Die WM in Katar, daran gibt es keinen Zweifel, war auch von starken Torhüterleistungen geprägt. Am Ende hätte es deshalb eigentlich keinen weiteren Beleg mehr dafür gebraucht, wie wichtig eine herausragende Nummer eins im Fußball ist. Emiliano Martinez trat den Beweis dennoch an. Im Finale. Erst mit einer sensationellen Fußabwehr gegen den Franzosen Randal Kolo Muani in der Nachspielzeit der Verlängerung, dann mit einer Parade gegen Kingsley Coman im Elfmeterschießen. Ohne den Torwart von Aston Villa wäre Argentinien nicht Weltmeister geworden. Und Lionel Messi, der große Held, ein Unvollendeter geblieben, der nie den WM-Pokal geholt hat. Was für eine Geschichte!
Nach der es, zugegeben, nicht ganz einfach ist, eine passende Überleitung zum VfB Stuttgart zu finden. Dabei liegt sie auf der Hand: Denn auch wer in der Bundesliga bestehen will, benötigt einen starken Rückhalt. Ob der Drittletzte auf dieser Position gut genug aufgestellt ist? Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.
Noch kein Heimspiel ohne Gegentor
Florian Müller (25), der in dieser Saison alle Punktspiele bestritten hat, zeigte zwar einige starke Paraden, aber eben auch (zu) viele Patzer. Er wehrte nur 62,5 Prozent der Schüsse auf sein Tor ab (Rang 15 in der Bundesliga), gibt seinen Vorderleuten wenig Halt, dazu kommen Schwächen in der Strafraumbeherrschung – und er hat in seinen eineinhalb Jahren beim VfB noch kein Heimspiel ohne Gegentor überstanden. Kein Wunder also, dass über Florian Müller kontrovers diskutiert wird. Daran änderte auch das jüngste Testspiel nichts.
Beim 0:3 vor einer Woche gegen den FC Luzern absolvierte der VfB-Keeper die erste Hälfte, ließ einen harmlosen Schuss an sich vorbeikullern. Nach der Pause stand Fabian Bredlow (27), die Nummer zwei, im Kasten. Auch er machte bei einem Gegentor keine glückliche Figur, wackelte also ebenfalls. Kurzum: Das Duo verfehlte sein Ziel, den neuen Trainer von sich zu überzeugen. „Wir haben“, meinte Bruno Labbadia nach dem ersten Auftritt unter seiner Regie, „billige Gegentore bekommen.“
Als grundsätzliche Skepsis der Verantwortlichen sollte dieser Satz allerdings nicht gewertet werden. Sagt zumindest Fabian Wohlgemuth. „Unser Torwart-Team“, erklärte der neue Sportdirektor gegenüber unserer Zeitung, „ist stark genug, um im Kampf um den Klassenverbleib zu bestehen.“ Und eine Neuverpflichtung ist folglich eher unwahrscheinlich. Aus mehreren Gründen.
Der VfB denkt, das ist kein Geheimnis, über Verstärkungen nach. Dabei dürften Wohlgemuth und Labbadia aber eher andere Positionen im Auge haben, vor allem das defensive Mittelfeld. Doch schon dort sind die finanziellen Möglichkeiten beschränkt. Und dann gibt es ja noch Dennis Seimen. Der 17-Jährige aus der eigenen Talentschmiede gilt als zu jung, um jetzt schon bei den Profis eingreifen zu können. Und trotzdem als Torwart der Zukunft beim VfB, dem auf keinen Fall der Weg nach oben verbaut werden soll. Erst recht nicht durch eine Neuverpflichtung, die selbst eine mittelfristige Perspektive fordert. Es wird also ziemlich sicher mit Florian Müller und Fabian Bredlow weitergehen. Noch nicht geklärt ist, in welcher Konstellation.
Für Bruno Labbadia gibt es keinen Grund, sich jetzt schon auf eine Nummer eins festzulegen. Und auch die Frage, ob Fabian Bredlow wie bisher im Pokal gesetzt ist und im Achtelfinale am 31. Januar beim SC Paderborn erneut zwischen den Pfosten stehen wird, ist offen. Fest steht nur: Ohne überzeugenden Torhüter wird der VfB in keinem Wettbewerb weit kommen. Das hat die WM 2022 gelehrt.