Weber war nicht der Erste, der die Landschaft zwischen Säntis und Rheinfall bereiste und begeistert war. Johann Wolfgang von Goethe schwärmte ebenso wie Eduard Mörike oder Gustav Schwab. Um 1800 setzte ein wahrer Reiseboom ein, sagt Tobias Engelsing. Der Chef des Konstanzer Rosgartenmuseums hat sich in einer Sonderausstellung mit der touristischen Entdeckung des Bodenseeraums beschäftigt. Seine Analyse ist klar: „Die Schweiz hat’s erfunden.“
Die Revoluzzer entdecken den Bodensee
Dort zog es die Gäste als Erstes hin. Denn was Bildungsreisende, Aufklärer und Abenteurer suchten, war keineswegs nur das Naturerlebnis. Für diese Intellektuellen, allesamt Anhänger der Französischen Revolution, waren die rückständigen, aber urdemokratischen Appenzeller Bauern von besonderer Faszination. Und wer schon einmal da war, entdeckte auch das Umland.
Anfangs war das mühsam. Die Bahn erreichte erst 1850 den keineswegs immer lieblichen Bodensee, als die Strecke von Ulm nach Friedrichshafen eingeweiht wurde. Immerhin verkehrten seit 1825 die ersten Kursschiffe. Der Service war bescheiden. „Die Restaurationen auf den Dampfern lassen noch sehr viel zu wünschen übrig, ganz besonders einen festen Tarif für Speisen und Getränke“, heißt es im Jahr 1857 in Cottas erstem Bodensee-Reiseführer.
Verlauste Betten und saurer Seewein
Genau genommen war der Bodenseeraum damals eine Servicewüste: verlauste Betten, missvergnügte Wirte. Man solle in den Gasthöfen auf keinen Fall andere als die heimischen Weine verlangen – auch wenn diese säuerlich schmeckten, riet Cotta. Bei den stets profitgierigen Wirten komme ohnehin alles aus demselben Fass.
Im See wird zu jener Zeit noch nicht gebadet. Dafür kommen Heilquellen in Mode. Ein Schweizer Arzt propagiert erfolgreich Molkenkuren. Das Käsewasser soll gegen Schwindsucht helfen. Der Gesundheitstourismus löst die Aufklärer ab.
Nepp für die Touristen
Wie sich die Region veränderte und allmählich auf die Gäste einstellte, lässt sich in der Ausstellung anhand von Federzeichnungen, Stahlstichen, Lithografien und Postkarten nachvollziehen. Schon bald entwickelt sich eine regelrechte Andenkenindustrie. Vor Nepp war man nicht gefeit. Am Rheinfall habe sich eine lästige Industrie etabliert „mit Kaufanbietungen von Gemälden, Ansichten, Schnitzarbeiten und Schnurrpfeifereien aller Art, die überall um die Hälfte billiger zu haben sind als gerade hier“, berichtet Cottas Reisehandbuch.
Vom Sehnsuchtsort der Demokratiebewegung von 1848 wandelt sich der Bodensee binnen weniger Jahre zur Pilgerstätte des deutschen Hochadels. Auf der Insel Mainau residiert der badische Großherzog, in Friedrichshafen ist der Sommersitz der königlich-württembergischen Familie, in Bregenz kommt der österreichische Kaiser zur Sommerfrische.
„Der Bodensee ist zu jener Zeit die Topadresse“, sagt Engelsing. Auch der deutsche Kaiser schaut vorbei. Das gut betuchte Großbürgertum freut sich über die prominenten Gäste, steigt in Hotelpalästen ab, die in Konstanz, Lindau und Bad Schachen in den Himmel wachsen. Auch historisches Hotelsilber ist in der Ausstellung zu sehen. Meist ist es aus Messing.
Der Hochadel gibt sich die Ehre
Die ersten Badeanstalten entstehen als hölzerne Kästen auf dem See, nach Geschlechtern getrennt und von außen nicht einsehbar. „Der Schwimmlehrer hat für die Erhaltung der Ordnung und der zum Schwimmunterricht unentbehrlichen Stille und Ruhe in der Anstalt zu sorgen“, hält die Satzung der Konstanzer Badeanstalt von 1840 fest. Freibäder entstehen erst mit der sozialdemokratischen Lebensreformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts.
Das bedrohte Idyll
„Wahrlich hier in den gesegneten Fluren, zwischen diesen Rebhügeln, malerischen Waldgebirgen und grünem, kristallhellem See ist das Paradies Deutschlands“, schrieb Karl Julius Weber. Heute ist auch dieses Paradies bedroht – auch durch den Massentourismus, der vor 200 Jahren seinen bescheidenen Anfang nahm.
Die Ausstellung „Idyllen zwischen Berg und See“, die sich der touristischen Entwicklung der Bodenseeregion widmet, ist im Konstanzer Rosgartenmuseum noch bis zum 9. Januar zu sehen.