Torhüter des VfB Stuttgart Ist Fabian Bredlow Bruno Labbadias letzte Patrone?

Fabian Bredlow ist bis auf Weiteres die neue Nummer eins des VfB Stuttgart. Die besten Bilder der Trainingswoche finden Sie in der Galerie. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Bruno Labbadia wechselt mitten in der Saison seine Nummer eins. Eine mutige Maßnahme, die nur auf den ersten Blick wie die letzte Patrone des Trainers wirkt. Denn sie hat eine datenbasierte Grundlage.

Sport: Philipp Maisel (pma)

Die Faschingszeit ist traditionell eine von Jux und Dollerei geprägte Zeit. Zum Scherzen aufgelegt war Trainer Bruno Labbadia allerdings nicht, als er verkündete, dass er vor dem Duell des VfB Stuttgart gegen den 1. FC Köln (Samstag, 15.30 Uhr) gedenke, einen Wechsel auf der Torhüterposition vorzunehmen. „Ja, Fabian Bredlow wird spielen.“ Mit fester Stimme gab Labbadia bekannt, was sich bereits am vergangenen Wochenende angebahnt hatte.

 

Schon in Freiburg hatte Bredlow kurzfristig den bisherigen Stammtorhüter Florian Müller vertreten. Müller hatte es im Magen-Darm-Trakt heftig erwischt. An einen Einsatz war nicht zu denken. Der Saarländer saß nur deswegen auf der Bank, weil es die Zeit nicht mehr zuließ, den dritten Keeper Florian Schock noch nachreisen zu lassen.

Bredlow machte seine Sache ordentlich. „Ich kam gut rein, war gleich gefordert“, kommentierte er seine Leistung zurückhaltend. Wohl wissend, dass er danach „nichts mehr aufs Tor bekommen“ hatte. Bei beiden Gegentoren, jeweils vom Punkt, war er machtlos. Von einem Anspruch auf den Platz im Tor wollte Bredlow damals noch nicht offensiv sprechen, ließ aber durchblicken, dass er „am liebsten jedes Spiel im Tor stehen“ würde. Müller hingehen musste auch am Tag danach noch kürzertreten.

Bredlows Angriff im Training wird belohnt

Die weiteren Eindrücke in dieser Woche gaben nun den endgültigen Ausschlag. Bredlow habe gut trainiert und sich den Platz erarbeitet. „Es war nicht meine Absicht, den Torhüter zu wechseln. Es kam aus der Situation heraus“, gab Labbadia Einblick in seine Entscheidungsfindung und sprach von einer Momentaufnahme.

Den Trainer beeindruckte zudem Bredlows Reaktion auf die Nicht-Berücksichtigung beim Pokalspiel in Paderborn. Noch unter Labbadia-Vorgänger Pellegrino Matarazzo war es Usus, dass der zweite Mann die Pokalspiele bekam. Sozusagen als Belohnung. Sowohl Müller-Vorgänger Gregor Kobel als auch Müller selbst wurden mehrfach von Bredlow vertreten. Begegnungen, in denen der gebürtige Berliner solide Leistungen zeigte, aber auch Wackler in seinem Spiel hatte.

Nach dem Pokalsieg in Paderborn folgte noch in der Kabine ein Erstgespräch zwischen Labbadia und Bredlow. Im Nachgang habe der Keeper im Training „weiter angegriffen“ – wofür er jetzt belohnt wird. Eine Entscheidung, die intuitiv getroffen wirkt. Aber auch von Zahlen, Daten und Fakten untermauert werden kann. Müller zeigte in seinen bisherigen Liga-Auftritten in dieser Saison 56 Paraden, Platz zehn im Ligavergleich unter den Stammtorhütern. Dazu kommen 17 abgefangene Flanken (12. Platz). Müller hat 57,1 % der Torschüsse innerhalb des Strafraums abgewehrt – lediglich Rang 21 unter allen eingesetzten Keepern. Dazu kommen 74,1 Prozent abgewehrte Schüsse von außerhalb des Strafraums. Auch nicht gerade herausragend, insbesondere unter Berücksichtigung des Gegentors in Leipzig, als Müller trotz freier Sicht einen haltbaren Freistoß von Dominik Szoboszlai aus gut 25 Metern nicht parieren konnte.

In Summe hat der VfB unter Labbadia in der Liga sieben Gegentore in fünf Partien hinnehmen müssen. Zu viel für Labbadia, der zudem auch noch den „xGoals-Against“-Wert der Saison parat hatte. 34 Gegentreffer in 20 Spielen hat der VfB bisher kassiert, elf mehr, als der Wert eigentlich zugrunde legt. Sprich: Trotz eher wenig zugelassenen gegnerischen Großchancen muss der VfB mit mehr Gegentoren umgehen, als nötig gewesen wären. Dazu kommt, dass Müllers Unterstützung im Stadion und den Stimmungsblöcken zuletzt hörbar nachließ. Im Spiel gegen Bremen (0:2) vor rund 14 Tagen waren erstmals Unmutsbekundungen aus der Cannstatter Kurve vernehmbar, als Müller involviert war.

Labbadias Ritt auf der Rasierklinge

Eben jene Cannstatter Kurve hat Bredlow nun dem Vernehmen nach für mindestens zweimal je 45 Minuten hinter sich, wenn es gegen Köln und Schalke geht. „Wir lassen es jetzt erst mal so“, kommentierte Labbadia die Frage nach der Dauer der Maßnahme. Der Rückhalt aus den Stimmungsblöcken soll Bredlow Sicherheit geben und im Idealfall ihn und die Mannschaft zu Erfolgen tragen. So das Idealszenario.

Klar ist aber auch: Bauchmensch Labbadia geht vor dem wichtigen Doppelpack gegen Köln und auf Schalke volles Risiko. Ein Personalwechsel auf einer solch neuralgischen Position mitten in der laufenden Saison ist im Trainerhandbuch eher unter dem Kapitel „Letzte Patrone“ zu finden. Sie zeugt von einem gewissen Mut des Trainers. Mut, den Labbadia zuletzt bereits mit dem Startelfeinsatz von Dan-Axel Zagadou an den Tag legte und der mit zwei Strafstoßentscheidungen, die zum Teil auch auf mangelnde Spielpraxis zurückzuführen waren, bestraft wurde. Folgt nun erneut eine Bestrafung, steht der VfB ganz ohne Keeper da. Denn der Trainer hat durch seinen Ritt auf der Rasierklinge beide verbrannt.

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