Timo Hildebrand, Franz Wohlfahrt, Eberhard Trautner und Helmut Roleder standen einst selbst beim Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart zwischen den Pfosten. Sie kennen die Sorgen und Nöte von Torhüter beim Club aus Cannstatt also aus eigener Erfahrung. Wie sehen die vier Ex-Keeper die aktuelle Situation im VfB-Tor mit den Diskussionen um Florian Müller und Fabian Bredlow, während bei der Fußball-WM in Katar zu sehen war, wie wichtig starke Torwartleistungen für den Erfolg sind?
Timo Hildebrand: „Von der WM habe ich, ganz bewusst, kaum etwas gesehen. Was die Lage beim VfB angeht: Florian Müller war zwischendurch richtig stabil. Er hat sich super gefangen, aber dann wieder ein paar Patzer drin gehabt. Es ist als Torhüter immer leichter, wenn die Mannschaft gut funktioniert. Das war beim VfB bisher nicht der Fall – und das macht es ihm natürlich schwerer. Ich bin mir fast sicher, dass er nicht so viele Patzer gemacht hätte, stünde der VfB unter den ersten zehn. Das Gegenbeispiel dafür ist allerdings Stefan Ortega – er war vergangene Saison in Bielefeld überragend, obwohl es für die Arminia überhaupt nicht lief. Trotzdem hat er sich sogar für Manchester City empfohlen. Vielleicht ergeben sich für Müller durch den Trainerwechsel neue Impulse, vielleicht funktioniert das Team ja in der Defensive besser. Kein Torwart der Welt ist fehlerfrei, allerdings sollte er seine Ausreißer nach unten minimieren.“
„Gesunder Egoismus“ wird empfohlen
Franz Wohlfahrt: „Die Torhüter bei der WM haben wahnsinnig viele Elfmeter gehalten, das ist eine neue Qualität. Beste Beispiele waren natürlich der Kroate Dominik Livakovic und der Argentinier Emiliano Martinez, die beiden sind bärenstark gewesen. Schwer fällt es mir, ein Urteil über Florian Müller abzugeben. Es wäre sogar unfair, weil ich einfach zu wenige Spiele von ihm gesehen habe. Wenn es bei einer Mannschaft – wie zum Beispiel jetzt beim VfB – nicht läuft, empfehle ich jedem Torhüter immer einen gesunden Egoismus: Er muss auf sich schauen, seine Leistung bringen, sich nicht so sehr um die Mitspieler kümmern. Das klingt vielleicht hart, aber so kann er seiner Mannschaft in einer prekären Situation am Ende am besten helfen. Denn wenn sich ein Keeper von der allgemeinen Verunsicherung zu sehr anstecken lässt und sich alles zu sehr zu Herzen nimmt, wird er selbst irgendwann schlechter und hält noch weniger.“
Eberhard Trautner: „Die WM war für mich weit weg, da ich als Torwartcoach beim KV Ostende in Belgien arbeite und wir durchtrainiert haben. Aufgefallen ist, dass alle Halbfinalisten sehr gute Keeper hatten, vor allem den Argentinier Emiliano Martinez fand ich stark. Er hat mutig im Raum agiert, war sicher bei Flanken, auch wenn es ein Getümmel gab. Die WM hat gezeigt: Ohne herausragenden Torhüter sind große Erfolge nicht möglich. Ein Urteil über den VfB steht mir nicht zu, dafür habe ich mich mit dem Thema zu wenig beschäftigt. Über Florian Müller kann ich nur sagen, dass er offenbar seine beste Zeit unter Torwarttrainer Andreas Kronenberg in Freiburg hatte. Und noch etwas: Der Trend geht ja zu Torhütern, die sehr gute Fußballer sind. Das ist auch eine der Stärken von Müller. Für mich ist dagegen wichtiger, dass ein Torwart erst mal top hält. Davon sind derzeit viele in der Bundesliga weit entfernt, nicht nur Florian Müller.“
„Klassenverbleib mit dem Duo Müller/Bredlow ist möglich“
Helmut Roleder: „Ich habe bei der WM natürlich vor allem auf die Keeper geschaut. Die Teams mit den herausragenden Torhütern sind im Turnier am weitesten gekommen. Allerdings, das gehört dazu, muss es immer auch in der Abwehr stimmen. Dies ist ein guter Übergang zum VfB: Wenn die Defensive schwächelt, setzt das den Torwart zusätzlich unter Druck, ebenso wie die Tabellenlage. Florian Müller hat in dieser Saison zwar den einen oder anderen Punkt gesichert, trotzdem könnte ich den neuen Trainer Bruno Labbadia verstehen, wenn er sagt, dass der Verein auf dieser Position etwas verändern müsse. Andererseits wird das wohl kaum machbar sein – schon aus finanziellen Gründen, aber auch, weil der Markt, soweit ich es sehe, derzeit nichts hergeben würde. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass der Klassenverbleib mit dem Duo Müller/Bredlow möglich ist. Nein, eigentlich bin ich sicher: Der VfB wird es schaffen!“