Tour de France Der Joker – deshalb hat Florian Lipowitz eine Sonderrolle

Prominent besetztes Podium am Ende der Dauphiné: Florian Lipowitz (re.) mit den beiden Radsport-Superstars Tadej Pogacar (Mitte) und Jonas Vingegaard Foto: Imago/Abacapress

Der Ex-Biathlet ist der Freigeist im Team Red Bull-Bora-hansgrohe: Florian Lipowitz darf bei der Tour de France auf eigene Rechnung fahren – in Richtung Podest?

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

In jedem der 23 Teams, die an diesem Samstag in die Tour de France starten, besteht eine klare Hierarchie. Es gibt die Kapitäne, die Ausreißer, die Sprinter, die Helfer. Es gibt allerdings auch eine Ausnahme. Florian Lipowitz (24), der Schwabe aus Laichingen bei Ulm, wird von seinem Rennstall Red Bull-Bora-hansgrohe bei der Frankreich-Rundfahrt in kein Schema gepresst, was eines noch einmal verdeutlicht – dass Lipowitz derzeit der spannendste Name im deutschen Radsport ist.

 

Das liegt ein bisschen an seiner Geschichte, vor allem aber an seiner Entwicklung. Vor fünf Jahren war Lipowitz noch ein vielversprechender Biathlet, dann wechselte er, weil seine Knieprobleme ihn beim Skaten beeinträchtigten, aber nicht am Radfahren hinderten, die Sportart. Und startete durch. 2024, in seiner ersten Saison in der World-Tour, wurde er als Helfer von Primoz Roglic, der die Spanien-Rundfahrt gewann, völlig unerwartet Siebter. Und sein Höhenflug hielt an, zuletzt zeigte Florian Lipowitz beim Critérium du Dauphiné herausragende Leistungen. Er wurde bei der Generalprobe für die Tour hinter den Superstars Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard Dritter, ließ Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel klar hinter sich. Danach wurde der junge Deutsche mit Lob überschüttet.

Komplimente von der Konkurrenz für Florian Lipowitz

„Er ist supernahe an uns dran“, sagte Pogacar. „Florian“, erklärte Vingegaard, „ist jemand, auf den wir achten müssen.“ Und Evenepoel meinte: „Er ist ein sehr, sehr starker Fahrer.“ Der, das stand nach der Dauphiné fest, seinen Platz im Tour-Team von Red Bull-Bora-hansgrohe sicher haben würde. Offen war nur seine Rolle. Denn der eigentliche Star in der deutsch-österreichischen Mannschaft ist ein anderer.

Voller Fokus auf die Tour: Florian Lipowitz Foto: Stefano Cavasino/dpa

Primoz Roglic zählt zweifelsohne zu den besten Rundfahrern im Peloton. Er bestritt seit 2019 insgesamt 13 Grand-Tours. Achtmal stand er auf dem Podium, davon fünfmal ganz oben (4x Vuelta, 1x Giro). Der Slowene hat aber auch zwei Probleme: Er ist schon 35 Jahre alt – und er fällt ziemlich oft vom Rad, was Teil seiner bemerkenswerten Statistik ist: In den vergangenen fünf Jahren schaffte er es bei dreiwöchigen Landesrundfahrten entweder aufs Treppchen oder er schied nach Stürzen aus. Bei der Tour erreichte er dreimal nacheinander das Ziel nicht, zuletzt musste er im Mai den Giro aufgeben. Was natürlich auch die Verantwortlichen seines Teams ins Grübeln brachte.

Ist Florian Lipowitz stark genug fürs Podium?

Roglic als Kapitän abzusetzen? Wäre ein Affront gewesen, den keiner haben wollte. Stattdessen zogen Teamchef Ralph Denk und Sportdirektor Rolf Aldag den Joker: Florian Lipowitz muss bei der Tour zunächst keine Dienste als Edelhelfer leisten, weil ohnehin niemand weiß, wie weit Roglic kommt. Und wenn es in der zweiten Woche erstmals richtig in die Berge geht, könnte bei den beiden immer noch nachjustiert werden. „Wir haben den Luxus, in Roglic einen der erfolgreichsten Grand-Tour-Fahrer überhaupt zu haben. Er ist fokussiert, motiviert und bestens vorbereitet“, sagte Rolf Aldag, „wenn er am Start steht, ist das Podium immer das Ziel.“ Und wenn es doch außer Blick gerät? Würde Florian Lipowitz in den Fokus rücken.

Auf die Frage, ob er zurückstecken werde, wenn sein junger Teamkollege nach den ersten zehn Etappen die bessere Perspektive habe, antwortete Primoz Roglic vor dem Start in Lille: „Ja, genau.“ Um danach zu erklären, wie viel er Florian Lipowitz zutraut. „Er fährt auf einem sehr hohen Level“, meinte der Slowene und erinnerte an dessen dritten Platz bei der Dauphiné: „Warum sollte er das nicht auch hier bei der Tour tun?“

Florian Lipowitz muss noch viel lernen

Der letzte deutsche Radprofi, der in Paris aufs Podium kletterte, war 2006 Andreas Klöden, was zeigt, wie schwierig dieses Unterfangen ist – zumal das schwäbische Supertalent seine erste Tour überhaupt bestreitet. Auch dies beschäftigte die Verantwortlichen seines Teams: Natürlich wollen sie das Potenzial von Lipowitz nutzen, ihn aber auch nicht überfordern. Heraus kam der Kompromiss, ihn „an der Seite“ von Roglic agieren zu lassen. So ist zumindest der Plan von Rolf Aldag: „Er kann mit den Besten der Welt mitfahren, ist in der absoluten Spitze angekommen. Er wird bei der Tour aber auch viel lernen, denn er muss noch viel lernen.“

Insbesondere taktisch gibt es noch großen Spielraum bei dem Ex-Biathleten, was auch kein Wunder ist bei jemandem, der erst seine fünfte Saison als Radfahrer absolviert. An anderen Dingen fehlt es Florian Lipowitz nicht – an Leistungsfähigkeit, an Ehrgeiz, am Willen. Um dies zu verdeutlichen, erzählt Ralph Denk gerne vom ersten Kennenlernen. Die 150 Kilometer zu dem Treffen im Winter 2019 legte Florian Lipowitz im Sattel zurück, und als ihn der Bora-Teamchef am Ende des Gesprächs fragte, wie er wieder nach Hause komme, blickte ihn der junge Kerl verblüfft an: „Mit dem Rad natürlich.“

Aus dieser Anekdote könnte nun eine große Erfolgsgeschichte werden. Mit einem Freigeist namens Lipowitz in der Hauptrolle.

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