Spannungsfeld Schule: Die meisten homosexuellen Lehrer haben Angst, sich zu outen. Denn die Schule, wo Kinder sich zu mündigen und toleranten Persönlichkeiten entwickeln sollen, gehört zu den homophoben Orten in der Gesellschaft.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Stuttgart - Er geht gern zur Arbeit. Morgens wählt er seine Garderobe so, wie es sich für einen Schulleiter geziemt: Hemd, Schuhe aus Leder und, wenn es der Anlass erfordert, auch mal ein Jackett. Dass er gerne Ohrringe, pinkfarbene Hemden und mit Nieten besetzte Gürtel trägt, dass sein schwarz-lockiges Haar bis auf die Schultern fällt, gehört für ihn zum Ausdruck seiner persönlicher Freiheit. Der 39-jährige Holger Henzler-Hübner ist schwul. Bei seiner Einstellungsfeier vor einem Jahr stellte er auch gleich seine Familie vor: den Ehepartner und den adoptierten Sohn.

Henzler-Hübner ist die Ausnahme, der Exot, der Ausreißer in der Statistik. Die Realität ist für homosexuelle Lehrer eine andere, eine kompliziertere, in der das Anderssein teilweise verschwiegen, teilweise angedeutet und nur, wenn die Umstände günstig sind, vereinzelt offenbart wird. Der Grund für die Scheu ist Angst. Die Schule, wo Kinder sich zu mündigen und toleranten Persönlichkeiten entwickeln sollen, gehört zu den homophoben Orten in der Gesellschaft. Klaus Wowereit, Elton John und das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ haben daran nichts geändert.

Fast zwei Drittel aller Schüler lehnen bundesweiten Umfragen zufolge Homosexualität ab, finden sie „nicht gut“ oder „überhaupt nicht gut“. Auf Pausenhöfen sind Ausdrücke wie „voll schwul“ oder „Schwuchtel“ weit verbreitete Schimpfwörter. Sogar im Lehrerzimmer stoßen homosexuelle Lehrer auf Ressentiments, wie eine von dem Referendar Arne Müller initiierte Befragung von mehr als 1000 schwulen Kollegen ergab. Demnach geben 15 Prozent an, sich ausgegrenzt zu fühlen. Acht Prozent berichten von Beleidigungen durch ihre Kollegen. Hinzu kommen häufig Eltern mit sehr tradierten Vorstellungen von Familie. Wenn die Schule in einem auffallend religiös geprägten Landstrich liegt, ist die Furcht der schwulen Lehrer vor einer Diskriminierung am größten.

Den Schülern gegenüber lässt er sich nichts anmerken

In so einem Schulumfeld arbeitet zurzeit Christoph Bayer, ein Deutschlehrer an einem kleinen Gymnasium irgendwo zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Genauer will er es nicht beschreiben, auch seinen richtigen Namen möchte er nicht preisgeben. Im Kollegium wussten bald alle Bescheid, eine lesbische Kollegin hatte den Weg geebnet. Den Schülern gegenüber lässt er sich aber immer noch nichts anmerken. Er fürchte vor allem die Reaktionen der Eltern, sagt er. Als Schüler den „Krabat“ von Otfried Preußler aufführen sollten, stellten sich einige der Eltern quer. Der Krabat sei ein Teufelswerk und „eine Gefahr für ungefestigte Kinderseelen“, hieß es. „Wenn bekannt wird, dass ich schwul bin, stelle ich für sie dann auch eine Gefahr dar?“, fragt sich Christoph Bayer. Was, wenn ihn Schüler fragen? Soll er schwindeln und damit zu verstehen geben, dass man über das Schwulsein nicht spricht? Welch ein Vorbild wäre er, vor allem für all jene Schüler, die so fühlen wie er? Laut Schätzung der Bundeszentrale für politische Bildung sind das zwei bis drei pro Klasse.

Der Junglehrer suchte Rat im Internet - und fand „Schwule Lehrer“, einen Arbeitskreis der Lehrergewerkschaft GEW. In Berlin tagt die Gruppe seit 1978. Baden-Württembergs GEW brauchte 30 Jahre länger. Seit März 2008 gibt es das Angebot für schwule Lehrer, sich an einem geschützten Ort auszutauschen. „Eine schwere Geburt“, erinnert sich der Vorsitzende Udo Fleige. Nach zwei Fehlstarts – zunächst erschienen eher therapiebedürftige Personen – kamen regelmäßig vier Lehrer zusammen. Seither hat sich vieles getan. Stolz zeigt Fleige einen Artikel über den Arbeitskreis, der vor wenigen Monaten in der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft erschienen ist. „Mit Foto“, betont er. Zu sehen sind neun schüchtern bis fröhlich dreinblickende Männer. Für Fleige „ein Dokument von historischer Bedeutung“.

Anfang der 70er Jahre, als sich Homosexuelle in Deutschland gegen die Diskriminierung zu wehren begannen, verhüllten sie bei Demonstrationen ihre Gesichter unter weißen Kapuzen. „Unzucht“ unter Männern stand unter Strafe. An Schulen wurden Filme wie „Christian und sein Briefmarkenfreund“ gezeigt: Ein Lehrer lädt einen Schüler zu sich in die Wohnung ein und wird zudringlich. Es sollte ein Aufklärungsfilm sein, und nebenbei stigmatisierte er homosexuelle Lehrer. Bis heute hält sich bei vielen Eltern die Furcht, schwule Lehrer könnten sich an den Schülern vergehen. An einer Renninger Schule wollte eine Mutter ihren Sohn nicht mit dem Lehrer ins Schullandheim fahren lassen. Im Internet erzählen Lehrer, sie müssten sich Fragen gefallen lassen wie: „Gehen Sie auch allein aufs Zimmer der Kinder?“

Wahre Männer

Die lesbischen Kolleginnen haben es in vieler Hinsicht leichter. Von strafbaren sexuellen Handlungen zwischen Frauen war in deutschen Gesetzbüchern nie die Rede. Im Jahr 1957 erklärte das Bundesverfassungsgericht die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter damit, dass die männliche Homosexualität eine Gefahr darstelle, weil es bei ihr „eher um den reinen Lustgewinn geht“. Eine Frau würde hingegen allein durch ihren Körper daran erinnert, dass das Sexualleben mit Lasten verbunden sei. Demnach hielt sich die Angst vor Lesben in der Gesellschaft in Grenzen. In den Achtzigern formierten sich die Lesben im Windschatten der Frauenbewegung. Der GEW-Arbeitskreis „Lesbenpolitik“ feierte vor wenigen Wochen sein zwanzigjähriges Bestehen.

Die Jubilarinnen freuen sich über den frischen Wind, der von den Männern herüberweht. Der Kreis zählt mittlerweile 40 Mitglieder. Auch Christoph Bayer will sich ihm anschließen und ist an diesem Wochenende in die Landeshauptstadt gefahren. Im GEW-Haus sitzt man zusammen bei Kaffee und Dinkelkeksen. Neun Männer sind erschienen. Zwei, die zum ersten Mal kommen wollten, haben es sich wohl anders überlegt. In der Vorstellungsrunde nennt jeder den Vornamen, den Stand des „Outings“, wie es hier heißt, wenn man sich öffentlich zur Homosexualität bekennt, und in welchem Schulumfeld er arbeitet. Es liegen Welten zwischen einer Schule in der Stuttgarter Innenstadt und einer im pietistisch geprägten Speckgürtel der Stadt, dem „Pietkong“, wie Fleige zu sagen pflegt.

Christophs Nebensitzer Alex ist einen Schritt weiter als er. Er ist voll geoutet und sieht sich als Gymnasiallehrer für Gemeinschaftskunde nun in der Pflicht, im Unterricht über Homosexualität zu reden. Als er einen Film zeigte, in dem sich zwei Schüler küssen, verlangten mehrere Eltern eine Unterredung mit ihm und der Schulleitung. „Ich saß wie auf der Anklagebank“, sagt er. Er hätte sich besser wehren können, stünde das Thema Homosexualität explizit in den Lehrplänen der Schulen.

Gegenwärtig findet man in den Bildungsstandards nur, dass Schüler „Toleranz gegenüber anderen Lebensformen“ verinnerlichen sollen. Den Lehrern bleibt überlassen, wie sie das unterrichten. Das habe zur Folge, so Fleige, dass „nicht geoutete Lehrer das Thema lieber umschiffen“, es könnte ja ein Verdacht entstehen. „Geouteten Lehrern“, die das Thema behandeln, werde hingegen unterstellt, sie wollten Homosexualität als attraktiven Lebensstil anpreisen. Bei den anderen Lehrern falle das Thema „oft hinten runter“. „An oberster Stelle stehen in Deutschland Antisemitismus und Rassismus“, sagt Fleige. Erst nach der Diskriminierung von Frauen komme irgendwann die Diskriminierung Homosexueller.

Zeit sich einzumischen

Die Zeit ist gekommen, sich einzumischen. Grün-Rot regiert. „Nie waren die Chancen besser, gehört zu werden“, sagt Udo Fleige. Schließlich waren es die Grünen, die zu Zeiten der schwarz-gelben Landesregierung mit unbequemen Fragen auf die Homophobie an Schulen aufmerksam machen wollten. Die Antworten der damaligen Regierung hatte Fleige unter die Lupe genommen. Unter anderem verwies sie auf die schulpsychologischen Beratungsstellen, an die sich Ratsuchende wenden könnten. Fleige rief dort versuchsweise an. Der Berater habe aber schon mit dem Begriff „Coming Out“ gar nichts anfangen können.

Als Ministerpräsident Kretschmann im Juni einige Schwulen- und Lesbenorganisationen empfing, wehten erstmals Regenbogenfahnen vor der Villa Reitzenstein. Auf einmal soll Baden-Württemberg „zu einem Vorreiter für Offenheit und Vielfalt im Hinblick auf sexuelle Identität werden“, so zumindest kündigte es die SPD-Sozialministerin Katrin Altpeter an.

Vertreter der gesamten sogenannten LSBTTi-Gemeinde – eine Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle – wurden aufgefordert, an einem Aktionsplan für mehr Toleranz und Chancengleichheit mitzuarbeiten. Auch sollen unter Mitwirkung vieler gesellschaftlicher Gruppen bis zum Jahr 2015 neue Bildungspläne erarbeitet werden, in denen laut Koalitionsvertrag „die Vermittlung unterschiedlicher sexueller Identitäten verankert“ werden sollen. Auf das entflammte Interesse musste sich der kleine Arbeitskreis Schwule Lehrer erst einmal einstellen. Nicht alle, sagt Fleige, fühlten sich zu politischer Arbeit berufen. Manchmal tagen sie auch nur zu zweit. Wie gut, dass sich der Vorsitzende ein Sabbatjahr genommen hat.

Bis der Junglehrer Christoph Bayer seinen Schülern sorglos erzählen kann, dass er lieber Männer liebt als Frauen, werden wohl noch viele Jahre vergehen. Der Arbeitskreis gibt „Nicht-Geouteten“ keine Empfehlungen mit auf den Weg. Auch der Schulleiter Holger Henzler-Hübner will nicht von sich auf andere schließen: „Mit der Frage, inwieweit man sich hierzulande zu erkennen gibt, steht jeder Lehrer ganz allein da.“ Er selbst sei damit immer recht unbedarft umgegangen. „Ich habe einfach nie glauben können, dass jemand ernsthaft etwas dagegen haben könnte.“ Er ist mit dieser Haltung gut gefahren.