Tourismus und Bauboom Der Charme Teneriffas – bleibt er erhalten?

Teneriffa sucht seine Identität Foto:  

Idioten im Nationalpark, Staus in den Städten, Bauwut im Hinterland. Wie Teneriffas Bewohner ihre und die Identität der Insel bewahren wollen – trotz Tourismusbooms.

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Nirgends auf der Welt habe ich ein so harmonisches Gemälde vor mir gehabt“, notierte der Forscher Alexander von Humboldt 1799 beim Blick auf das Orotavatal und den Pico del Teide. Überhaupt gefiel ihm die Insel Teneriffa so gut, dass er am liebsten dageblieben wäre, statt seine fünfjährige Expeditionsreise nach Amerika fortzusetzen.

 

Wenn man oben steht am Mirador Humboldt, den eine Bronzefigur des deutschen Universalgelehrten schmückt, und den Blick über das Orotavatal schweifen lässt, kann man seine Begeisterung nachvollziehen. Großartig der Blick auf den majestätischen Vulkan, farbenfroh die Vegetation auf der „Insel des ewigen Frühlings“, doch: unübersehbar die Betonschneisen der immer neuen Straßen, zersiedelt die Täler, zugebaut viele Buchten.

Immer neue Besucherrekorde

Vergangenes Jahr feierte Teneriffa einen Besucherrekord mit mehr als sieben Millionen Touristen. Für dieses Jahr wird eine erneute Steigerung erwartet. Doch was die Tourismusverantwortlichen in Madrid jubilieren lässt, macht den Insulanern Angst, die sie immer öfter bei Protesten artikulieren. „Viele Einheimische haben das Gefühl, es geht viel zu schnell mit dem Wachstum. Man muss es besser planen, damit auch die Infrastruktur mitkommt. Mehr Besucher geht nicht, das hier ist eine Insel, die wächst nicht mehr“, sagt Fremdenführer Ancor Robaina.

Was er meint, sieht man beim Spaziergang durch die Hauptstadt Santa Cruz. In den Straßen reiht sich Blech an Blech, in die umgebenden Hänge fressen sich Rohbauten. „Es gibt viel Spekulation hier, die Immobilienpreise sind explodiert“, erzählt Robaina. Zudem verschwinde viel Wohnraum durch die Kurzzeitvermietung an Feriengäste. Dabei galt Santa Cruz im grünen Norden lange als entspannte Alternative zu den sonnigen Touristenhochburgen des Südens. Große Parks wie der García Sanabria mit Kunstwerken und gepflegten Blumen und Bäumen sorgen für ein gutes Stadtklima. Fast jede der zahlreichen Kirchen lohnt einen Besuch, die schmucken Häuser im Kolonialstil sind renoviert und beherbergen Banken, Hotels oder Verwaltung, eine quirlige Fußgängerzone führt Richtung Meer.

Palmenhain auf der Mülldeponie

Hier stößt man auf das Kulturzentrum Tea – hinten Betonklotz, vorne Säulenhalle, innen Mixtur aus Bibliothek, Museum, Ausstellung. Das Konzerthaus Auditorium erinnert an die Oper in Sydney, und auf der ehemaligen Mülldeponie daneben gedeiht einer der größten Palmenhaine Europas mit der gesammelten Pflanzenwelt der Kanaren und 600 verschiedenen Palmenarten. „Die Stadt ist ständig in Bewegung, Altes wird abgerissen, Neues gebaut“, sagt Robaina. Als nächstes soll ein riesiges Raffineriegelände zum urbanen Viertel umgestaltet werden.

Blick vom Palmenhain aufs Auditorium von Santa Cruz. Foto: Bettina Bernhard

Bewahren statt verändern gilt dagegen in La Laguna, der ehemaligen Hauptstadt von Teneriffa, die 1496 abseits der mit Piraten verseuchten Küsten im feuchten, kühlen Bergland gegründet wurde. Hier entstand die erste Universität der Kanaren, hier residierte der Bischof. Doch in dem Maß, wie die neue Hauptstadt Santa Cruz gedieh, verlor die alte an Bedeutung. „La Laguna wurde fast zur Lost City, denn man investierte nicht mehr und renovierte auch nichts“, erzählt Tatjana Gonzalez vom Tourismusbüro. Das habe sich im Nachhinein als Glücksfall erwiesen, denn so blieb die historische Struktur erhalten, der La Laguna ihren Unesco-Titel verdankt.

Ein Geheimtipp ist auch Orotava, noch ein bildhübsches Städtchen in Halbhöhenlage, längst nicht mehr. Das Freimaurer-Mausoleum, der botanische Garten mit dem uralten Drachenbaum, die prächtige Kirche und die schmucken Holzbalkone sind beliebte Fotomotive.

Besuch bei einem der letzten Gofiomüller

Doch das „echte“ Teneriffa wohnt nur wenige Straßen entfernt: In die Molino de Gofio la Molineta von 1866, eine der beiden letzten Gofiomühlen, kommen die Einheimischen mit ihren Stoffsäckchen und holen sich die Mischung aus Mais und Weizen, geröstet und gemahlen. Gofio ist weit verbreitet auf den Kanaren, weil es günstig ist und gut sättigt. Noch vor Jahrzehnten war es Hauptnahrung der vielfach sehr armen Bevölkerung. In der Mühle riecht es süßlich und ein bisschen karamellig, und die Luft flirrt vom feinen Mehlstaub. „Reich wird man auch als Gofiomüller nicht“, sagt José Delgado. Der 65-Jährige arbeitet hier seit seinem zwölften Lebensjahr. Rund 300 Kilo Mehl verkauft er am Tag, der Kilopreis variiert zwischen 1,40 und 3,45 Euro je nach Beimischung und Röstung.

Zu Gast in der Marquisenvilla

Sowohl Einheimische wie Touristen kommen zu Paloma Moaiana. Sie führt im alten Handelsstädtchen Garachio an der Nordwestküste ein Hotel mit Restaurant in einer Marquisenvilla aus dem 16. Jahrhundert. Ihr Vater, der aus dem Ort stammt, kaufte es 1979 und renovierte es aufwendig. „Im Hotel haben wir 80 Prozent im Original erhalten, der Innenhof ist völlig unverändert“, berichtet Moaiana. Jedes der 19 Zimmer hat sie individuell gestaltet, unter anderem mit den Häkelarbeiten der Ururgroßmutter.

Teneriffa Foto: Grafik/Dettmann

Gelebte Tradition findet man auch in San Andrés. Das ehemalige Fischerdorf an der steilen, wilden Südostküste war bis in die 1970er Jahre ziemlich isoliert. Spätestens, seit man drei Geröllbuchten mit Saharasand zu einem langen Strand aufgeschüttet hat, kommen auch hierher mehr Touristen. Das stört die Einwohner jedoch (noch) nicht. Sie folgen dem sonntäglichen Ruf der Glocken ins festlich geschmückte Dorfkirchlein. Dort beten die Frauen Rosenkränze, bis die Männer nachkommen und die Messe beginnt. Danach wird auf dem Kirchplatz diskutiert, gefeiert oder getratscht – oder aber auch alles auf einmal.

Ursprünglichkeit bewahren will ein Landschaftspark, der im Anagagebirge nicht nur die Natur unter Schutz stellt, sondern auch Berufe wie Bauer, Hirte oder Schäfer subventioniert, um sie zu erhalten. Das Vulkanmassiv mit üppig bewaldeten Hängen reicht auf knapp 1000 Meter hinauf. Hier bleiben die Passatwolken hängen und speisen den Lorbeerwald, der oberhalb von 600 Metern die Heidebäume ablöst. Ein Traum für Wanderer – wenn sie früh dran sind: Oben am Cruz del Carmen schickt die Polizei alle Ausflügler weg, denn der Parkplatz ist voll. Warum nicht schon im Tal, viele Höhenmeter und Serpentinen tiefer, eine Zählstelle eingerichtet wird, fragt sich auch der Polizist.

Im Nationalpark grillen und müllen sie

Im Teide-Nationalpark ist eine neue Zeit angebrochen. Seit Anfang des Jahres liegt die Parkverwaltung in der Zuständigkeit der Inselregierung, und die plant Großes: Ökosteuern, Besucherquoten, elektrische Shuttle-Busse und Umweltpolizei kündigte Rosa Dávila, die Präsidentin des Inselrats, an. Im Frühsommer ist davon noch wenig zu sehen. Im Nationalpark mit seinen genialen Lavaskulpturen am Fuß des monumentalen Berges sammeln Kinder Steine, Erwachsene posen auf Felsen. Das ist verboten laut Ancor Robaina, doch es sei nicht das größte Problem. „Leute buddeln die geschützten Natternköpfe aus, sie übernachten, grillen und müllen im Park“, sagt er.

Käme Alexander von Humboldt heute zurück von seiner Teide-Besteigung, würde er wohl nicht mehr behaupten, er habe „bisher nichts Majestätischeres gefunden“.

Info

Anreise
 Ab Stuttgart fliegen Condor ( www.condor.com ), Eurowings ( www.eurowings.com ) und Tuifly ( www.tui.com) direkt nach Teneriffa.

Unterkunft
Stilvoll nächtigt man im palast-artigen Iberostar Heritage Grand Mencey in Santa Cruz. Doppelzimmer mit Frühstück ab 175 Euro, www.iberostar.com . Authentisch und bezaubernd ist das hübsche Hotelchen La Quinta Roja in Garachio, DZ/F ab 199 Euro, www.quintaroja.com

Essen und Trinken
In Santa Cruz serviert Danny Nielsen in einer alten Zeitungsdruckerei spannende Kreationen. Der Däne kam vor 21 Jahren der Liebe wegen nach Teneriffa und gründete mit einer Künstlerin eine Familie mit fünf Kindern – und ein Restaurant, www.nielsen-restaurante.com .Das Weingut Bodega El Lomo in der Nähe von Tegueste empfängt zur Weinprobe mit Begleitung. Zu Mango-Tomaten-Suppe, Sardinen oder Ziegenkäse gibt es Wein aus alten Rebsorten, die auf Lavagestein gedeihen, www.bodegaellomo.com .Typisches von Teneriffa serviert das Ausflugslokal Cruz del Carmen im Landschaftspark Anaga nahe des Besucherzentrums.

Allgemeine Informationen
 Spanisches Fremdenverkehrsamt in Deutschland, www.spain.info ; Teneriffa-Tourismus, www.webtenerife.com

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