InterviewTourabschluss in Stuttgart Das ist der neue Tiemo Hauer

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Tiemo Hauer vermeidet auf seinem neuen Album „Vernunft, Vernunft“ die Banalität der Vorgängerplatte. Im Interview erklärt er, ob beim Tourabschluss im Wizemann wie im Video ein Electro-Duo auf der Bühne stehen wird.

Tiemo Hauer als Electro-Duo? Ja, ein bisschen, so wie hier auf Youtube. Aber nicht beim Konzert im Wizemann am Samstag. Foto: Tiemo Hauer bei Youtube (Screenshot)
Tiemo Hauer als Electro-Duo? Ja, ein bisschen, so wie hier auf Youtube. Aber nicht beim Konzert im Wizemann am Samstag. Foto: Tiemo Hauer bei Youtube (Screenshot)

Stuttgart - Tiemo Hauer beschließt am Samstag im Wizemann in Stuttgart seine Deutschland-Tour. Und ja, darauf darf man gespannt sein. Nach seinem musikalisch mittelmäßig inspirierten und textlich enttäuschenden Album „Camille“ aus dem Jahr 2014 hat Hauer sich und seinen Sound verändert.

Schon die erste Lautmeldung des Stuttgarter Songschreibers Ende November zum neuen Album „Vernunft, Vernunft“ deutete an, dass etwas grundlegend Neues kommt. In dem Video sieht man Hauer und einen Kompagnon, wie sie eine Batterie elektronischer Instrumente bedienen. Der Song dazu – „Benzin“ – eröffnet das Album und klingt ergo viel maschinenhafter als das gitarrenselige Pop-Potpourri der Vorgängerplatte.

Dieser Sound ist frischer und man hört, dass Hauer ihn auf Albumlänge durchhalten will. Da liegen jetzt Synthesizertonwelten unter seiner Stimme. Wenn ein Song nach Band klingen soll, etwa in „Der kleine Tod“, klingt das an den meisten Stellen so unüberhörbar nach Samples und programmiertem Schlagzeug, dass man fast Selbstironie gegenüber dem bisherigen Tun herauszuhören meint.

Selbstironie passt nun zu Tiemo Hauer so gar nicht – also zu einem, der jugendliches Zweifeln zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Es scheint, um im Bilde zu bleiben, als habe dieses Zweifeln den Musiker geformt und gebildet. Der echte Hauer sowie die Kunstfigur werden eben auch älter. Er rebelliert jetzt gegen die Alltagssorgen des eigenen Haushalts (im Song „Funktionieren“), will „ein bisschen Reden ohne WhatsApp ... ein bisschen Sex ohne Internet“ („Nostalgie“) und traut sich bei „In Melodien“ auch mal einen in hell leuchtendem Dur geschriebenen Song.

Tiemo Hauer im Interview

So ganz hat sich Tiemo Hauer dann übrigens doch nicht zu einem reinen Electropop-Album durchgerungen; der letzte Song „Auf dem Weg verloren“ ist dann doch wieder so eine Abschiedshymne mit Band und Akustikklampfe. Dafür aber formal erfreulich offen und wie die 46 Minuten davor auch textlich Welten von der Banalität des Vorgängeralbums entfernt. Was natürlich alles Geschmackssache ist; viele Tiemo-Hauer-Fans lieben ihn gerade für die Lyrics der frühen Songs.

Deshalb endet der Part Geschmackspolizei an dieser Stelle und wir lassen den Künstler selbst zu Wort kommen!

 

Tiemo, die Songs klingen nicht mehr so melancholisch, der Sound ist viel elektronischer. Was ist der Grund?
Ich selbst empfinde ‘Vernunft, Vernunft’ als mein positivstes Album. Sowohl von der Gesamtstimmung als auch vom Sound: Ich höre privat unterschiedlichste Künstler und Genres. Von dieser Vielfalt habe ich mich dann mehr und mehr inspirieren lassen.”
Die Teaser-Videos zu „Benzin“ sind ja schon ein ziemlicher Kontrast zum Vorgängeralbum, schon von der Optik her. Man sieht da …
...unser Duo-Setup bestehend aus meinem Gitarristen Matthias Franz und mir. Matze spielt inzwischen auch ab und zu Synthesizer und Sampler.”
Das heißt, im Wizemann spielt ihr als Electro-Duo?
„Auf Tour sind wir wieder zu fünft auf der Bühne, mit Live-Drummer, Bassist, Gitarrist und Keyboarder. Natürlich setzen wir die elektronischen Elemente um: Der Bass wird hier und da durch den Bass-Synth ersetzt und auch unser Drummer baut viele elektronische Sounds ein.“
Im Vergleich zum letzten Album klingen die Lyrics viel ausgereifter.
„Auf Deutsch ist es natürlich schwer, es den Leuten recht zu machen. Schon mit einem einzigen Wort, das nicht gefällt, kannst du „verlieren“. Der Hörer findet den Text mit einem Mal schnulzig, übertrieben oder verkopft … Ich habe mir Mühe gegeben, dass bei mir der Moment nicht aufkommt, in dem ich die Wortwahl selbst cheesy finde.”
Du bist ja nicht nur Musiker, sondern auch Labelbetreiber. Wie läuft es bei Green Elephant Records?
„Wir können Ideen auch unkonventionell umsetzen - also zum Beispiel Songs auf ein Album packen, über die ein Majorlabel vielleicht sagen würde, das eckt zu sehr an. Das will ich auch anderen Musikern bieten: das Label als beratende Instanz, das ihnen aber nicht reinredet. Sowohl bei den Kids of Adelaide als auch bei unserem Neuzugang Some Poetries läuft es auf diese Weise bereits bestens. Letztere begleiten mich auch auf Tour.”
Deine Tour endet in Stuttgart. Da sitzen sicher die meisten Tiemo-Hauer-Fans?
„Der Schwerpunkt liegt überraschenderweise auf Berlin und Hamburg. Aber natürlich ist auch in Stuttgart immer ordentlich was los. In Stuttgart stehen aber Familie und Freunde vor der Bühne. Da ist die Aufregung direkt auf dem Maximum.“