Blick auf Sindelfingen – die Scheibe zeigt markante Punkte an. Foto: /Anke Kumbier
Der Kreis Böblingen hat einen neuen Aussichtspunkt. Am Donnerstag wurde der Dachskopf auf der ehemaligen Mülldeponie Dachsklinge in Sindelfingen eingeweiht. Es handelt sich um den höchsten Punkt der Stadt mit Ausblick in alle Richtungen.
Bei strahlendem Sonnenschein wandern rund 80 Menschen auf die ehemalige Mülldeponie „Dachsklinge“ in Sindelfingen. Mit jeder Windung des Weges kommen sie ihrem Ziel näher: dem neuen Aussichtspunkt „Dachskopf“. Er bildet mit 553 Metern über Meereshöhe den höchsten Punkt Sindelfingens. Wer oben angekommen ist, kann bei klarer Sicht die Blicke bis zur Schwäbischen Alb, über den Schönbuch und zum Fernsehturm schweifen lassen.
Fußweg und Aussichtspunkt sind ein Projekt des Abfallwirtschaftsbetriebs des Landkreises Böblingen (AWB) und der Stadt Sindelfingen. Konzipiert wurde es gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern, den Ortsgruppen des Schwarzwaldvereins, des ADFC, des NABU und mit dem städtischen Forst.
Mit dem Spaziergang am Donnerstagnachmittag weihen Landrat Roland Bernhard (parteilos) und Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (CDU) Weg und Aussichtsplattform ein. Beides steht ab sofort der Öffentlichkeit zur Verfügung.
„Ein Müllberg mit Weitblick“
Oben angekommen, gelten die ersten bewundernden Worte der Aussicht. „Die Aussichtsplattform setzt der Dachsklinge die Krone auf“, sagt Landrat Bernhard. Er sei überzeugt davon, dass sie ein Renner werde. „Es ist ein Müllberg mit Weitblick“, stellt er fest. Diese Worte beziehen sich wohl nicht nur auf den neuen Aussichtspunkt, sondern auch auf die Energiedrehscheibe, die auf der ehemaligen Mülldeponie entsteht.
Als kleines Schmankerl wurde der „Dachskopf“ um einige Meter aufgeschüttet. /Anke Kumbier
PV-Anlagen liefern laut Bernhard bereits jetzt grünen Strom für rund 1000 Haushalte. Außerdem soll demnächst eine 3,5 Kilometer lange Leitung Rohbiogas von der Vergärungsanlage in Leonberg zur Dachsklinge schicken. Dort soll das Rohbiogas zu erdgasähnlichem Biomethan aufbereitet und danach zum Heizen oder als Treibstoff verwendet werden.
Geht es nach Wunsch des Landrats, runden Windräder zwischen Dachsklinge und Autobahn den Energiemix ab. Alle seien immer für Windräder, aber sobald es um die eigene Gemarkung gehe, wackle die Entschiedenheit, kann er sich einen kleinen Seitenhieb auf die aktuellen Debatten nicht verkneifen. „Mein Dank geht deshalb an Sindelfingen, dass sie bereit wären, hier Windräder hinzustellen.“
Ein Projekt aus der Bürgerschaft
Ja, Sindelfingen stehe zur Windkraft, aber immer mit Augenmaß, erwidert OB Vöhringer, der in seiner Rede allen am Projekt Beteiligten dankt. „Das ist ein Gemeinschaftswerk“, gibt er den Zuhörerinnen und Zuhörern mit. Die Idee, auf der Mülldeponie einen Aussichtspunkt einzurichten, schwelt offenbar schon lange – bei Thomas Schweizer, der sich beim AWB um Deponien kümmert, und in der Bürgerschaft, vor allem beim Inseltreff Eichholz, einem Quartierstreff. So hätten 2014 Bewohner des nahe gelegenen Sindelfinger Stadtviertels Eichholz die Dachsklinge erkundet – verbotenerweise, berichtet Thomas Alf vom Inseltreff. „Wir haben gedacht, ein Aussichtspunkt dort oben wäre eine gute Idee.“ Nach ihrem Ausflug fanden sie sich in ihrer Annahme ganz offensichtlich bestätigt und beim AWB ein offenes Ohr. „Man nimmt den Bürgern erst etwas weg, bereitet ihnen mit der Deponie Unannehmlichkeiten und gibt ihnen dann etwas zurück“, sagt Schweizer. „Das war wirklich ein Bürgerprojekt“, lobt Alf.
Allerdings sei es nicht möglich gewesen, gleich 2014 mit dem Bau von Weg und Plattform zu beginnen, erklärt Schweizer. Denn es kostet Zeit, eine aufgegebene Deponie zu rekultivieren. Die Oberflächen müssen gut abgedichtet werden, um Mensch und Natur vor den Abfällen zu schützen. Noch über Jahrzehnte fallen Nachsorgearbeiten für entstehende Gase und Sickerwasser an. In der Zwischenzeit holt sich die Natur nach und nach ihre Revier zurück, und vor etwa zwei Jahren begann die konkrete Planung für Weg und Plattform.
Infotafeln, Bänke und sogar ein Kunstwerk
Der Eingang zum sogenannten Weg befindet sich am südlichen Rand der Deponie. Von dort führt ein 800 Meter langer, gekiester Weg zur Aussichtsplattform Dachskopf – ein mit Gras bewachsener Hügel, der auf dem höchsten Punkt der Deponie extra aufgeschüttet wurde. Entlang des Wegs informieren 13 Tafeln über die Geschichte der Mülldeponie. Wer eine Pause braucht, findet Bänke, von denen sich die Aussicht besonders entspannt genießen lässt. Bei Wind und Regen bietet eine kleine Hütte Schutz. Das Holz für Bänke und Hütte stammt aus den Sindelfinger Wäldern.
In der Mitte des Bildes und der Deponie prangt inzwischen die Aussichtsplattform „Dachskopf“. /sts
Ein Kunstwerk und eine Richtungsscheibe runden den Dachskopf ab. Die Richtungsscheibe hat der Sindelfinger Gerhard Maus entworfen, sie zeigt an, was von dort oben zu sehen ist. Nur Toiletten gibt es nicht – wie eine Bürgerin auf kritische Nachfrage erfährt. Doch alles in allem fällt das Fazit positiv aus. „Der Ausblick ist sagenhaft“, findet etwa Heinz Hornikel. „Wenn das pfleglich behandelt wird, ist das eine tolle Sache.“ Das Projekt sei ein schöner Anziehungspunkt, meint Andrea Lipowsky-Müller. „Das steht Sindelfingen gut zu Gesicht steht.“
Wie man den Spazierweg erreicht
Anreise Wer mit dem Auto kommt, kann in der Eschenriedstraße in Sindelfingen parken. Unterhalb des Hauses Sommerhof führt ein ausgeschilderter Schotterweg hangaufwärts zum Eingangstor des neuen Deponiewegs, in der Nähe des dritten Biotops am südlichen Rand der Deponie. Die Koordinaten lauten: 48°43’50.822 , 9°1’16.389. Der Weg dorthin beträgt etwa 1,5 Kilometer, hinzu kommen noch die 800 Meter zum Aussichtspunkt „Dachskopf“.
Dachsklinge Die Mülldeponie Dachsklinge war von 1959 bis 1997 in Betrieb. Auf ihr wurden rund fünf Millionen Tonnen Haus- und Geschäftsmüll abgelagert