Tourismus in der Adria Der Fluch der Kreuzfahrtriesen

Ein Missverhältnis in der Größe: Kreuzfahrtschiff vor der historischen Altstadt von Kotor in Montenegro Foto: Mauritius
Ein Missverhältnis in der Größe: Kreuzfahrtschiff vor der historischen Altstadt von Kotor in Montenegro Foto: Mauritius

Die Hochsaison ist an der Adria vorbei. Doch noch immer kreuzen vor deren Gestade die schwimmenden Schlafburgen. Trotz klingender Kassen scheiden sich an den Kreuzfahrtschiffen die Geister.

Korrespondenten: Thomas Roser (tro)
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Dubrovnik - Die mächtige Schiffswand des schwimmenden Wohnblockriesen scheint bei der Fahrt durch die enge Bucht von Kotor die zarte St.-Georg-Kapelle auf dem vorgelagerten Inselchen fast zu erdrücken. Doch der Kapitän steuert die treibende Bettenburg routiniert in den für das mächtige Ungetüm viel zu klein wirkenden Hafen. Die weißen Kreuzfahrtriesen sind im Land der schwarzen Berge zum vertrauten Bild geworden: Von Ende Januar bis Ende November steuern sie die schönste Bucht an Montenegros Adriaküste an.

Die Hochsaison ist zwar auch in den Touristenhochburgen der kroatischen Adria inzwischen vorbei, doch noch immer kreuzen vor deren Gestaden die Nobelschlafburgen. Von Barcelona bis Venedig werden die wuchtigen Fährboote des Massentourismus trotz klingender Kassen allerdings zunehmend eher als Fluch denn als Segen empfunden. Auch in den ex-jugoslawischen Anrainerstaaten am Ostufer der Adria werden die Debatten über den Sinn und Nutzen des Kreuzfahrtschifftourismus lauter. Besonders das hoffnungslos überlaufene Dubrovnik in Kroatien würde die Zahl der Touristen gerne auf 4000 pro Tag begrenzen.

Die Städter fühlen sich wie in Disneyland

Vor allem in der Hochsaison übersteigt die Zahl der Fotojäger, die sich durch die nur 800 Meter lange und 400 Meter breite Altstadt drängeln, die von der Unesco empfohlene Maximumgrenze von 8000 Besuchern pro Tag bei Weitem. Zwar haben die Passagiere der Kreuzfahrtriesen für ihre Ferien oft stattliche Preise zu berappen, doch wegen ihrer Vollverpflegung an Bord werden sie bei Landgängen eher als knausrig empfunden. Ein Kaffee, ein Eis und ein Kühlschrankmagnet: Die gut 800 000 Besucher, die 2016 über das Meer nach Dubrovnik gelangten, ließen durchschnittlich gerade einmal 46 Euro in der Stadt zurück.

Ende der 90er Jahre wurde nach den ausgestandenen Schrecken des Kroatienkriegs noch jedes einfahrende Kreuzfahrtschiff von der Lokalpresse freudig vermeldet. „Die Rückkehr der schwimmenden Hotels ist ein großer Segen für die Wirtschaft an der ­Küste“, titelte etwa 1999 begeistert die Zeitung „Dubrovacki Vjesnik“. Doch nun wächst die Furcht, dass die Stadt bald zu einem überfüllten Disneyland ohne Ureinwohner ­verkommen könnte.

Für das idyllische Kotor sind die Schiffe die wichtigste Einnahmequelle

Der Plan, die Zahl der Touristen auf 4000 pro Tag zu begrenzen, werde Dubrovnik in den nächsten beiden Jahren zwar „Millionen kosten“, langfristig aber nicht nur die Lebensqualität der Anwohner, sondern mit weniger, aber ausgabefreudigeren Besuchern auch die Tourismus-Einnahmen erhöhen, sagt Bürgermeister Mato Frankovic. Zur besseren Koordination im Streit gegen die negativen Folgen des Kreuzfahrttourismus hat der Bürgervater vergangene Woche seinen Amtskollegen in Kotor besucht.

Zwar mehren sich auch in Montenegro die Warnungen, Kotor nicht zu einer entvölkerten Fassade für die Kreuzfahrttouristen verkommen zu lassen. Doch während Dubrovnik deren Zahl zu reduzieren hofft, gelten die Urlauber in Kotor als wichtigste Einnahmequelle. 500 Schiffe mit mehr als 600 000 Gästen im Jahr bedeuteten enorme Einkünfte für die Region, erläutert die Direktorin des lokalen Tourismusverbands: „Wir können uns nicht mit Städten wie Dubrovnik, Barcelona oder Venedig vergleichen, die sich aussuchen können, welche Art von Tourismus sie gerne hätten.“




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