Tourismus im Kreis Esslingen Andrang in der Natur, Flaute in der Stadt

Der Breitenstein ist ein markanter Aussichtspunkt am Albtrauf und ein beliebtes Wanderziel. Der Trend zu Aktivitäten in der Natur hat sich im Zuge der Pandemie verstärkt. Foto: oh/Reiner Enkelmann

Im Zuge der Pandemie zieht es viele Menschen in die Natur. Trotz Delta-Variante und strengeren Auflagen für Reiserückkehrer rechnet man im Landkreis aber mit weniger Ansturm als im vergangenen Jahr. In der Stadt Esslingen ist man froh über jeden Gast.

Kreis Esslingen - Die Coronapandemie macht die Urlaubsplanung schwierig. Viele bleiben lieber daheim statt das Risiko einzugehen, in der Ferne von den sich ständig ändernden Vorgaben überrascht zu werden. Das spürt man auch im Kreis Esslingen: Vor allem in die Natur zieht es viele einheimische Touristen. Mit einem Ansturm wie im vergangenen Jahr rechnet man in diesem Sommer aber nicht. Damals waren vor allem die Gegenden am Rande der Alb gefragt – an manchen Orten wurde man der ungewohnten Masse an Besuchern kaum Herr. Ganz anders in der Stadt Esslingen: Nach monatelanger Flaute steigt die Zahl der Gäste hier jetzt zwar wieder. Doch das Niveau von vor der Pandemie liegt noch in weiter Ferne.

 

Beim Landratsamt Esslingen beobachtet man im Zuge der Corona-Pandemie vor allem eine Verschiebung der Besuchsziele. So seien etwa die Rad- und Wanderwege gut frequentiert, berichtet Judith Rühle von der Tourismusförderung des Landkreises. „Die Menschen haben ihre Umgebung und die vielfältigen Ausflugsziele im Landkreis Esslingen neu entdeckt“, sagt sie. Doch während die Zunahme an Rad- und Wandertouristen immens gewesen sei, sei die Lage im Hotel- und Gastgewerbe sehr schwierig.

Auffällig viele Besucher aus anderen Bundesländern

Für die kommenden Wochen rechne man mit vielen Gästen aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland, sagt Judith Rühle. Schon vor Beginn der Sommerferien in Baden-Württemberg seien auffällig viele Besucherinnen und Besucher aus anderen Bundesländern vor Ort gewesen, seit Beginn der Ferien habe sich das Aufkommen noch verstärkt. „Von einem Ansturm gehen wir allerdings nicht aus“, so Rühle. Da es inzwischen wieder mehr Alternativen für die Freizeitgestaltung gebe, rechne man eher mit niedrigeren Besucherzahlen als beispielsweise noch in den Pfingstferien.

Gleichwohl sei gerade an den Wochenenden an besonders beliebten Stellen viel los – am Albtrauf etwa auf der Burgruine Hohenneuffen, der Burg Teck, der Ruine Reußenstein oder am Breitenstein. Aber auch das Siebenmühlental bei Leinfelden-Echterdingen oder der Neckartalradweg würden rege genutzt. Um die Situation zu entspannen und für ein gutes Miteinander der Gäste sowie den Schutz der Natur zu sorgen, sei eine Besucherlenkung wichtig, ebenso Aufforderungen zur Rücksichtnahme und Müllvermeidung.

Dafür sind unter anderem die Ranger des Landkreises zuständig. Einer von ihnen ist Martin Gienger. Er stellt fest, dass es seit Beginn der Coronapandemie wesentlich mehr Besucher in die Natur zieht als vorher – auch abgelegene Bereiche seien inzwischen sehr viel stärker frequentiert. „Letztes Jahr war das ganz extrem“, sagt Gienger. In diesem Sommer habe sich die Lage zwar entspannt. Dennoch könne von sinkenden Besucherzahlen an der Alb keine Rede sein. So schön es sei, wenn die Menschen die Natur kennen- und damit hoffentlich auch lieben lernten, so viel Arbeit bedeute das für ihn, sagt Gienger. Denn es kämen inzwischen viele Besucher, die wenig Naturerfahrung hätten und denen man die Regeln zum Schutz von Tieren und Pflanzen erst erklären müsse. Nur so könne man die negativen Begleiterscheinungen wie Müll und Zerstörung in der Natur verhindern.

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Ähnlich äußert man sich beim Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Im Zuge der Coronapandemie verweilten mehr Tagesgäste in der Natur, berichtet Natascha Wenger von der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets. Zudem sei immer wieder zu beobachten, dass sich die Besucherzahlen an einzelnen Orten plötzlich stark erhöhten, wenn Informationen darüber über soziale Medien verbreitet würden. Man rechne damit, dass der Besucherandrang weiterhin groß bleibe – auch wenn die Zahlen vermutlich nicht das Niveau des vergangenen Jahres erreichen würden.

Pandemie ist schwerer Schlag für Städte-Tourismus

Ganz anders sieht es beim Tourismus in der Stadt Esslingen aus. „Die Pandemie ist ein schwerer Schlag für den Städte-Tourismus“, sagt Michael Metzler, Geschäftsführer der Esslinger Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft (EST). In den zehn Jahren vor Corona habe Esslingen jedes Jahr neue Besucherrekorde verzeichnet, seither seien die Zahlen massiv eingebrochen. Er rechne damit, dass es noch lange dauert, bis die Stadt sich davon erholt habe – zumal man viel von Geschäftsreisenden aus den USA, China und Indien profitiert habe, wo es derzeit coronabedingt noch viele Restriktionen gebe. Deshalb lege man beim Marketing zunächst den Fokus auf Tagesgäste aus der Region. Derzeit steige die Zahl der Gäste langsam wieder, erstmals kämen auch wieder kleinere Gruppen zu Ausflügen in die Stadt. „Wir rechnen mit weiterem Wachstum in den nächsten Wochen“, sagt Metzler – aber ob die Hoffnung sich erfülle, wisse er nicht.

Entwicklung in Stadt und Kreis Esslingen

Zahlen
Laut Michael Metzler, Geschäftsführer der Esslinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH (EST) sind die Übernachtungszahlen in Esslingen im Jahr 2020 um 48 Prozent im Vergleich zu 2019 eingebrochen. Im ersten Halbjahr 2021 habe man nochmals einen Rückgang von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnet. Auch in vielen Kommunen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb sind die Übernachtungszahlen im Jahr 2020 massiv zurückgegangen. Dagegen haben sich die Besucherzahlen an manchen Ausflugszielen erheblich erhöht – am Breitenstein etwa innerhalb eines Jahres weit mehr als verdoppelt.

Trend
Neben dem Trend zu Aktivitäten in der Natur verzeichnet man sowohl im Kreis als auch in der Stadt Esslingen eine verstärkte Nutzung von Online-Portalen über touristische Angebote. Darauf will man reagieren und künftig noch mehr Informationen auf digitalem Wege anbieten.

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