Tourstart in Esslingen Radfahrer wollen in acht Tagen das schwedische Norrköping erreichen

Dietmar Kuntz (links) und Andreas Hahn starten am 28. Juni auf dem Esslinger Marktplatz. Foto: /Ines Rudel

Zwei Extremsportler aus der Region stehen vor einer neuen Herausforderung: Demnächst brechen sie mit dem Fahrrad nach Norrköping auf. Was motiviert die beiden dazu, die 1500 Kilometer bis in die schwedische Partnerstadt Esslingens zurückzulegen?

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Als „nicht ganz normal“ bezeichnet Andreas Hahn die Art, wie er und sein Arbeitskollege Dietmar Kuntz zusammen ihre Freizeit verbringen. Diese Aussage lässt sich gelinde gesagt als Untertreibung einstufen. Die beiden langjährigen Freunde sind selbst ernannte „Extremfahrradfahrer“. Wenn alles nach Plan verläuft, starten sie am Freitag, 28. Juni, auf dem Esslinger Marktplatz eine neue Tour. Das Ziel: Norrköping, die schwedische Partnerstadt Esslingens.

 

1497 Kilometer umfasst die Strecke, die sich die beiden ausgesucht haben. Diesen Weg wollen Hahn und Kuntz innerhalb von acht Tagen mit dem Rennrad bewältigen. Das bedeutet einen Schnitt von knapp 200 Kilometern am Tag. Ähnlich lang sind die Etappen der „Tour de France“, dem bekanntesten Radrennen der Welt. „Bei uns gibt es aber kein Doping“, sagt Kuntz lachend.

Ein eingespieltes Team

Unterwegs stärken er und Hahn sich lediglich mit sogenannten Powergels. Dabei handelt es sich um ein zähflüssiges Gemisch, das bei Hochleistungssportlern beliebt ist, weil der Körper auf diese Weise innerhalb kurzer Zeit viele Nährstoffe aufnehmen kann. Frühstück gibt es in der Unterkunft, Hahn und Kuntz nächtigen in Hotels. Ansonsten kommen sie mit einem Besuch beim Bäcker pro Tag aus, erzählen sie. Nicht nur bei der Ernährung, sondern auch auf der Straße beziehungsweise auf dem Radweg sind die Abläufe eingespielt. Wer im Windschatten fahre, wisse ganz genau, dass er sich auf seinen Vordermann verlassen könne und umgekehrt. „Das ist bei uns echt harmonisch, wir müssen unterwegs gar nicht mehr miteinander reden“, sagt Kuntz.

Kennengelernt haben sich die beiden 2008 während des Radmarathons Alb Extreme in Ottenbach bei Göppingen. Hahn sei damals zunächst in der Kategorie „gemäßigt“ gestartet. „Das ist mir nach einer Weile aber zu langweilig geworden“, erzählt er. Deshalb habe er sich an einer Steigung seinem Firmenkollegen Kuntz angeschlossen, der zügiger unterwegs gewesen sei. Nach diesem Treffen am Berg entwickelte sich im Laufe der Jahre eine bewährte Tourenpartnerschaft. Ein Höhepunkt war die gemeinsame Teilnahme bei einem 24-Stunden-Rennen im bayerischen Kelheim. 540 Kilometer legten die Radler damals innerhalb einer Tageslänge zurück. „Ohne Schlaf“, fügt Kuntz hinzu. Seit zehn Jahren fahren der 60-jährige Hahn aus Neuhausen und der 57-jährige Kuntz aus Lichtenwald jährlich eine Tour zusammen. Normalerweise suchen sie sich dabei Strecken aus, die zwei oder drei Tage in Anspruch nehmen.

Über acht Etappen hinweg waren die beiden dagegen noch nie gemeinsam unterwegs. Deshalb ist die Fahrt nach Norrköping trotz aller Routine und Erfahrung etwas Besonderes. Ursprünglich war die Tour bereits für 2020 geplant. Damals machte jedoch die Coronapandemie Hahn und Kuntz einen Strich durch die Rechnung. In den vergangenen Jahren fand sich dann kein passendes Zeitfenster. Umso mehr freuen sich die beiden deshalb, dass es nun endlich losgehen kann. „Hoffentlich macht uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung“, sagt Kuntz.

Verzögerter Start

Er fügt hinzu: „Wir wissen ja nicht genau, wie lange wir so etwas noch machen können.“ Kuntz, der seine Wurzeln im Triathlon hat, betreibt seit Jahrzehnten Extremsport. Zweimal war er bereits in Norrköping – in beiden Fällen natürlich mit dem Fahrrad. 1995 nahm er an einer vom Esslinger Verein Nonplusultra organisierten Tour in die schwedische Partnerstadt teil. Der Aufwand sei damals geringer gewesen, erzählt Kuntz. „Ich musste mich nur auf das Rad setzen und losfahren, der Rest war geregelt.“ Diesmal sei deutlich mehr Zeit in die Planung geflossen. Außerdem waren 1995 Begleitfahrzeuge mit dabei. Darauf verzichten Hahn und Kuntz, wenn es am 28. Juni losgeht. Zwar hatte sich ein Arbeitskollege bereit erklärt, zur Sicherheit mit dem Auto mitzufahren. Hahn sagt jedoch: „Das wollen wir niemandem zumuten, für uns so viel Zeit zu opfern.“

Der 60-Jährige hat die Route für das Abenteuer zusammengestellt, größtenteils mithilfe einer Tourenapp. Lässt sich die Strecke unterwegs auch ein wenig genießen? „Auf der Straße haben wir schon einen Tunnelblick drauf“, sagt Hahn. Ein paar besondere Ziele hat er dennoch eingebaut. Die Tagesetappe nach Kopenhagen endet direkt vor der Bronzestatue der Kleinen Meerjungfrau, die eine Figur aus einem Märchen von Hans Christian Andersens darstellt. Auch am Elternhaus der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren im schwedischen Vimmerby ist ein Stopp geplant.

Sightseeing ist Nebensache

Das Sightseeing steht bei Hahn und Kuntz aber sicherlich nicht im Vordergrund. Wohl fühlen sich die beiden vor allem, wenn sie im Sattel sitzen. „Ab und zu bekomme ich zu hören: Wer sich freiwillig solchen Strapazen aussetzt, muss schon ein bisschen verrückt sein“, erzählt Hahn. „Dann antworte ich immer augenzwinkernd: Warum denn? Das ist doch romantisch – Fahrradfahren von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.“

Die Tour nach Norrköping

Route
 Der erste Tagesabschnitt führt von Esslingen bis ins bayerische Aschaffenburg. Die längste Etappe folgt an Tag zwei. Über 220 Kilometer geht es nach Göttingen in Niedersachsen. Weitere Stopps sind in Uelzen, Heiligenhafen, Kopenhagen (Dänemark), Almhult und Vimmerby (beide Schweden).

Zahlen
 Insgesamt müssen Hahn und Kuntz 8630 Höhenmeter bewältigen. Auch hier sticht die zweite Etappe heraus: 1900 Höhenmeter sind es auf dem Weg von Aschaffenburg nach Göttingen. Die beiden Radfahrer wollen durchschnittlich mit einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde unterwegs sein. 

Ziel
Die 94 000-Einwohnerstadt Norrköping liegt in der Provinz Östergötland im südlichen Teil Schwedens. Dort wollen Hahn und Kuntz aber nur zwei Nächte bleiben. Danach geht es erneut mit dem Rad weiter nach Stockholm. In der schwedischen Hauptstadt sind die Extremsportler mit ihren Lebenspartnerinnen verabredet.

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