Topverdiener in Stuttgart-Degerloch Die Reichen am Waldrand – „Waldau ist ein Synonym für Villa“

In diesem Gebäude auf der Waldau werden Familienunternehmen beraten. „Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz“, Rechtsanwälte und Steuerberater, haben hier ihr Büro, das steht groß auf einem Schild an der Einfahrt. Foto: StZN/Montage: Marie Scholz

Der Stuttgarter Stadtteil Waldau mit seinen großen Villen und üppigen Grundstücken zieht Topverdiener an. Die Entstehung ist historisch geprägt. Was an dem Stückchen Degerloch ist so attraktiv für Reiche?

Ein Bentley steht auf einem gepflasterten Hof, der an eine Villa angrenzt. Das Grundstück ist groß – und mit Mauern und Bäumen vor neugierigen Blicken von außen abgeschirmt. Nur weil das Tor zur Einfahrt offensteht, ist das Luxusauto von der Straße aus sichtbar. Wie groß und prunkvoll das nach hinten versetzte Gebäude ist, lässt sich nur erahnen. Die Villa ist eine von vielen auf der Waldau in Stuttgart-Degerloch. Die meisten von ihnen stehen frei, haben einen großen Garten, manche einen Pool. Überall stehen Bäume und Büsche der unterschiedlichsten Arten. Es ist ruhig, dörflich – und für einen Außenstadtbezirk teuer.

 

Der Bodenrichtwert, der angibt, wie viel ein Quadratmeter Boden durchschnittlich kostet, liegt bei 2140 Euro. Zum Vergleich: Im Möhringer Zentrum zahlt man 1770 Euro, in der Mitte Vaihingens – mit Ausnahme eines kleinen Teils – 1780 Euro. Kein Wunder also, dass auf der Waldau viele Topverdiener leben. Unser Einkommensatlas teilt das Haushaltsnettoeinkommen pro Monat in sechs Gruppen ein. Die Schätzungen des Datendienstleisters infas360 zeigen, dass die Waldau zu den fünf Stadtteilen mit den höchsten Anteilen der oberen beiden Einkommensklassen gehört – also zwischen 3500 und 5000 Euro und über 5000 Euro.

So sind die Einkommensklassen in Stuttgart verteilt

Degerloch bekommt eigenes Wasserwerk

Dass der Stadtteil am Waldrand Reiche anzieht, ist nicht neu und schon im Namen verankert, weiß Helmut Doka, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt in Degerloch. „Im Volksmund in Degerloch heißt die Waldau die Villa“, sagt er und erzählt, wie das Wohnviertel entstanden ist: Degerloch sei früher ein relativ armes Dorf gewesen. Bauern und Weingärtner hätten dort gelebt, eine Wasserversorgung habe es nicht gegeben. „Man musste das Wasser aus dem Ramsbachtal hochschleppen, für reiche Leute war das keine Option.“ Irgendwann seien die Degerlocher auf die Idee gekommen, sich ein eigenes Wasserwerk bauen zu lassen. Württembergs König Karl I. unterstützte das Vorhaben und beauftragte seinen erste Staatstechniker Karl von Ehmann mit dem Bau. Am 18. November 1872 war es dann so weit, „das erste Wasserwerk auf den Fildern“ entstand.

„Und jetzt sind die wohlhabenden Stuttgarter, die da unten in ihrem Kessel saßen, und im Sommer furchtbar schwitzten und unter dem Gestank der schlechten Luft litten, auf die glorreiche Idee gekommen, sich in dem angenehmen, viel frischeren Degerloch ein Sommerhaus zu bauen.“ So sei das Villenviertel auf der Waldau entstanden. Wer da den Sommer verbrachte, sei „betucht“ gewesen, Minister und Staatsmänner, auch Werner von Siemens hat mit seiner Frau eine Villa an der Jahnstraße gebaut. Entstanden war „eine Versammlung von Wohlhabenden, Migranten aus Stuttgart, die hier eine Art zweite Welt aufgemacht haben“.

Stuttgarter schwärmen nach Degerloch aus

Als Stuttgart das bis dahin eigenständige Degerloch 1908 eingemeindete, nahm der Fortschritt seinen Lauf. Sanatorien siedelten sich an, Degerloch wurde Luftkurort. Kurz: „ein richtig attraktiver Ort“, so Doka. Hunderte bis Tausende Stuttgarter seien an den Wochenenden mit der Zacke dem Kessel entflohen, „um oben spazieren zugehen und in den Kneipen zu bechern“. Neben der Zahnradbahn trugen die Straßenbahn auf der Neuen Weinsteige und die Filderbahn Richtung Vaihingen dazu bei, dass Degerloch „zur Drehscheibe zwischen Stuttgart und den Fildern“ wurde.

Aber wie ist es heute? Warum wohnen Menschen, die wegen ihres Einkommens überall leben könnten, auf der Waldau? Für Rechtsanwalt Brun-Hagen Hennerkes und seine Frau Christa, die vor 50 Jahren auf die Waldau gezogen sind, sind es „die schöne Umgebung“, der Wald, die Natur. „Gerade mit drei kleinen Kindern“ hätten sie all das zu schätzen gelernt und als angenehm empfunden.

„Man merkt, dass es dem Viertel gut geht“

Ein Topverdiener aus der Industrie, der öffentlich eigentlich nicht über sein Privatleben spricht und wie viele Gesprächspartner anonym bleiben will, nennt die Waldau, wo er seit 2021 lebt, „total lebenswert“ – und zwar aus mehreren Gründen. Einerseits könne man „in jede Richtung gehen, joggen, Radfahrern, spazieren“, andererseits sei die Epplestraße mit Geschäften für den täglichen Bedarf in Fußnähe zu erreichen. Er nennt die Sportangebote „oben auf der Waldau“, das gute Angebot an Schulen und die hervorragende Anbindung an die Innenstadt. „Man kommt mit der Zacke schnell zum Marien- und mit der U-Bahn zum Charlottenplatz. Und auch die Verbindung zum Flughafen ist gut“, fasst er zusammen. Ein bekannter Architekt zählt ähnliche Gründe auf und hebt außerdem die gute Nachbarschaft hervor. „Bei uns duzt sich jeder“ sagt er. Einmal im Jahr gebe es ein gemeinsames Straßenfest.

Spürt man den Wohlstand auf der Waldau überhaupt? „Man merkt, dass es dem Viertel gut geht“, sagt der in der Industrie tätige Wahl-Waldauer. Und trotzdem herrsche dank vieler Ur-Degerlocher und Sportler Bodenständigkeit. Zurück zum Bentley: Das Auto ist mittlerweile wieder vor Blicken abgeschirmt, das Tor zum Hof ist verschlossen. Wer vorbeigeht, kann nur erahnen, dass sich nicht jeder das Wohnen hinter den hohen Mauern leisten kann.

Einkommensatlas

Serie
Mit unserer Serie „Einkommensatlas“ zeigen wir in den kommenden Wochen für alle Stuttgarter Stadtbezirke, wo Gut- und Geringverdiener wohnen – und wie man in der Stadt damit umgeht. Wir zeigen die Daten auf Karten und ordnen sie ein. Auf unserer Themenseite finden Abonnentinnen und Abonnenten die interaktive Karte sowie erste Analysen.

Daten
Die Einkommensschätzung stammt vom Daten- und Marktforschungsunternehmen infas360. Das Rechenverfahren trifft in den meisten Fällen die richtige Einkommensklasse, kann aber auch von der Realität abweichen. Es sagt weniger über einzelne Haushalte aus, sondern vor allem über die Verteilung von Einkommen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mehr zur Methodik erfahren Sie hier.

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