Tracht für Cannstatter Wasen Dirndl für elf Euro? Secondhand geht das
In Stuttgart kommen Dirndl und Lederhose nur selten aus dem Schrank. Viele haben keine Lust, für einen Wasenbesuch eine teure Tracht zu kaufen. Da kommt Secondhand ins Spiel.
In Stuttgart kommen Dirndl und Lederhose nur selten aus dem Schrank. Viele haben keine Lust, für einen Wasenbesuch eine teure Tracht zu kaufen. Da kommt Secondhand ins Spiel.
Elf Euro. Mehr hat Annes Dirndl nicht gekostet. Die Stuttgarterin hat es im Internet gefunden. Aber nicht neu, sondern gebraucht. Auf der Secondhand-Plattform Vinted. „Ich hatte vergangenes Jahr einen Betriebsausflug aufs Frühlingsfest. Womit ich mich schwer getan hätte: Für einen einzigen Anlass ein neues Dirndl zu kaufen, das ja schnell mal 500 Euro kostet“, erzählt sie. Also durchforstete Anne die Secondhand-Plattformen im Netz und stieß auf ein Trachtenkleid, das ihr gefiel und passte und für das sie kein Vermögen ausgeben musste.
So wie die Stuttgarterin machen es immer mehr Menschen. Secondhand- und Vintagemode boomt ohnehin, weil den Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend bewusst wird, dass der schnelllebige Modemarkt nicht nur schlecht fürs Klima ist, sondern auch viele Ressourcen verbraucht. Und nebenbei schont Gebrauchtes nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel.
Gerade bei Kleidung, die selten zum Einsatz kommt, überlegen viele Verbraucherinnen und Verbraucher zweimal, wie viel Geld sie wirklich dafür hinblättern wollen. Dirndl und Lederhose sind dafür ein Paradebeispiel: Stuttgart ist nicht Berchtesgaden oder Bad Tölz und so kommt die Tracht hierzulande wahrscheinlich nur zweimal im Jahr zum Einsatz – zum Volks- und zum Frühlingsfest. Den Rest des Jahres bleiben Dirndl und Krachlederne im Schrank hängen. Secondhand ist für viele die Lösung.
Das merken auch Secondhand-Modeplattformen wie Momox Fashion oder Vinted. „Die Nachfrage nach Secondhand-Trachtenmode ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen“, sagt Miriam Walter, die Sprecherin des Onlinehändlers Momox, einer der „Big Player“ auf dem Re-Commerce-Markt. „Allein in diesem Jahr haben sich die Besucherzahlen auf unseren Trachtenmode-Seiten vervierfacht.“ Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, kaufe Momox Fashion inzwischen deutlich mehr Trachtenmode an als noch vor einigen Jahren, erklärt Walter. „Besonders Dirndl sind sehr gefragt, da sie oft nur einmalig oder zu wenigen Anlässen getragen werden.“
Während Momox Fashion Kleidung direkt an- und wieder verkauft, bietet Vinted eine Plattform, die Käufer und Verkäufer zusammenbringt. Beim deutschen Vinted waren im vergangenen August die Begriffe „Dirndl“ und „Dirndl Damen“ die beliebtesten Suchanfragen überhaupt, wie eine Sprecherin sagt. Auch Suchanfragen mit dem Begriff „Lederhosen“ trenden.
Die Vintage-Lederhose hat die richtige Patina
Die Trachtenexpertin und Personal Shopperin Sonja Grau aus dem bayerischen Senden ist eine große Befürworterin, Dirndl Secondhand zu kaufen: „Meine Erfahrung zeigt mir, dass die Materialien von einst oftmals besser waren als sie heute sind.“ Die Modeexpertin empfiehlt, besonders darauf zu achten, aus welchem Stoff das Dirndl ist. „Es sollte ein gutes Material sein, sprich natürlichen und nicht synthetischen Ursprungs sein.“ Insbesondere bei der Lederhose hat für Sonja Grau Vintage einen besonderen Reiz: „Eine Krachlederne mit Patina schlägt generell eine neue, ungetragene Lederhose.“
Unter Zeitdruck ein Dirndl zu suchen, gar am Tag vor dem Wasenbesuch durch die Secondhand-Boutiquen zu düsen, das könne nur schief gehen, findet die Expertin: „Man sollte sich Zeit nehmen und nichts überstürzt kaufen. Anprobieren, anfassen, sich drehen und auch Probe sitzen – wenn man sich dann darin wohl fühlt, dann sollte man zuschlagen.“
Bei Vinted geht das nicht, denn Zurückschicken ist nicht. Die Stuttgarterin Anne sieht das aber nicht unbedingt als Nachteil: „Ich finde, man kauft dort bewusster, weil man nichts zurückschicken kann. Die Kleidung muss passen, also beschäftigt man sich im Vorhinein viel intensiver mit seiner Kaufentscheidung.“ Ist sie sich nicht sicher, ob eine Größe 38 wirklich passt, bittet sie die Verkäuferin auch mal nachzumessen. „Die allermeisten sind so freundlich und machen das.“ Und sollte sie doch einen Fehlkauf machen? „Dann verkaufe ich es eben gleich wieder.“ Sie findet das besser und nachhaltiger, „als sich online 20 Dirndl zu bestellen, von denen 19 dann Retoure gehen.“
Das Dirndl, das sie zum Stuttgarter Frühlingsfest im vergangenen Jahr getragen hat, bot Anne im Herbst schon wieder zum Verkauf an und kaufte sich ein neues: „Ich habe einfach Lust, immer mal ein neues Dirndl anzuziehen – das würde ich nie machen, wenn ich eines für hunderte von Euro gekauft hätte.“
Die Nachfrage nach Vintage-Trachtenmode folgt einer saisonalen Logik: Gesucht wird, wenn Wiesn oder Wasen vor der Tür stehen. Bei Momox Fashion seien die Suchanfragen kurz vor Wasen oder Wiesn im Vergleich zu den Vormonaten um rund 50 Prozent gestiegen, sagt Miriam Walter. Auf Vinted häufen sich die Suchanfragen mit dem Begriff „Dirndl” ab Juli und erreichen im September ihren Höhepunkt.
Die Stuttgarterin Anne beobachtet, dass bei Vinted die Dirndl teurer angeboten werden, wenn in München das Oktoberfest und in Stuttgart das Volksfest nahen. „Größere Schnäppchen kann man wahrscheinlich machen, wenn man antizyklisch shoppt und lieber im Winter kauft, wenn gerade kein Event wie der Wasen oder die Wiesn ansteht.“
Anne würde sich immer wieder für ein Secondhand-Dirndl entscheiden: „Wenn ich im Bierzelt bin und ständig Angst haben muss, dass dem teuren Gewand was passiert, kann ich ja gar keinen Spaß haben.“
Dieser Text erschien zum ersten Mal im September 2025 und wurde nun aktualisiert.