Tourismus mit Bollenhut Wie der Schwarzwald erfunden wurde
Steile Berge, urige Höfe und der Bollenhut sind zu den Symbolen für den Schwarzwald geworden. Aber wer hat’s erfunden? Diesmal war es kein Schweizer, sondern ein Sachse.
Steile Berge, urige Höfe und der Bollenhut sind zu den Symbolen für den Schwarzwald geworden. Aber wer hat’s erfunden? Diesmal war es kein Schweizer, sondern ein Sachse.
Es ist der 16. April 1880. Ein junger Mann steigt in Gutach aus dem Zug. Er hat wenig Gepäck, dafür „desto mehr Hoffnungen“, wie ein Biograf 25 Jahre später schreiben wird. Wilhelm Hasemann heißt der Reisende und ist Künstler. Damals noch keine 30 Jahre alt, wird er Zeitlebens nicht mehr loskommen von dem kleinen Ort im heutigen Ortenaukreis. „Hasemann wird das Bild vom Schwarzwald in der Welt stärker prägen als jeder andere“, sagt die Kunstwissenschaftlerin Mirja Straub.
Im Augustinermuseum in Freiburg hat sie eine Ausstellung „Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds“ zusammengestellt. Für sie ist das keine Übertreibung. Denn es ist Hasemann, der die symbolträchtigen Bilder von der bergigen Landschaft, den urigen Bauernhöfen und dem unvermeidlichen roten Bollenhut schafft und verbreitet – auf großformatigen Gemälden, wie auch auf Kunstpostkarten. Sie prägen noch heute den Blick auf den Schwarzwald.
Ende des 19. Jahrhunderts spielt der Tourismus im Schwarzwald noch keine Rolle. Der Wintersport steckt noch in der Experimentierphase, der weltweit erste Lift geht 1908 bei Eisenbach in Betrieb. Immerhin: Seit 1873 führt die Schwarzwaldbahn auf ebenso kurven- wie tunnelreicher Strecke durch das Gebirge. Doch die meisten Sommerfrischler aus Adel und Großbürgertum, die sich einen Urlaub leisten können, steigen hier nicht aus. Sie wollen weiter an den Bodensee und in die Schweiz. Der Schwarzwald gilt als finster und undurchdringbar, so wie es bereits die Römer empfanden, die der Region ihren Namen gaben: „silva nigra“.
Doch es gibt eine Sehnsucht nach dem Ursprünglichen besonders unter Städtern, die auch Hasemann teilt und die Grundlage seines Geschäfts wird. Der Maler, der aus Mühlberg an der Elbe in Sachsen stammt und in Berlin, Weimar und München studiert hat, ist spontan begeistert. „Es ist wunderschön hier im Schwarzwalde, so malerisch wie ich eigentlich noch nichts kenne“, schreibt er kurz nach seiner Ankunft an seine Schwester. Auch die anderen beiden Hauptmotive hat er schon im Auge. Bei schlechtem Wetter zeichne er die Bauernstuben. „Die Häuser sind nämlich hier ganz anderer Art als bei uns.“ Und: „Ebenso interessant ist die hiesige Tracht.“
Es ist ein Auftrag, der Hasemann nach Gutach treibt. Er soll die Prachtausgabe des im Schwarzwald angesiedelten Buches „Die Frau Professorin“ von Berthold Auerbach illustrieren. Hasemann ist dafür nicht erste Wahl, aber weil Renommiertere nicht wollen, bekommt er den eher mäßig bezahlten Auftrag. Der Schriftsteller gibt dem gänzlich Ortsunkundigen einen Tipp: Er solle nach Gutach fahren. Dort werde er „auf Schritt und Tritt Malerisches finden“.
Hasemanns Frau, wie er aus Mühlberg in Sachsen, muss sich anfangs das Schwarzwälder Idiom übersetzen lassen. Doch er wird zum Schwarzwaldmaler schlechthin und schart im kleinen Gutach eine Künstlerkolonie um sich. Vor allem im Sommer kommen Maler aus Karlsruhe und von weiter her. Die Bilder, die entstehen, zeigen bei wunderschönsten Sommerwetter ein idealisiertes Leben der Schwarzwälder – „durchgestylt und in Szene wie ein Instagram-Auftritt“, wie Mirja Straub findet.
Dabei halten die Menschen ihre Tracht damals schon für unbequem – ein Bollenhut wiegt fast zwei Kilogramm – und tragen sie allenfalls noch an Feiertagen. Vom harten Broterwerb der Bevölkerung zeigen Hasemann und seine Kollegen nichts. Es ist von der städtischen Kundschaft auch nicht erwünscht. Die gibt klare Regieanweisungen. Im Namen von Baron Cotta wird Hasemann 1885 mit einem Schwarzwälder Genrebild beauftragt, wobei „mindestens ein hübsches Mädchen auf dem Bilde“ sein sollte.
Der Bollenhut, der nur in Gutach und den Nachbarorten Reichenbach und Kirnbach von den unverheirateten Frauen getragen wird, ist nicht die einzige Tracht, für die sich Hasemann begeistert und für deren Erhaltung er sich einsetzt. Später avanciert er zu einem der Gründerväter des Trachtenvereins. Am Siegeszug der eigenwilligen Kopfbedeckung mit den 14 Wollröschen hat er maßgeblichen Anteil. Heute ist der Bollenhut Werbeträger Nummer eins - ob es um Tourismus, Milch oder Schinken „made in Black Forest“ geht. Und wenn Sonja Ziemann 1950 im „Schwarzwaldmädel“, dem erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm, sich mit Bollenhut zeigt, dann ist auch das ein Zitat aus Hasemanns Bilderwelt.
„Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds“ ist bis 24. März 2024 im Augustinermuseum Freiburg zu sehen.