Torstraße in Stuttgart-Mitte Schönfärberei belastet das Grundwasser

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Wo der königliche Hof und die Staatstheater ihre Garderobe pflegen ließen, sind Lösungsmittel im Boden versickert. Die Chlorkohlenwasserstoffe darin sind auch eine Gefahr für das Mineralwasser.

50 Meter tief wird an der Eberhardstraße gebohrt. Die Bohrstelle sorgt für einen Engpass an der Fahrradstraße – vor allem wenn Autofahrer die Schilder missachten. Foto: Jürgen Brand
50 Meter tief wird an der Eberhardstraße gebohrt. Die Bohrstelle sorgt für einen Engpass an der Fahrradstraße – vor allem wenn Autofahrer die Schilder missachten. Foto: Jürgen Brand

S-Mitte - An der Ecke Eberhardstraße/Torstraße mitten in der Stadt drehen sich große Bohrer tief in den Stuttgarter Untergrund. „Bohren die hier nach Öl?“, ist einer der Standardsprüche von Passanten. Ein zweiter wäre vor noch nicht allzu langer Zeit „Das ist bestimmt wegen Stuttgart 21“ gewesen. Tatsächlich geht es bei der Bohrung um ein langfristig gesehen viel wichtigeres Thema: den Schutz des Stuttgarter Grundwassers.

Die Vorgeschichte

Ende des 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es in Stuttgart, auch in der Innenstadt, eine ganze Reihe von Industrie- und Handwerksbetrieben. Dazu gehörten – vor allem in der Hoch-Zeit der Textilwirtschaft in der Stadt – auch Färbereien, Wäschereien und Reinigungen. In Zeiten, in denen Textilien nicht wie heute im Überfluss vorhanden waren und es noch längst nicht so viele Waschmaschinen gab, wurde mehr Wert auf deren Pflege und Erhalt gelegt. Damals wurden getragene Kleidungsstücke auch öfter umgefärbt, wenn sich die Mode änderte. In den Betrieben wurde einst relativ sorglos mit Lösemitteln umgangen, die auch gerne mal einfach im Boden versickerten. In den Lösemitteln enthalten waren sogenannte leichtflüchtige Chlorkohlenwasserstoffe wie Dichlormethan oder Trichlorethylen. Und die belasten das Grundwasser.

Das Altlastenkataster

Von 1993 bis 1996 wurden in Stuttgart alle ehemaligen Gewerbe- und Industriestandorte, an denen mit umweltgefährdenden Stoffen umgegangen wurde, erfasst. Diese Daten sind die Basis für das Bodenschutz- und Altlastenkataster ISAS (InformationsSystem Altlasten Stuttgart) beim Amt für Umweltschutz. Dort sind auch die 980 Flächen im Stadtgebiet aufgelistet, die entweder untersucht, kontrolliert oder saniert werden müssen. Eine davon ist das Anwesen Torstraße 21 und das Umfeld, wo einst die W. Wachter KG – Chemisches Reinigungswerk und Kunstfärberei ihren Sitz hatte.

Königlicher Hoflieferant

Im Jahr 1870, als der Nesenbach noch offen durch Stuttgart floss, gründete der Kunstfärbermeister Wilhelm Wachter an der Torstraße sein Geschäft an der Torstraße, wo ihm einige Gesellen bei der sogenannten „Schönfärberei“ und sonstigen Ausstattung von Kleidungsstücken halfen. Im Jahr 1883 bot er auch die chemische Reinigung an. Die Firma war schnell erfolgreich und brauchte mehr Platz, also ließ Wachter zwischen Tor- und Nesenbachstraße einen großen Firmenkomplex errichten, den es auch zum 100-jährigen Bestehen im Jahr 1970 noch gab. Bis heute steht das Gebäude Torstraße 21, an der Fassade hängt noch die alte Leuchtreklame „Wachter Textilreinigungswerk“, über dem Biergarten der benachbarten Gaststätte Tauberquelle ragen noch die Reste des einst höheren Schornsteins. Das Unternehmen war ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts „Königlicher Hoflieferant“. Auch die Württembergischen Staatstheater ließen bei Wachter Dekorationen und Kostüme färben. Und bei all dem versickerten „in erheblichem Umfang“ (so die Stadt) leichtflüchtige Chlorkohlenwasserstoffe (LCKW) im Untergrund.

Die Bohrung

Der Fall ist den zuständigen Stellen schon lange bekannt. „Um das Grundwasser zu schützen, kümmert sich die Stadt seit fast zwanzig Jahren darum, dass das Wasser nicht unkontrolliert abfließt. Zudem wird die Wasserqualität beobachtet“, teilt die Pressestelle der Stadt auf Anfrage mit. Dafür gibt es im Umfeld bereits mehrere Messstellen, „es fehlen aber immer noch Puzzlesteine“, sagt Manfred Bärlin, der im Amt für Umweltschutz für das Sachgebiet Kommunale Altlasten zuständig ist. Ziel der aktuellen Bohrung ist, die Belastung in einem tieferen „Grundwasserstockwerk“ zu erkunden, deswegen wird an der Eberhardstraße so tief gebohrt. Ist die Bohrtiefe von 50 Metern erreicht, werden in das Bohrloch Kunststoffrohre eingelassen, unten kann durch Schlitze Grundwasser einfließen und zur weiteren Untersuchung an die Oberfläche gepumpt werden. All das dient auch zur Sicherung des noch tiefer fließenden Mineralwassers.

Der Zeitplan

Eigentlich hätte die Bohrung im Dezember rechtzeitig zur Einrichtung der Fahrradstraße beendet sein sollen. Allerdings, so Bärlin, müsse so eine Bohrung europaweit ausgeschrieben werden – „und die Bohrfirmen sind extremst gut ausgelastet“, was zu Verzögerungen führe. Der Riesenbohrer soll spätestens Ende März abgebaut werden. Dann kommen auch die Sitzwürfel und Fahrradbügel wieder.

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