Tour de France – Emanuel Buchmann Noch nicht am Limit

Von Jochen Klingovsky 

Seine Ambitionen sind groß: Emanuel Buchmann will bei der Tour de France unter die besten zehn fahren. Vor den ersten Etappen im Hochgebirge könnte seine Ausgangslage besser kaum sein.

Emanuel Buchmann (vorne) fährt bisher eine ganz starke Tour de France. Foto: Augenklick/Roth 9 Bilder
Emanuel Buchmann (vorne) fährt bisher eine ganz starke Tour de France. Foto: Augenklick/Roth

Toulouse - Die Tour de France ist ein Rennen der Superlative, doch manchmal scheint genug nicht genug zu sein. Voller Stolz und Narzissmus erklären die Organisatoren, die Strecke 2019 sei die schwerste der vergangenen 15 Jahre. Ob dies der richtige Weg ist in einer Zeit, in der sich nicht zuletzt aufgrund der vielen extrem dürren Radprofis, die enorme Wattzahlen treten, die Frage stellt, wie verbreitet Doping im Peloton weiterhin ist? Eher nicht. Den Fahrern bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als sich abzustrampeln. Und die Bergspezialisten sehen die Pässe, die in den Pyrenäen und Alpen auf sie warten (darunter sieben 2000er-Gipfel), sogar als Herausforderung. „Die Tour geht jetzt erst richtig los“, sagt Emanuel Buchmann, obwohl die Hälfte des Rennens vorbei ist, „bisher musste ich körperlich und mental noch nicht ans Limit gehen.“

Der Ravensburger liegt auf Rang fünf

Das ist eine gute Nachricht. Aber auch eine überraschende Aussage. Weil das Feld die Vogesen und das Zentralmassiv bereits hinter sich hat. Weil der Kapitän der deutschen Equipe Bora-hansgrohe auf Rang fünf extrem gut im Rennen liegt. Und weil derart forsche Töne in der Vergangenheit von ihm nicht zu hören waren. „Emu hat sich Schritt für Schritt weiterentwickelt“, sagt Teamchef Ralph Denk, „sportlich. Aber auch als Persönlichkeit.“

Ganz bewusst haben sie im bayerischen Raubling den schüchternen, stillen, sensiblen Typen langsam aufgebaut. Noch immer sagt Buchmann (26) von sich, nicht der geborene Anführer zu sein. Und doch ist er hineingewachsen in die Kapitänsrolle. Er füllt diese leiser aus als andere, zurückhaltender, unscheinbarer. Aber trotzdem effektiv. Zumindest bei dieser Tour.

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Der Ravensburger hat angekündigt, als einer der zehn Besten in Paris ankommen zu wollen. Bisher leistete er sich weder einen schlechten Tag noch einen Fehler, vom Sturz auf der ersten Etappe in Brüssel mal abgesehen, der glimpflich ausging. „Die Form stimmt“, sagt Buchmann, „ich habe zwar noch keine Zeit gewonnen, aber ich habe auch noch keine verloren.“ Anders als viele andere Topfahrer.

Nur 30 Sekunden von der Spitze entfernt

Die Ausgangsposition vor der ersten Pyrenäen-Etappe an diesem Donnerstag könnte besser kaum sein. Buchmann liegt als Fünfter nur rund eine halbe Minute hinter Geraint Thomas und Egan Bernal, der favorisierten Doppelspitze aus dem Team Ineos (früher: Sky). Folglich muss er in den Bergen nicht attackieren, er kann sich an den Podiumsanwärtern orientieren und versuchen, ihr Tempo mitzugehen. Gelingt ihm das, ist womöglich sogar noch mehr drin. Sagt auch er selbst: „Doch dazu muss wirklich alles perfekt laufen.“

So wie bisher, was auch daran liegt, dass Buchmann gelernt hat – aus der Vuelta 2018. Die Spanien-Rundfahrt war das erste dreiwöchige Rennen, das er als Kapitän bestritt. Am Ende brach er zwar nicht ein, mehr als Platz zwölf hatte er sich aber schon erhofft. Es gab Probleme mit der Ernährung, weil er in der Vorbereitung nur wenig Kohlenhydrate zu sich genommen hatte, während des Rennens dann aber sehr viele. Das zu verkraften, schaffte sein Körper nicht gut genug. Zudem verpuffte in dritten Woche der Effekt des vorangegangen Höhentrainingslagers, weshalb der Ravensburger diesmal die nationalen Meisterschaften ausgelassen hat und direkt aus dem italienischen Livigno zur Tour angereist ist. Seine aktuelle Verfassung beeindruckt auch den Vorjahressieger. „Buchmann fährt eine herausragende Saison, er hat sich gewaltig entwickelt“, sagt Geraint Thomas, „natürlich ist er zu beachten. Er ist dicht dran an uns.“

Das größte Rundfahrt-Talent seit langem

In der Tat könnte der Bora-Kapitän der erste deutsche Radprofi seit langem werden, der es bei der Tour weit nach vorne schafft: Andreas Klöden war 2006 Zweiter, 2009 wurde er Sechster. Unabhängig, wo Buchmann letztlich landet, gilt er hierzulande als größtes Rundfahrt-Talent seit der Ära Jan Ullrich/Andreas Klöden. Dass dies angesichts der Dopingvergangenheit der früheren Stars des Teams Telekom (die beide öffentlich nicht zugegeben haben) ein fragwürdiger Vergleich sein kann, weiß auch Buchmann. Er sieht sich deshalb auch nicht als Erbe von Tour-Sieger Ullrich: „Ich will in keine Fußstapfen treten. Ich fahre mein eigenes Rennen.“

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Klar ist allerdings: Je besser er abschneidet, umso intensiver wird seine Leistung hinterfragt. Schließlich gehört auch Buchmann (1,81 Meter/60 Kilogramm) zu den Bergfahrern, bei denen man sich wundert, woher ihre Kraft kommt – weil er, wie es zuletzt ein Spötter ausdrückte, so dünn sei, dass man nicht mal mehr sehen könne, wo der Lenker aufhört und die Arme beginnen. Der Bora-Kapitän kontert solche Witzchen mit dem Hinweis, auch außerhalb der Saison nie mehr als 61 oder 62 Kilogramm zu wiegen, dafür keine Diät machen zu müssen. Und er spricht sich auch klar gegen Doping aus: „So ein Risiko einzugehen, meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen – für was sollte ich das tun?“

Die extrem hohe Belastung bei der Tour, der Druck, der auf den Profis lastet, dazu die schwere Strecke – auch für Dan Lorang ist das alles kein Grund, um Mäßigung zu verlangen. „Das Ganze ist nicht unmenschlich, die Sportler sind auf diese Anforderungen vorbereitet“, sagte der Arzt des Bora-Teams der „FAZ“, „ich sehe bei meinen Fahrern Leistungen, die nicht verdächtig sind.“ Egal, wie weit vorne sie am Ende auch landen werden.