In Salzburg präsentiert sich der neue Superrennstall Red Bull-Bora-hansgrohe der Öffentlichkeit mit großem Selbstbewusstsein: Ziel ist der Sieg bei der Tour de France.
Jedes Team, das zur Tour de France reist, hat ambitionierte Ziele. Doch es gab wohl selten einen Rennstall, der dies so demonstrativ zur Schau stellte wie jener, der am Mittwochabend vom Flughafen in Salzburg zum Höhenflug ansetzte. Im dortigen Hangar 7, bekannt aus vielen TV-Talk-Formaten des österreichischen Dosenimperiums, war am Nachmittag das neue Radsport-Großprojekt namens Red Bull-Bora-hansgrohe der Öffentlichkeit präsentiert worden. Ein paar Stunden später brachte die antike Douglas DC-6B (Baujahr 1958) des Brausekonzerns, begleitet von den besten Wünschen des Firmenerben Mark Mateschitz, die Equipe ins italienische Florenz, wo die Frankreich-Rundfahrt an diesem Samstag beginnt. An Bord befanden sich nicht nur die acht nominierten Fahrer, sondern auch jede Menge Erwartungen. „Wir wollen“, sagte Sportchef Rolf Aldag, „die Tour gewinnen.“ Und noch viel mehr.
Die attraktivste Marke im Radsport
Was das genau bedeutet? Hatte Ralph Denk im Anschluss an die von heftigem Regen und lauten Donnerschlägen begleitete Präsentation in einer großen Presserunde erklärt. Der Teamchef wirkte rundum zufrieden, als er mit einem breiten Lächeln im Gesicht über die Anfänge des Projekts referierte, dessen Bekanntgabe in der Szene eingeschlagen hatte wie ein Blitz. „Sehr viele Kollegen waren vor mir in Salzburg, um Red Bull von einem Einstieg in den Profiradsport zu überzeugen“, sagte er, und der Stolz in seiner Stimme war weiterhin unüberhörbar, als er über die drei großen Ziele seines neuen Projekts sprach: Das Gelbe Trikot holen. Die attraktivste Marke im Radsport werden. Leute inspirieren, aufs Rad zu steigen. „Die Ankunft von Red Bull im Radsport ist groß“, erklärte Ralph Denk, „wir haben so viel Potenzial für die Zukunft.“
Das liegt am Anspruch des Brauseherstellers, den Sport wo immer möglich aufzumischen. Mit Expertise, PR-Können, intelligenten Strategien. Aber natürlich auch mit Geld. Viel Geld. Über genaue Summen wollte Ralph Denk zwar nicht sprechen („Wir stehen besser da als vorher“), doch wäre es verwunderlich, wenn Red Bull-Bora-hansgrohe nicht zu den drei potentesten Rennställen Ineos-Grenadiers, UAE und Visma-Lease a bike aufschließen würde. Deren Jahresetats dürften bei rund 50 Millionen Euro liegen. „Am wichtigsten ist nicht, das größte Budget zu haben“, meinte Denk, „sondern sein Budget am besten einzusetzen.“ In der Zukunft.
Überall prangt der rote Bulle
Denn an der aktuellen Leistungsstärke ändert der Einstieg des neuen Großsponsors noch nichts. Auch ohne Red Bull wäre der Plan gewesen, in diesem Jahr die Tour zu gewinnen, dafür wurde vor der Saison der Slowene Primoz Roglic geholt. Neu ist nun allerdings das Aussehen des Teams. Überall prangt der rote Bulle, auf den weiß lackierten Rädern, den Trinkflaschen, den Klamotten, den Autos und dem Rest des Fuhrparks. Die Trikots, die Roglic und seine sieben Kollegen Jai Hindley, Alexander Vlasov, Nico Denz, Matteo Sobrero, Bob Jungels, Marco Haller und Danny van Poppel erstmals trugen, erinnern an den Rennanzug von Formel-1-Weltmeister Max Verstappen. Das lässt den Schluss zu, dass die Radler in der großen Red-Bull-Familie schnell ihren Platz finden werden. Dazu passte, dass im Hangar 7 neben Flugzeugen, Hubschraubern, Motorrädern sowie Rallye- und Formel 1-Boliden auch 15 Räder platziert waren, die für die größten Erfolge des Teams von Ralph Denk standen. Verbunden mit der Frage: Folgt nun der allergrößte Sieg?
Favorit ist Roglic bei der Tour 2024 nicht, dafür war sein slowenischer Landsmann Tadej Pogacar zuletzt beim Giro zu überlegen. Und dann gibt es ja noch Jonas Vingegaard, der zum dritten mal in Serie bei der Tour triumphieren will. An den Ambitionen von Roglic ändert das nichts, gleichzeitig aber geht der Blick seines Teams bereits in die Zukunft. Einen Pogacar oder Vingegaard will der Rennstall nicht verpflichten, stattdessen lieber einen Superstar entwickeln. 2025 geht deshalb ein eigenes U-23-Team an den Start, ein wichtiger Teil des Etats wird in die Nachwuchsarbeit investiert. Und trotzdem bleibt noch genügend Geld für weitere Verbesserungen übrig. „Bisher war es so, dass wir von einer Million Ideen fünf umsetzen konnten“, sagte Rolf Aldag, „wenn wir künftig eine Million Ideen haben, können wir theoretisch alle angehen.“ Darauf freut sich auch Ralph Denk. „Am schönsten wäre es, wenn wir einen jungen Sportler entdecken“, sagte der Teamchef, „und er dann in drei oder vier Jahren die Tour für uns gewinnt.“
Das ist die Vision, die sich selbst überholen könnte – wenn Roglic in gut drei Wochen in Nizza auf dem Podest ganz oben steht. Dass sein Team zu Höhenflügen fähig ist, hat es in Salzburg bewiesen. Diese Botschaft dürfte auch bei der Konkurrenz ankommen.