Toxische Beziehungen Gaslighting – der grausame Beziehungstrick

Im Film „Gaslight“ (1944) verunsichert Gregory (Charles Boyer) seine Frau Paula (Ingrid Bergman) systematisch, um so Kontrolle über sie zu erlangen. Foto: Imago/Ronald Grant/Mary Evans Picture Library

Seelischer Missbrauch: Wie man Partner erkennt, die einen durch Manipulation, Lügen und Erpressung so stark verwirren und quälen, dass man an sich selbst zweifelt.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Stuttgart - Um zu bekommen, was man will, beeinflusst vermutlich fast jeder Mensch sein Gegenüber gelegentlich subtil – etwa mit Komplimenten oder auch kleinen Erpressungsversuchen. Doch beim Gaslighting kommen keine Schmeicheleien oder sanfter Druck zum Einsatz – hier handelt es sich um eine massive Form von Manipulation. Das Phänomen tritt meist in Partnerschaften auf, zuweilen aber auch in Familien und am Arbeitsplatz.

 

Was versteht man unter Gaslighting?

„Es handelt sich dabei um eine Form von seelischem Missbrauch“, sagt die Münchner Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki. „Dabei wird eine andere Person für die eigenen Zwecke ausgebeutet “ – durch Manipulationen, Täuschungen und Lügen. Der Täter, meist eine dem Opfer sehr nahe stehende Person, verunsichert sein Gegenüber massiv – bis der- oder diejenige schließlich völlig verwirrt ist, die eigene Wahrnehmung infrage stellt und im schlimmsten Fall den Sinn für die Realität verliert.

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Dies geschieht nicht ununterbrochen, aber wiederholt und über einen langen Zeitraum. Etwa, indem man dem anderen das Wort im Mund verdreht, ihm Dinge unterstellt, etwa vergesslich zu sein, oder behauptet, Ereignisse hätten sich ganz anders zugetragen. Kommt man etwa spät nach Hause und fragt der Partner was los war, könnte die Antwort lauten: „Ich bitte dich, darüber haben wir doch am Sonntag ausführlich geredet. Erinnerst du dich schon wieder nicht?“

„Die Betroffenen glauben dann oft ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr“, erklärt Bärbel Wardetzki, Autorin von Büchern wie „Eitle Liebe“ oder „Narzissmus, Verführung und Macht in Politik und Gesellschaft“.

Geschieht dies absichtlich?

Laut Wardetzki steckt sogar nicht immer böse Absicht dahinter. So manchen Leuten sei gar nicht klar, dass sie ihren Mitmenschen schaden: „Es kann gut sein, dass ich meinen Partner unbewusst unter Druck setze und manipuliere.“ Dahinter verberge sich oft die Unfähigkeit, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche offen auszudrücken. Viele, die solch ein Verhalten an den Tag legen, kompensierten damit eigene Unsicherheiten, Probleme oder Traumata.

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Wenn man ehrlich sei, manipuliere jeder seine Mitmenschen – zumindest ein bisschen. Das sei urmenschlich. „Wird aber bewusst getäuscht, um den anderen zu verwirren und so Macht über ihn zu bekommen, handelt es sich um eine Form von Gewaltanwendung“, stellt die Diplom-Psychologin klar. Ob unbewusste oder absichtliche Manipulation: „Beides ist für eine Beziehung schädlich.“ Denn letztlich gehe es dabei darum, den anderen klein zu machen und ihn zu kontrollieren. Eine gute Beziehung sollte jedoch durch das liebevolle Miteinander auf Augenhöhe geprägt sein.

Wie erkennt man die Manipulation?

Weil die Täter oft ihre Opfer allein für sich beanspruchen und nach und nach von anderen Kontakten isolieren, fällt die Kontrollinstanz weg. Man kann also niemanden fragen, ob sich etwas wirklich so verhält wie behauptet. Ob man zum Beispiel tatsächlich so schusselig ist oder sich gehen lässt, wie der Partner dauernd behauptet.

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Doch selbst wenn es ein soziales Umfeld gibt, ist es nicht einfach, Gaslighting zu erkennen. Die Täter geben sich oft fürsorglich und behaupten, nur das Beste des Gegenübers im Blick zu haben. „Zudem zweifeln viele der Betroffenen ohnehin permanent an sich selbst“, sagt Wardetzki. Es könne Jahre dauern, bis man verstehe, dass man nicht selbst das Problem ist und etwas verkehrt macht, sondern der andere.

Was sind die Auswirkungen?

„Wenn man derartigen Täuschungen lange Zeit ausgesetzt ist, entsteht eine tiefe Verwirrung“, erklärt Psychologin Wardetzki. Die Folge: Das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl werden erheblich angegriffen und nachhaltig geschädigt. Wer unsicher sei, werde in allen Lebensbereichen anfällig für Fehler. Nach und nach beginnen die Betroffenen, an ihrem Gedächtnis und an ihrem Verstand zu zweifeln. „Dadurch können Ängste und Panikattacken entstehen.“

Wer ist betroffen?

Obwohl Männer wie Frauen diesen Qualen ausgesetzt sein können, sind Frauen häufiger betroffen. Zum einen suchten Frauen ein Problem oft zunächst bei sich selbst. Zum anderen falle es ihnen meist schwerer, sich zu trennen, selbst wenn sie unter ihrem Gegenüber leiden.

Wie kann man sich wehren?

„Jeder hat es selbst in der Hand, Nein zu sagen und Grenzen zu ziehen“, sagt Wardetzki. Wer sich manipuliert fühle, solle dies ansprechen. Entweder ändere sich dann das Verhalten, oder man müsse sich, wenn der Leidensdruck groß werde, aus der Beziehung lösen. Auch Freunde könnten sich behutsam einschalten und Betroffenen aufzeigen, dass sie in einer Partnerschaft stecken, die ihnen nicht guttut.

Gaslight – Ein Hollywoodfilm als Namensgeber

Fachbegriff
 Als Gaslighting (auf Deutsch Gaslicht) bezeichnet man in der Alltagspsychologie eine Form von psychischer Gewalt. Der Täter verunsichert dabei sein Gegenüber massiv.

Hollywood-Film
 Benannt ist diese Praxis nach dem Hollywood-Film „Gaslight“ (1944), der auf einem Theaterstück von Patrick Hamilton basiert und in Deutschland als „Das Haus der Lady Alquist“ bekannt ist.

Handlung
Der Psychothriller spielt im viktorianischen London. Die junge Paula (Ingrid Bergman) wird von ihrem charmanten, in Wahrheit aber nach ihrem Erbe trachtenden Mann durch Täuschungen und Lügen fast in den Wahnsinn getrieben. Unter anderem redet er ihr ein, sie bilde sich nur ein, dass die Gasbeleuchtung im Haus immer wieder flackert. Bergman erhielt für ihre Rolle einen Oscar als beste Hauptdarstellerin. 

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