Tour de France Primoz Roglic – jetzt oder nie!
Der neue Kapitän des deutschen Radrennstalls Red Bull-Bora-hansgrohe will endlich die Frankreich-Rundfahrt gewinnen – bevor ihm die Zeit vollends davonläuft.
Der neue Kapitän des deutschen Radrennstalls Red Bull-Bora-hansgrohe will endlich die Frankreich-Rundfahrt gewinnen – bevor ihm die Zeit vollends davonläuft.
Primoz Roglic ist kein Freund großer Worte, zumindest nicht an diesem Nachmittag. Bei der Präsentation des Tour-Teams von Red Bull-Bora-hansgrohe in Salzburg antwortet der Superstar zwar höflich auf alle Fragen, die ihm gestellt werden. Allerdings nur in kurzen Sätzen, die Aussagekraft ist begrenzt. Wer es gut meint mit dem Radprofi, erklärt anschließend, Roglic (34) sei eben total fokussiert, im Tunnel, voll konzentriert – auf die Frankreich-Rundfahrt.
Das Rennen, das an diesem Samstag in Florenz beginnt, möchte der Slowene erstmals gewinnen, und es scheint, als habe er schon vorher allen demonstrieren wollen, wie das geht. Mit Taten, nicht mit Worten. Er hat sich vorgenommen, in den nächsten drei Wochen seine Beine sprechen zu lassen.
Dass dabei alles rund läuft, dafür ist im einzigen deutschen Toprennstall Dan Lorang verantwortlich. Der Cheftrainer der Equipe hat das PR-Schauspiel unter der riesigen Glaskuppel des Hangar 7 beeindruckt verfolgt. „Dieses Ambiente“, sagt er, „ist das nächste Level.“ Und zugleich Ausdruck der neuen Möglichkeiten.
Red Bull will den Radsport aufmischen, die Investition ist auf die Zukunft ausgerichtet. Und wirkt doch schon in der Gegenwart. Die acht Profis, die zur Tour fahren, haben wochenlang in der Höhe trainiert, außerdem gibt es nun einen Spezialisten, der sich um die mentale Leistungsfähigkeit kümmert. „Früher“, erklärt Teamchef Ralph Denk, „haben wir uns so etwas nicht leisten können.“ Dazu kommen Erkenntnisse, die man sich nicht kaufen kann. Dank Roglic.
Der Mann, der einst ein hochtalentierter Skispringer war, fuhr vergangene Saison noch für das Jumbo-Team, das 2023 bei allen drei großen Rundfahrten triumphierte – durch Jonas Vingegaard (Tour), Sepp Kuss (Vuelta) und Primoz Roglic (Giro). Insgesamt war der Routinier acht Jahre für den niederländischen Rennstall unterwegs. Von der Erfahrung, die er in dieser Zeit gesammelt hat, profitiert nun sein neuer Arbeitgeber. Roglic berichtete zum Beispiel, dass es immer wieder Tage gab, an denen er zweimal trainiert hat. Das wurde von Dan Lorang übernommen. Zudem lieferte der neue Kapitän auch Impulse fürs Höhentraining oder den Ernährungsplan. „Unsere Herangehensweise hat sich nicht grundsätzlich verändert, in vielen Bereichen war das Wissen von Primoz auch eine Bestätigung für uns. Aber einige Details sind neu“, sagt Lorang, der voller Zuversicht ist: „Wir treten an, um die Tour de France zu gewinnen. Die Daten geben es her.“ Alles andere wird sich ab Samstag auf der Straße zeigen. Erste Sorgenfalten gibt es schon vorher.
Im Kampf ums Gelbe Trikot kommt es für die Favoriten darauf an, stets im Sattel zu bleiben. Tadej Pogacar verlor 2023 auch deshalb den Anschluss an Jonas Vingegaard, weil er sich wegen einer Handverletzung nach einem Sturz nicht optimal auf die Tour vorbereiten konnte. Bei der Baskenlandrundfahrt im April erwischte es dann Roglic, Vingegaard und Remco Evenepoel in der selben Kurve, noch am glimpflichsten kam der Slowene davon, der allerdings aus diesem Quartett der wackligste Kandidat ist. 2021 und 2022 musste er die Tour nach Stürzen mit Schulterverletzungen aufgeben, zuletzt lag er auch bei seinem Sieg bei der Dauphine-Rundfahrt zweimal auf dem Asphalt. Weil jeder Sturz spuren hinterlässt, räumt Rolf Aldag, der Sportchef von Red Bull-Bora-hansgrohe, ein: „Es ist eine gewisse Unsicherheit entstanden.“ Welche durch die Anforderungen der Tour-Strecke weiter verschärft wird.
Denn die übliche Nervosität zu Beginn der wichtigsten Rundfahrt wird diesmal noch größer sein – weil mit Angriffen der Favoriten schon auf der ersten schweren Etappe gerechnet wird, auch das zweite Teilstück ist hügelig, bereits an Tag vier gibt es die erste Bergankunft. „Alle müssen von Beginn an voll da sein“, meint Rolf Aldag, wohlwissend, dass dies für Primoz Roglic in besonderem Maß gilt. „Viel Zeit, um bei der Tour zu siegen, hat er nicht mehr“, erklärt Ralph Denk zu seinem 34-jährigen Kapitän, „man kann schon sagen: jetzt oder nie!“
Angesichts dieser enormen Erwartungshaltung ist umso überraschender, dass Roglic am Ende der Präsentation in Salzburg doch noch aus sich herausgeht und sogar einen Spruch platziert. Auf die Frage, was der Einstieg von Red Bull für ihn bedeute, antwortet er: „Hoffentlich geben die neuen Flügel Extra-Rückenwind. Die hätte ich mir schon früher als Skispringer gewünscht.“
Fünf Sterne: Tadej Pogacar (25)
Nach seinen Triumphen 2020 und 2021 musste der Slowene die zwei größten Niederlagen seiner Karriere verkraften – bei den Tour-Siegen von Jonas Vingegaard (2022, 2023). Nun scheint Tadej Pogacar besser zu sein als je zuvor. Er gewann nicht nur den Giro nach sechs Etappensiegen mit fast zehn Minuten Vorsprung, auch seine Vorbereitung lief perfekt. Weil er bei UAE vom stärksten Team unterstützt wird, hat er beste Chancen aufs Double. Spekulationen, er werde nach Siegen bei Giro und Tour als erster Profi das Triple angehen und auch bei der Vuelta starten, wies er zurück: „Ich habe mich auf dem Rad noch nie so gut gefühlt – aber das ist nicht der Plan.“ Doch Pläne können sich ja bekanntlich ändern.
Vier Sterne: Jonas Vingegaard (27)
Wäre alles normal gelaufen, hätte kaum ein Weg am Titelverteidiger vorbeigeführt. Doch Konjunktive zählen nichts im Sport. Der Däne stürzte im April bei der Baskenland-Rundfahrt in einen Betongraben, brach sich das Schlüsselbein und mehrere Rippen. Seither hat der Anführer des Visma-Teams kein Rennen bestritten. Im heutigen Radsport, der auf Wattwerten und anderen Daten beruht, ist Wettkampfpraxis womöglich nicht mehr entscheidend – doch trotzdem weiß niemand, wie stark Vingegaard aus dem wochenlangen Höhentraining in den Alpen zurückkehrt. „Er lag im April zwölf Tage im Krankenhaus“, sagte sein Sportlicher Leiter Grischa Niermann, „er kann also nicht auf dem Niveau der vergangenen zwei Jahre sein.“ Ob das die Konkurrenz beruhigt?
Vier Sterne: Primoz Roglic (34)
Der Slowene hat die Vuelta (3x) und den Giro (1x) gewonnen, den Sieg bei der Tour verpasste er 2020 durch einen Einbruch im Zeitfahren am letzten Tag – nun will Primoz Roglic seine offene Rechnung mit dem größten Rennen der Welt begleichen. Die Form stimmt, wie sein Erfolg zuletzt bei der Dauphine-Rundfahrt belegt. In Alexander Vlasov und Jai Hindley hat er in seinem Team zwei extrem starke Bergfahrer an seiner Seite. Wenn Roglic ohne Stürze durchkommt, hat er gute Chancen auf einen Podiumsplatz – und vielleicht ja sogar auf den Gesamtsieg.
Drei Sterne: Remco Evenepoel (24)
Der Weltmeister von 2022 kann dreiwöchige Rundfahrten – das hat der Begier durch seinen Sieg bei der Vuelta (ebenfalls 2022) bewiesen. Nun feiert Evenepoel, der sich beim selben Massensturz wie Jonas Vingegaard das Schlüsselbein brach, seine Premiere bei der Tour. „Es wird eine aufregende, harte Reise“, sagte der Kapitän von Soudal-Quickstep, „ich bin sehr zuversichtlich.“ Auch wenn sich viele Fans einen Vierkampf erhoffen: Evenepoel wird wohl nur dann ganz vorne mitmischen können, wenn seine drei Konkurrenten Schwächen zeigen.
Zwei Sterne: Carlos Rodriguez (23)
In keinem Spitzenteam ist die Kapitänsrolle so offen wie bei Ineos-Grenadiers. In Frage kämen Egan Bernal, der nach seinem schweren Unfall immer besser in Form kommt, oder Altmeister Geraint Thomas – beide haben die Tour schon gewonnen (2019, 2018). Die größten Chancen aber dürfte das spanische Toptalent Carlos Rodriguez haben – er hat zuletzt bei einwöchigen Rundfahrten starke Leistungen gezeigt. Nun will er sich bei der Tour steigern. 2023 gewann er eine Etappe, wurde Fünfter. „Ich habe großartige Erinnerungen“, sagt er, „jetzt hoffe ich, dass es noch besser wird.“