Tracking bei Stuttgarter Paaren „Wenn man Geheimnisse voreinander hat, funktioniert das nicht“

Immer wissen wo der Partner oder die Partnerin ist: mit Ortungsfunktionen geht das. (Symbolbild) Foto: imago images/Ikon Images

Organisationshilfe, Sicherheitsgarant oder doch Überwachung? Mit speziellen Apps und Funktionen orten sich Menschen häufig gegenseitig. Zwei Stuttgarter Paare über ihre Gründe.

Digital Desk: Nina Scheffel (nse)

Seit 12 Jahren sind Sabine und Philipp ein Paar. Lange führten sie eine Wochenendbeziehung. Als Sabine schwanger wurde, zog sie zu Philipp nach Stuttgart. Das war vor sechs Jahren. Damals war Tracking kein Thema. Heute – das Paar hat mittlerweile zwei kleine Kinder – ist das gegenseitige Orten per Handyfunktion in Sabines und Philipps Beziehung zum Alltag geworden. Doch wie kam es dazu und warum nutzt das Paar das Tool?

 

Sabine und Philipp verwenden die „Wo ist“-Funktion von Apple. Mithilfe des geteilten Standorts kann man auf einer Karte sehen, wo sich das Smartphone der anderen Person aktuell befindet. Dafür nutzen Apple, aber auch andere Anbieter von Tracking-Apps Ortungsfunktionen wie GPS, die etwa auch Navigationsprogramme wie Google Maps verwenden. Für die Ortung ist eine Freigabe des eigenen Standorts nötig.

„Wann kommst du nach Hause?“

„Die Idee, uns gegenseitig zu orten, kam von Philipp“, erzählt Sabine. „Als ich in Elternzeit war, war er im Büro und ich viel zuhause. Da gab es immer wieder Tage, wo ich mich gefragt habe, wann er kommt oder ob er schon von der Arbeit losgefahren ist“, sagt sie. „Erst haben wir uns dazu immer viele Nachrichten geschrieben, dank des Trackings sparen wir uns das mittlerweile.“

Das Paar sieht im Tracking unter anderem eine Art Kommunikationshilfe, umständliches Hin- und Hergetexte falle dadurch weg. „Mein Freund war noch nie ein großer Nachrichtenschreiber“, sagt die 39-Jährige lachend. „Da kam ihm das ganz gelegen und auch für mich ist es praktisch.“ Auch, wenn man abends mal länger unterwegs sei, wisse der Partner direkt wo man ist und das alles in Ordnung ist. „Manchmal frage ich mich natürlich, ob wir uns mehr austauschen würden, wenn wir die Funktion nicht nutzen würden“, erklärt Sabine.

Organisationshilfe im Familienalltag

Zugleich spielt das Tracking für die beiden eine Rolle in Sachen Planung. „Es erleichtert den organisatorischen Ablauf als Eltern“, sagt Sabine. „Wenn ich zum Beispiel sehe, dass mein Freund gerade auf dem Nachhauseweg vom Sport ist und noch Zeit ist, bitte ich ihn, noch Einkäufe zu erledigen oder etwas mitzubringen.“

Außerdem sei die Möglichkeit, den Partner zu orten, wenn dieser mit den Kindern unterwegs sei, hilfreich – einer der Hauptgründe, wieso Sabine und Philipp die Funktion nutzen, wie sie selbst sagt. „Es ist beruhigend, weil man genau weiß, wo die Kinder sind, wenn sie mit Philipp unterwegs sind.“

Doch nicht nur aus praktischen Gründen nutzen Sabine und Philipp den geteilten Standort. Auch das Thema Sicherheit spielt eine Rolle. Gerade, wenn einer der beiden länger allein unterwegs ist. „Ich fahre oft übers Wochenende nach Hamburg, besuche Freunde und bin generell ab und zu auch mal allein mit Freunden unterwegs“, erzählt Sabine. „Wenn ich nicht da bin, kann mein Freund sehen, wo ich mich gerade aufhalte.“

Manchmal bleibt die Ortung auch aus

Manchmal sei der Standort aber auch ausgeschaltet. Auch dann verfalle jedoch keiner von beiden direkt in Alarmbereitschaft. „Es gibt Situationen, in denen die Ortung nicht funktioniert oder die Funktion schlichtweg ausgeschaltet ist – dann rufen wir uns aber trotzdem nicht direkt an und fragen ,Wo bist du?‘. Meistens merken wir es erst später“, sagt Sabine.

Ähnlich geht es Alexandra und Tobias aus der Region Stuttgart. Die beiden sind seit 15 Jahren ein Paar, mittlerweile verheiratet. „Wir nutzen die Funktion, seit es sie gibt. Zu Beginn war ich viel auf Dienstreisen unterwegs, nicht immer konnte ich ans Telefon gehen“, sagt Tobias. „Mit dem geteilten Standort kann Alexandra so trotzdem immer sehen, wo ich bin – das gibt mir auch ein Gefühl von Sicherheit.“ Auch für Alexandra, die eine Zeit lang anderswo studiert hat, war der geteilte Standort in dieser Zeit eine Stütze. „Es war immer geschickt zu sehen, wann der Partner beispielsweise nach Hause kommt.“

Sicherheitsgefühl in brenzligen Situationen – und auch allein

Auch in besonderen Situationen hilft die ,Wo ist’-Funktion dem Paar dabei, Sorgen um den Partner oder die Partnerin auszuwischen. Denn Tobias geht in seiner Freizeit ehrenamtlich einem Hobby nach, bei dem es auch mal gefährlich werden kann. „Wenn Tobi bei der Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz ist, mache ich mir bei manchen Einsätzen schon Sorgen, gerade, wenn es etwas Größeres ist“, sagt Alexandra. „Über den Standort kann ich direkt sehen, ob er noch am Einsatzort oder schon wieder zurück im Gerätehaus der Feuerwehr ist. Bei diesen Einsätzen kann Tobi nicht ans Telefon – die ,Wo ist‘-Funktion übernimmt dann quasi die Kommunikation. Gleichzeitig gibt der geteilte Standort einem Sicherheit.“

Tobias fühlt sich durch seinen geteilten Standort auch außerhalb der Beziehung sicherer, wie er selbst sagt. „Wenn ich beispielsweise nachts mit dem Fahrrad unterwegs wäre und ein Unfall passieren würde, würden die Koordinaten meines Standorts direkt geteilt werden. Im Worst Case könnte ich dann zwar niemanden mehr verständigen, man würde aber direkt sehen, dass ich im Krankenhaus bin.“

Nicht nur den Partner, sondern auch den Autoschlüssel tracken

Doch nicht nur zur Planung des Alltags oder aus Sicherheitsgründen nutzen die Paare den geteilten Standort. Tobias und Alexandra gewinnen der Funktion einen schlichtweg praktischen Nutzen ab. So wird auch mal der Geldbeutel oder der Autoschlüssel getrackt, wenn man den mal verlegt hat. „Die Funktion bietet außerdem auch die Möglichkeit, Nachrichten zu erhalten, wenn die andere Person an einem Standort eingetroffen ist, das ist ganz praktisch“, ergänzt Tobias. „Ich teile meinen Standort nicht nur mit meiner Frau, sondern auch mit meinen Freunden. Gerade, wenn ich sie beispielsweise irgendwo abhole, ist das geschickt, denn sie sehen meine Ankunftszeit und wissen so, wann genau ich ankomme.“

Mit der „Wo ist?“-Funktion von Apple teilen die Paare ihren Standort. (Symbolbild) Foto: IMAGO/imagebroker

Die verbreitete Ansicht, Paare würden sich aus Mangel an Vertrauen gegenseitig orten, teilen beide Paare, die mit uns gesprochen haben, nicht. „Wenn wir anderen davon erzählen, dass wir uns gegenseitig orten, reagieren Leute häufig mit Stirnrunzeln – sie finden das seltsam“, erzählt Sabine. „Für mich fühlt sich das aber nicht so an. Ich habe das Gefühl, dass wir als Paar ein starkes Vertrauen ineinander haben. Wenn mein Standort nicht aktiviert ist, ich meinem Freund aber vorher gesagt habe, dass ich mit einer Freundin unterwegs bin, kommen von ihm da auch keine weiteren Nachfragen – umgekehrt ist das auch bei mir so.“

„Überwachung ist bei uns kein Thema“

Tobias und Alexandra bewegen sich hingegen bereits in einem Umfeld, in dem das Teilen des Standorts völlig normal und verbreitet ist – sei es im Freundes- oder Familienkreis. Entsprechend begegnen sie kaum Skepsis. „Ich finde, dass der Begriff ,Tracken‘ immer etwas negativ behaftet ist“, sagt Tobias. „Ich spreche da lieber von ,Standort teilen’. Bei uns im Freundeskreis ist das ganz normal und größtenteils etabliert.“

Von Eifersucht, fehlendem Vertrauen oder ungewollter gegenseitiger Kontrolle distanzieren sich die beiden. „Es gibt ja Leute, die sich durch den geteilten Standort von ihrem Partner überwacht fühlen. Das ist bei uns gar kein Thema, weil wir es ohnehin wissen“, so Alexandra. „Ich schaue auch nicht alle fünf Minuten in die App, manchmal auch gar nicht.“ Tobias pflichtet ihr bei: „Ich vertraue Alex absolut. Die App gibt einem die Sicherheit, dass die Partnerin dort ist, wo sie sein will, wir haben da auch nichts zu verheimlichen.“

Schlechte Erfahrungen, fehlendes Vertrauen?

Gerade dieses Vertrauen fehle jedoch vielen Paaren, sagt der Psychologe und Paartherapeut Oliviero Lombardi von der Systemischen Therapie Lombardi Consulting aus Stuttgart. „Das liegt häufig an schlechten Erfahrungen, die die Paare gemacht haben“, erklärt er. Bei diesen Paaren seien „Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein leider selten ausreichend ausgeprägt“, sagt er. In diesem Fall sieht Lombardi die Nutzung von Tracking-Apps in einer Beziehung kritisch. „An der Stelle drängt sich Kontrolle als Alternative für Vertrauen auf. Was aber kein wirklicher Ersatz und auch nicht gut für eine Beziehung ist“, so der Psychologe. „Nichtsdestotrotz bietet das gegenseitige Tracken ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Wenn auch ein trügerisches und nicht konstruktives.“

Durch gegenseitiges Misstrauen werde die Beziehung geschädigt, so Lombardi. „Wenn man bestehendes Misstrauen füttert, etwa in Form von Tracking, wird es eher größer als kleiner. Gebot der Stunde wäre sich in Vertrauen zu üben. Auch wenn es einem schwer fällt.“

Therapeutisch geht es laut Lombardi in solchen Fällen darum, sich eine Herausforderung zu stellen und sich dieser gegenüber zu desensibilisieren. „Also eben nicht tracken. Das würde das Vertrauen tatsächlich stärken. Man nennt das korrigierende positive Erfahrung.“ Das Tracking bestätige häufig nur die Erfahrung, dass es sinnvoll sein kann, zu kontrollieren und besser nicht zu vertrauen. Das ist langfristig gesehen natürlich keine gute Erfahrung in der Partnerschaft.“

Lombardi differenziert jedoch beim Grund für das Tracking. „Sicherlich ist es manchmal sinnvoll, Tracking-Apps einzusetzen“, sagt er. Etwa, wenn es darum gehe zu sehen, wann der Partner die Kinder am Kindergarten abholt oder anderen organisatorischen Aufgaben im Alltag nachgeht. „Aber in 99 Prozent aller Fälle geht es dabei um Misstrauen und Eifersucht“, meint er. Anhand der Sachlage könne man leicht einschätzen, welche Motivation hinter der Nutzung steckt.

„Wenn es um Eifersucht gehen würde, fände ich das total daneben“

Vertrauen ist sowohl für Alexandra und Tobias, als auch für Sabine und Philipp die Basis. In ihrer jetzigen Beziehung fühlt sich Sabine mit dem Tracking wohl. In früheren hätte sie sich das hingegen nicht vorstellen können. „Wenn das Vertrauen nicht so groß wäre, würde mich das belasten“, sagt sie. „Wenn es beim Tracking um Eifersucht gehen würde, fände ich das total daneben. In einer früheren Beziehung war mein Partner sehr besitzergreifend – wenn er mich getrackt hätte, hätte ich das total schrecklich gefunden – das ist also typabhängig.“

Auf diesem Ohr komme es wahrscheinlich bei vielen Leuten an, die das Tracking generell ablehnen, mutmaßt sie. „Sie denken: Wir vertrauen uns nicht und kontrollieren uns gegenseitig. Wenn man natürlich Geheimnisse voreinander hat, funktioniert das nicht.“

Beziehung ohne Überraschungen – oder doch nicht?

Und wie gelingt es dann, den Partner oder die Partner mal zu überraschen, wenn man doch eigentlich auf Schritt und Tritt vom anderen weiß? Dann muss getrickst werden. Tobias kann davon ein Lied singen. „Bei meiner letzten Dienstreise habe ich eine Überraschung für Alex besorgt und wollte deshalb nicht, dass sie meinen Standort sieht“, erzählt er. „Ich hätte planmäßig am Freitag nach Stuttgart zurückfliegen sollen, hatte aber dann die Chance, schon am Donnerstag einen Flieger nach Hause zu bekommen. Dann habe ich meinen Standort deaktiviert, sodass ich Alex früher überraschen konnte.“

Was macht die Freundin im Hotel?

Trotz allem Vertrauen, das den Beziehungen zugrunde liegt – das gegenseitige Tracking kann auch zu missverständlichen Situationen führen. Ein etwas ungenauer Standort sorgte so beispielsweise dafür, dass Alexandras Kontakte sie in einem Gleisbett und Tobias mitten in der Nacht auf einem Feld vermuteten.

Bei Sabine lief da auch schon mal ein Film vor ihrem inneren Auge ab: „Einmal war eine Freundin in Stuttgart zu Besuch und hat hier in einem Hotel übernachtet. Wir waren dann abends noch bei ihr in der Hotelbar – da habe ich gesagt, wir müssen jetzt ein Selfie machen, damit mein Freund sieht, dass wir zusammen hier sind, falls er mich ortet – das könnte sonst falsch rüberkommen“, sagt sie lachend. „Als ich dann heimkam, meinte Philipp aber, er hätte schon seit langem nicht mehr reingeschaut. Einen echten Konflikt gab es wegen des Trackings in unserer Beziehung noch nicht.“

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