fleige rief dort versuchsweise an. Der Berater habe aber schon mit dem Begriff „Coming Out“ gar nichts anfangen können.

Als Ministerpräsident Kretschmann im Juni einige Schwulen- und Lesbenorganisationen empfing, wehten erstmals Regenbogenfahnen vor der Villa Reitzenstein. Auf einmal soll Baden-Württemberg „zu einem Vorreiter für Offenheit und Vielfalt im Hinblick auf sexuelle Identität werden“, so zumindest kündigte es die SPD-Sozialministerin Katrin Altpeter an.

Vertreter der gesamten sogenannten LSBTTi-Gemeinde – eine Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle – wurden aufgefordert, an einem Aktionsplan für mehr Toleranz und Chancengleichheit mitzuarbeiten. Auch sollen unter Mitwirkung vieler gesellschaftlicher Gruppen bis zum Jahr 2015 neue Bildungspläne erarbeitet werden, in denen laut Koalitionsvertrag „die Vermittlung unterschiedlicher sexueller Identitäten verankert“ werden sollen. Auf das entflammte Interesse musste sich der kleine Arbeitskreis Schwule Lehrer erst einmal einstellen. Nicht alle, sagt Fleige, fühlten sich zu politischer Arbeit berufen. Manchmal tagen sie auch nur zu zweit. Wie gut, dass sich der Vorsitzende ein Sabbatjahr genommen hat.

Bis der Junglehrer Christoph Bayer seinen Schülern sorglos erzählen kann, dass er lieber Männer liebt als Frauen, werden wohl noch viele Jahre vergehen. Der Arbeitskreis gibt „Nicht-Geouteten“ keine Empfehlungen mit auf den Weg. Auch der Schulleiter Holger Henzler-Hübner will nicht von sich auf andere schließen: „Mit der Frage, inwieweit man sich hierzulande zu erkennen gibt, steht jeder Lehrer ganz allein da.“ Er selbst sei damit immer recht unbedarft umgegangen. „Ich habe einfach nie glauben können, dass jemand ernsthaft etwas dagegen haben könnte.“ Er ist mit dieser Haltung gut gefahren.




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