Tonio Schachinger am Sindelfinger Stiftsgymnasium Prominenter Autorenbesuch ersetzt Schulunterricht

Im VHS-Saal las Tonio Schachinger aus seinem Roman. Foto: Eibner/Michael Memmler

Tonio Schachinger, Schriftsteller und Gewinner des Deutschen Buchpreises 2023, liest am Stiftsgymnasium aus seinem Roman „Echtzeitalter“ – und stellt sich den Schülerfragen.

Auto-Team: Rouven Spindler (rsp)

Unter Applaus betritt Tonio Schachinger die Bühne im Sindelfinger Stiftsgymnasium, setzt sich und beginnt mit einem lockeren „Hallo“. Dann liest der Schriftsteller aus Wien aus seinem ausgezeichneten Roman „Echtzeitalter“ vor – und lässt sich von den Schülern ausfragen.

 

Die fast 60 angehenden Abiturienten gehen in die elfte Klasse. Im VHS-Saal lauschen sie an diesem Freitag gemeinsam mit Lehrern den Buchauszügen – Lesung statt Unterricht. Möglich machte das Sanne Mäusling, die von Tonio Schachingers geplantem Besuch in Waldenbuch erfahren und sich beim Verlag um eine weitere Station der Lesereise im Gymnasium bemüht hatte. Mit Erfolg. Gemeinsam mit ihrer Lehrerkollegin Carolin Niehues organisiert sie die Lesung. Ziel sei es, den Schülern die Literatur – und an diesem Tag eben den Gewinner des Deutschen Buchpreises 2023 – näherzubringen. Auch das sei „Aufgabe der Schule“.

Gaming als passendes Thema

Tonio Schachingers zweiter Roman handelt von Till, der in einem Wiener Eliteinternat zur Schule geht und dem der Klassenvorstand Dolinar die Schulzeit zur Hölle macht. Der Jugendliche flüchtet aus seinem Alltag in das Computerspiel „Age of Empires II“ und wird darin einer der besten Gamer der Welt.

Tonio Schachinger ist der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2023. Foto: Eibner/Michael Memmler

Mit diesem Thema trifft Tonio Schachinger die Lebenswelt seiner jungen Zuhörer. „Gaming ist natürlich für viele hier ein Riesenthema“, sagt auch Carolin Niehues. Zum Beispiel für den Böblinger Schüler Michael Wiedergold, der sagt, derzeit eher an Videospielen als an Büchern interessiert zu sein.

Emil Beilharz, der neben ihm sitzt, hatte seine Frage an Schachinger, nämlich wie der Schreibprozess eines Autors abläuft und wie viel Zeit dieser beansprucht, schon früh im Kopf. „Morgens mache ich gar nichts“, gesteht Tonio Schachinger in seiner Antwort. Insgesamt habe er aber etwa zweieinhalb Jahre an seinem Buch gearbeitet.

Freude am Austausch mit dem Wiener

Schachinger antwortet auf alle Fragen, die die Schüler ihm stellen – mal kürzer, mal ausführlicher. „Sich mit dem Autor selbst zu unterhalten, ist selten“, sagt Carina Sobbe, die die Mischung aus Lesung und Gespräch spannend findet. Der 32-jährige Autor erklärt auf eine Frage, dass sein Schulabschluss der glücklichste Moment seines Lebens gewesen sei. Albträume vor Prüfungen und Co., bis dahin seine Begleiter – alles weg. Bis zur Arbeit an seinem zweiten Roman. „Beim Schreiben kam es wieder“, blickt der Buchpreisträger zurück und meint: „Es ist schwer, über Schule ein unkritisches Buch zu schreiben.“

In Sindelfingen steht der Schriftsteller kurz vor seiner Sommerpause. Am Abend zuvor war er bereits im Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch zu Gast. Vom Stiftsgymnasium aus geht es für ihn am frühen Freitagnachmittag über den Böblinger Hauptbahnhof nach Nürnberg. Nun liegen zwei freie Monate vor Tonio Schachinger. Und bald dürfen auch die Schüler und Lehrer in die Ferien starten – womöglich mit einem Buch in der Hand, dessen Autor sie jetzt persönlich kennen.

Zweiter Besuch im Landkreis am Vortag

Zur Person

Leben
Tonio Schachinger, 1992 in Neu-Delhi (Indien) geboren, ist Sohn einer Künstlerin und eines Diplomaten. Er wuchs in Nicaragua und Wien auf, wo der heute 32-Jährige lebt. Nach der Scheidung seiner Eltern blieb er damals in Österreich. Dort ging er zur Schule und studierte Germanistik an der Universität Wien sowie Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst.

Auszeichnungen
Mit seinem ersten Buch „Nicht wie ihr“ schaffte es der Autor 2019 in die engere Auswahl für den Deutschen Buchpreis, 2020 erhielt er für das Werk den Förderpreis des Bremer Literaturpreises. Drei Jahre später durfte Schachinger für seinen zweiten Roman „Echtzeitalter“ den Deutschen Buchpreis entgegennehmen. (rsp)

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