Tourismus in Griechenland Köche und Kellner verzweifelt gesucht
In den griechischen Hotels und Restaurants fehlen fast 50 000 Beschäftigte. Jetzt lockt die Branche mit Prämien. Auch Lehrer und Rentner werden umworben.
In den griechischen Hotels und Restaurants fehlen fast 50 000 Beschäftigte. Jetzt lockt die Branche mit Prämien. Auch Lehrer und Rentner werden umworben.
Seit 26 Jahren arbeitet Charalambos S. in der Hotelbranche, aber eine solche Notlage hat er noch nie erlebt: „Uns fehlen Leute überall“, klagt der Geschäftsführer eines Vier-Sterne-Hotels auf der griechischen Insel Korfu. „In der Küche, im Restaurant, beim Zimmerservice, in der Haustechnik – überall haben wir dieses Jahr Engpässe.“ Die Hotelbar ist nur noch abends einige Stunden geöffnet, an der Rezeption hilft der Chef oft persönlich aus, sogar beim Abräumen des Frühstücksgeschirrs geht er dem überlasteten Personal zur Hand. Den Namen seines Hotels möchte Charalambos S. nicht genannt sehen, „denn Personalmangel ist keine gute Werbung“.
Nach Angaben der griechischen Tourismus-Denkfabrik Insete waren im Frühjahr von 244 124 Planstellen in den Hotels 53 249 nicht besetzt. Inzwischen hat sich die Personalsituation vielerorts sogar weiter verschärft. Fast jede vierte Stelle ist vakant. Die größten Engpässe gibt es in den Restaurants mit 13 700 offenen Stellen und beim Housekeeping, wo 13 000 Mitarbeitende fehlen. An den Rezeptionen und in den Hotelküchen werden jeweils 9000 Beschäftigte dringend gesucht. Im Marketing und Verkauf gibt es 3700 offene Stellen. Auch in den griechischen Tavernen, Bars und Cafés fehlt Personal. Der Grund: Viele Beschäftigte haben sich während der Corona-Lockdowns besser bezahlte Jobs mit geregelten Arbeitszeiten gesucht.
„Einen riesigen Arbeitskräftemangel“ sieht auch Andreas Andreadis, Chef der Sani/Ikos-Hotelgruppe: „Die größten Probleme haben wir in den Küchen und im Servicebereich.“ Obwohl sein Unternehmen überdurchschnittlich zahle, gebe es nicht genug Interessenten. „Wir müssen eine Lösung finden, sonst gerät unser Qualitätstourismus in Gefahr“, mahnte Andreadis auf Twitter. Die Branche sucht nach Abhilfen. Viele Hotels bieten ihren Beschäftigten jetzt Anwerbeprämien: Wer Freunde oder Bekannte als Beschäftigte vermittelt, bekommt mehrere Hundert Euro auf die Hand. Der Verband der Beherbergungsbetriebe (Setke) verhandelt außerdem mit dem Arbeits- und Erziehungsministerium, um Pensionäre und Lehrkräfte während der Sommerferien als Teilzeitbeschäftigte anzuheuern, ohne dass der Staat ihnen die Bezüge kürzt.
Giorgos Chatzoglou, der Chef der Gewerkschaft der Gastronomie- und Tourismus-Beschäftigten (Poeet), sieht die größten Personalengpässe auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki sowie an den touristischen Hotspots wie Rhodos, Santorin und Mykonos. Der Gewerkschafter führt das vor allem auf die schlechte Bezahlung und die nahezu unzumutbaren Arbeitsbedingungen zurück. Und das obwohl Service-Mitarbeiter in Griechenland seit diesem Monat keine Masken mehr tragen müssen. Das gilt zunächst bis 15. September.
Der jüngst geschlossene Tarifvertrag sieht zwar für dieses Jahr drei Prozent mehr Gehalt und 2023 weitere vier Prozent Erhöhung vor. Aber angesichts einer Inflationsrate von elf Prozent löst das die Probleme nicht. „Für 700 Euro im Monat, freie Unterkunft und Verpflegung müssen die Beschäftigten oft sieben Tage in der Woche zehn bis zwölf Stunden täglich arbeiten“, sagt der Gewerkschafter. Viele Arbeitgeber verlangten auch Schwarzarbeit, um Sozialversicherungsabgaben zu sparen, kritisiert Chatzoglou.
Etliche der gut 30 000 ukrainische Flüchtlinge, die in Griechenland eingetroffen sind, haben für diesen Sommer bereits Arbeit im Tourismussektor auf den Urlaubsinseln gefunden. Die Menschen erhalten im Schnellverfahren für die folgenden zwölf Monate eine Arbeitserlaubnis.