Tourismus-Förderung Die teure Pech-Marie des Schwarzwalds

Lange Lernphase: die Schwarzwald-Marie als SMartphone-App Foto: Jens Großkreuz / Schwarzwald Tourismus

Die Affäre um Filz und Fördermittel im Schwarzwald-Tourismus ist noch nicht ausgestanden. Viele Fragen um ein kränkelndes KI-Projekt sind offen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

In der Tourismus-Branche ist es inzwischen ein kleiner Sport geworden, die „Schwarzwald-Marie“ herauszufordern. Der Chatbot auf der Webseite der Schwarzwald-Tourismus-GmbH in Freiburg (STG) soll eigentlich Tipps für Urlauber und Ausflügler geben. Doch die mit Künstlicher Intelligenz (KI) generierten Antworten auf die eingetippten Fragen sind mehr oder weniger Glückssache: Mal gibt es tatsächlich hilfreiche Informationen, mal wird man in die Irre geführt – zu gesperrten Wanderwegen oder geschlossenen Restaurants. Gebräuchliche Sprachmodelle wie Chat-GPT liefern oft bessere Auskünfte. Neuerdings prangt auf der Seite daher ein Warnhinweis. Sie werde „gerade noch trainiert“, bittet die KI-Marie um Verständnis, und „jeden Tag ein bisschen schlauer“.

 

Da ist die „Remstal-Lisa“ schon sehr viel weiter. Während der Schwarzwald seine unausgereifte Lösung mit großem Tamtam vermarktete, wurde beim dortigen Tourismusverein in aller Stille eine ungleich überzeugendere KI-Plattform entwickelt. Mit Lisa, Noah und ihren Avatar-Kollegen kann man sich angeregt unterhalten, etwa über Landgasthöfe mit traditioneller Küche oder Radtouren durch die Reben. Jede der Figuren hat ihr eigenes Profil, bald sollen sie die Lippen synchron zur Sprache bewegen können – und sogar schwäbisch schwätzen. Damit starte man in eine „neue Ära der digitalen Gästekommunikation“, verkündete der Geschäftsführer Werner Bader bei der Präsentation Ende 2025.

Ungleiche Konkurrenz mit der Remstal-Lisa

Schwarzwald-Marie gegen Remstal-Lisa – das ist weit mehr als ein Wettbewerb um die beste technische Lösung. Die Konkurrenz wirft auch Fragen nach der staatlichen Tourismusförderung auf – und nach der effizienten Verwendung der Mittel. Während das Remstal seine Lösung mit Hilfe einer Stiftung in Eigenregie entwickelte, erhielt der Schwarzwald Fördergelder aus dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium in sechsstelliger Höhe. In die Entwicklung war zudem jene Agentur (Saint Elmo’s Tourism) eingebunden, bei der die Lebenspartnerin des STG-Geschäftsführers Hansjörg Mair in leitender Funktion arbeitet. Den dadurch aufgekommenen Filzverdacht sehen die Schwarzwald-Gremien nach einer Sonderprüfung zwar entkräftet. Zugleich planen sie aber schärfere Regeln, um Interessenkonflikten künftig vorzubeugen.

Zum Gegenspieler von Mair – auch in eigener Sache ein nicht zur Zurückhaltung neigender Marketing-Profi – hat sich derweil ein leiser Schöngeist entwickelt: der „Vater“ der Remstal-Lisa, Bernd Bartolome (Jahrgang 1966). Der Mathematiker, Software-Unternehmer und Künstler engagierte sich über seine Fellbacher Stiftung Infinite Sculpture aus regionaler Verbundenheit für den Tourismusverein – und wunderte sich nicht wenig über die ihm zuvor kaum bekannte Branche und das Geschäftsgebaren der Schwarzwälder. Im großen Stil würden bei der „KI-Marie“ Steuergelder verschwendet, monierte Bartolome, Aufwand und Ergebnis stünden in keinem Verhältnis.

Das Problem liegt in der Datenbasis

Technischer Kern des Problems ist aus seiner Sicht die zentrale Datenbasis für den Tourismus im Südwesten: die von der privaten Firma Land in Sicht AG (Sitz: Freiburg) betriebene Datenbank mein.toubiz. Für moderne KI-Anwendungen sei diese nur eingeschränkt geeignet, sämtliche Inhalte müssten erst mühsam aufbereitet werden. Zur Lösung des – damit eingestandenen – Problems hätten die Freiburger bei ihm mehrfach Hilfe erbeten, berichtet Bartolome. Die STG spricht dagegen von einem „Update-Angebot“, das gegen Zahlung eines hohen Betrages auch „mediale Kritik verstummen“ lassen sollte – gerade so, als gehe es um eine Art Erpressung. Eine Zusammenarbeit kam letztlich nicht zustande, nach schweren wechselseitigen Vorwürfen sind die Fronten inzwischen verhärtet.

Auch die Schwarzwald-Werber bestätigen indes, die Qualität von KI-Anwendungen im Tourismus „steht und fällt mit der hinterlegten Datenbasis“. Selbstkritisch fragen sie sich immerhin, „ob es sinnvoll war“, mit einem unfertigen Tool an den Start zu gehen; über diesen Vorwurf könne man reden. Nun aber arbeite man an der Optimierung des Chatbots, der beim Gesamtkonzept der digitalen Markenbotschafterin „nur ein kleiner Baustein“ sei. Entsprechend gering sei der Anteil an den Fördermitteln von etwa einer Million Euro, nämlich 111 000 Euro.

Jury-Entscheidung bleibt ein Geheimnis

Ob das Steuergeld in Freiburg gut angelegt ist, will das Stuttgarter Wirtschaftsministerium erst nach Abschluss des Projekts entscheiden. Erst dann sei ein „Abgleich von Verwendungsnachweisen und Sachberichten mit den gesteckten Zielen“ möglich. Eine besonders heikle Frage lässt das Ressort von Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) von der Tourismus-Marketing-Gesellschaft Baden-Württemberg (TMBW) beantworten: Warum wurde die „Remstal-Lisa“ bei den kürzlich von Staatssekretär Patrick Rapp (CDU) verliehenen Tourismus-Innovationspreisen nicht berücksichtigt? Ging die funktionierende günstige Lösung leer aus, um den Kontrast zur teuren Pech-und-Pannen-Marie des Schwarzwaldes nicht zu deutlich werden zu lassen? „Über Verlauf und Inhalte der Jurysitzung wurde Stillschweigen bewahrt“, teilt die TMBW mit; daher sage man auch nichts zu den abgewogenen Argumenten.

Auf Dauer wird sich das Tourismus-Ministerium allerdings nicht wegducken können. Bereits zum zweiten Mal hakt der FDP-Abgeordnete Erick Schweickert jetzt mit einer Landtagsanfrage nach. Darin erkundigt er sich nach den konkreten Förderkonditionen für die KI-Marie, nach überprüfbaren Etappenzielen und nach den genauen Kostenpositionen. Zudem thematisiert er Jury-Entscheidungen bei Wettbewerben und die Nähe politischer Amtsträger zu Projektverantwortlichen – gemeint sind Staatssekretär Rapp und STG-Chef Mair.

Rechtsanwalt erstattet Strafanzeige

Ein Rechtsanwalt aus dem Freiburger Umland will die Vorgänge derweil von der Justiz prüfen lassen. Er hat eine ausführliche Strafanzeige gegen Rapp, Mair und dessen Partnerin bei der Agenturan die Staatsanwaltschaft Stuttgart geschickt. Zu untersuchen sei der Verdacht der Untreue oder des (Subventions-)Betrugs, anhand von Vergabeakten, Verträgen und Compliance-Dokumenten; ein Sachverständiger könne die technische Leistungsfähigkeit der „Schwarzwald-Marie“ bewerten. Bei der Stuttgarter Behörde hieß es zunächst, man wisse noch nichts von einer Anzeige.

Weitere Themen