Der Halt an der Aussichtsplattform oberhalb von Stetten wird früher als angekündigt geschlossen – zum Ärger vieler Motorradfahrer aus der Region.
Dienstag, später Nachmittag. Die L1199 windet sich von Stetten hinauf in Richtung Esslingen, endlich mal wieder durchzogen von goldenem Abendlicht. Hier oben, am Aussichtspunkt „Tor ins Remstal“, stoppen vier Motorräder. BMW, Honda, Aprilia, Yamaha: glänzender Lack, blitzender Chrom. Es ist einer der letzten Tage, an denen sie hier halten dürfen. Der Rems-Murr-Kreis ist dabei, Tatsachen zu schaffen: Die Haltebucht, langjähriger Treffpunkt für Biker und Aussichtsliebhaber, wird geschlossen – und das früher als gedacht.
Wie das Landratsamt mitteilt, haben die Arbeiten zur „Entsiegelung der Fläche“ bereits begonnen. Eigentlich war der Baustart erst für den Herbst geplant, also nach dem Ende der Motorradsaison. Jetzt rollen die Bagger mitten im Sommer an. Der Unmut auf zwei Rädern ist entsprechend groß.
Protest aus der Biker-Community: „Sperrung trifft die Falschen“
Luis aus Neuhausen, 21, steht in schwarz-weißer Lederkombi neben seiner BMW BMW M1000R Competition – mehr als 200 PS stark, ein Geschoss auf zwei Rädern. Seit fast fünf Jahren komme er regelmäßig hierher. „Das ist meine Hausstrecke“, sagt er. „Hier den Aussichtspunkt zu sperren, nur weil sich ein paar Idioten nicht im Griff haben, trifft die Falschen. Wer rasen will, tut es auch ohne Zuschauer.“ Er schüttelt den Kopf.
„Wir haben uns hier in den Sommermonaten fast täglich getroffen“, erzählt auch Lara, 22, Jurastudentin, ebenfalls auf dem Motorrad unterwegs. „Der Platz liegt außerhalb. Wir haben niemanden gestört – und trotzdem wird er uns genommen.“
Die Kritik entzündet sich nicht nur am Inhalt der Maßnahme, sondern auch am Zeitpunkt. Dass der Kreis jetzt schon loslege, ohne Rücksicht auf die Saison, sei ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich an Regeln halten, sagt Lara, die genau wie Luis zu der Gruppe „Stuttgarter Biker“ gehört. Ihr Treffpunkt: genau dieser Ort.
L1199: Seit Jahren ein Unfallschwerpunkt
Das Landratsamt verteidigt die Maßnahme. In einer aktuellen Pressemitteilung verweist die Behörde auf die Strategie „Vision Zero“. Das Ziel: langfristig keine Verkehrstoten mehr auf den Straßen. Die Landesstraße zwischen Stetten und Esslingen (L1199 ) gilt als unfallträchtig. Seit Jahren häufen sich hier schwere Motorradunfälle. 2022 wurde Tempo 40 eingeführt – ohne durchschlagenden Erfolg.
Rems-Murr-Verkehrsdezernent Stefan Hein sagt offen: „Wir werden mit der Maßnahme kaum verhindern, dass weiterhin gerast wird. Aber wir können das Risiko abmildern.“ Leitplanken mit Unterfahrschutz sollen Schlimmeres verhindern. Und: Ohne Publikum an der sogenannten „Applauskurve“ fehle der Reiz zur Selbstüberschätzung.
Applauskurve wird stillgelegt
Tatsächlich hat sich die Haltebucht über Jahre zu einem regelrechten Schaulaufplatz entwickelt. „Es ist ein Ort der Inszenierung“, sagt ein Anwohner aus Stetten, der anonym bleiben möchte. „Das ist kein normaler Aussichtspunkt mehr.“ Junge Fahrer – oft auf der Suche nach Anerkennung – lieferten sich waghalsige Manöver.
Ein Instagram-Video eines Bikers dokumentiert das eindrucksvoll. Auf der mit Helmkamera gefilmten Fahrt kommt ihm plötzlich ein Motorrad auf der eigenen Spur entgegen. Nur durch einen reflexhaften Schlenker in den Grünstreifen kann er einen Zusammenstoß verhindern. Der Urheber selbst sagt dazu: „Es war ein Extremfall – aber eben ein realer.“
Doch auch unter Motorradfahrern gibt es differenzierte Stimmen. „Ich möchte nicht, dass das Image unserer Szene weiter beschädigt wird“, schreibt ein engagierter Biker an die Redaktion. Er warnt vor Pauschalverurteilungen – und davor, dass die Maßnahme neue Konflikte schürt. „Dieser Hass auf Motorradfahrer führt zu gefährlichen Gegenreaktionen – ich habe selbst erlebt, wie jemand Kies auf die Fahrbahn gestreut hat.“
Anwohner fordern härteres Vorgehen gegen Motorrad-Raser
Von der anderen Seite – der der Anwohner – kommt ebenfalls Kritik, wenn auch anderer Art. Die Leserbriefspalten füllen sich. Viele empfinden die Maßnahme als Symbolpolitik. Walter Linsenmaier aus Kernen etwa vermutet, dass das Argument „Unfallschwerpunkt“ vorgeschoben sei. „Die Bikerszene wird damit einfach aus dem Blickfeld verdrängt.“ Andere fordern ein härteres Vorgehen gegen die tatsächlichen Raser – und nicht gegen jene, die einfach nur halten, fotografieren, die Aussicht genießen wollen.
Horst Schulze schreibt: „Kaum ein Biker wird wegen einer gesperrten Haltebucht auf seine Ausfahrt verzichten.“ Die Probleme würden schlicht verlagert – zum Beispiel an den Parkplatz des nahegelegenen Schützenhauses. Dort sei die Ein- und Ausfahrt besonders gefährlich.
Biker wollen sich weiter dort treffen
„Wir werden uns trotzdem weiter hier treffen – dann halt ein paar Meter weiter unten“, sagt Bikerin Lara. Auch das Landratsamt weiß: Mit baulichen Maßnahmen allein lässt sich das Verhalten von Menschen kaum dauerhaft steuern. Doch es setzt ein Zeichen.
Der Umbau wird bis in den August andauern. Die Haltebucht wird entsiegelt, die Fläche renaturiert, ein Holzgeländer ersetzt das alte. Wer künftig den Blick über das Remstal genießen will, muss zu Fuß kommen. Parken verboten.
Was bleibt, ist Frust auf beiden Seiten. Die einen fühlen sich gegängelt, die anderen nicht ausreichend geschützt. Der spontane Halt – das Innehalten zwischen Kurve und Himmel – ist bald Geschichte.