Tractor-Pulling Das Bulldog-Biest von der Ostalb mit 4000 PS: „Wahnsinn auf vier Rädern“

Christoph Kaiser auf dem lila Renntraktor Foto: Andreas Reiner

Tractor Pulling ist schiere Motorkraft. Zu den besten in Deutschland zählt ein Team von der Ostalb. Ein Sonntag auf der Rennbahn mit den Kaisers.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Die Monstermaschinen sind da. Großkampftag für die Breitenthaler. Einmal im Jahr geht von dem sonst unauffälligen Dorf in Bayerisch-Schwaben ein Sog aus, der Motorsportfreunde mit nie gesehenen Autokennzeichen anlockt. Die Wiesen der Bauern halten dann als Parkplätze her, die örtliche Jugend weist die Fahrer ein, die Besucherkarawane zieht mit Campingstühlen zur Arena. Tausende kommen an diesem brütend warmen Sonntag – junge Familien, Papas mit Söhnen, viele Solomänner.

 

An der Kasse gibt es Ohrstöpsel für einen Euro. Im Fahrerlager bestaunt man mit Motorgebirgen bepackte Gebilde, die aussehen wie Rieseninsekten, studiert Auspuffrohre, Ansaugtrichter, polierte Ventildeckel. Ein bisschen Partyvolk ist auch da und gibt dem Ganzen ein leichtes Wacken-Flair. Doch der Heavy-Metal-Pop aus den Lautsprecherboxen ist hier nur Pausenfüller.

Wer am weitesten kommt, der gewinnt

Tractor Pulling heißt: Einen schweren Bremsschlitten so weit wie möglich über eine gerade Strecke ziehen. Wer am weitesten kommt, der gewinnt. Die Breitenthaler Rennbahn war früher sicher auch mal Wiese, aber wo die Puller sich in den Grund graben, wächst kein Gras mehr. Der Streckensprecher erzählt etwas von 54 Liter Hubraum, die gerade am Start stehen. Und plötzlich beißt sich in das friedvolle Festivalfeeling ein unvorstellbares Motorengeschrei – wie gemacht für Herzrhythmusstörungen. Dann erstickt das infernalische Gezeter schon wieder, das Biest verstummt. Wahrscheinlich zu viel Pressluft im Motor.

Altmeister Thomas Kaiser Foto: Andreas Reiner

Dagegen säuselt der russische Flugzeugmotor des nächsten Starters geradezu lieblich. „Da laufen 20 Kubikmeter Luft pro Sekunde durch die Turbine“, sagt der Sprecher. „Wahnsinn auf vier Rädern.“ Während seines wilden Ritts lässt der Traktor ein Teil – „noch scheiß heiß“ – auf der Bahn. „Ein Zylinder kann es nicht sein, weil er keinen hat.“

Den nächsten Bulldog treibt ein Panzermotor an. Sobald er losfährt, schiebt sich das Gewicht im Bremsschlitten immer weiter nach vorne. Mit jeder Sekunde drückt es die Schlittenfront stärker in den Boden – bis irgendwann gar nichts mehr geht. Einen „Fullpull“ bis zum Ziel nach 100 Metern schaffen die Allerstärksten gerade so.

Im Fahrerlager suchen viele die Nähe zum Team Kaiser. Ausgewachsene Männer fragen nach Selfies mit ihren Stars. Die Motorhaube ist aufgeklappt, man sieht alles. Wer was nicht versteht, dem erklärt es Thomas Kaiser (63). Die üblichen Fragen: Wie viel PS? 4000, eher mehr. Verbrauch? 25 Liter Methanol auf 100 Meter. Wie viel Bar brauchen die mannshohen Reifen? Ganz wenig. Kosten? 8500 Euro als glatte Gummiwalzen, in die dann erst das Profil geschliffen wird. Jedes Team hat da eigene Vorstellungen.

Kaiser ist am Samstag mit seiner Frau, den Söhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln angereist. So ein Rennwochenende ist immer wie ein Familiencamping-Urlaub. Diesmal nur ein Ausflug: Nach Breitenthal brauchen sie nicht mal eine Stunde von daheim.

Die Champions von der Ostalb

Daheim ist Gussenstadt auf der Ostalb. An der Hauptstraße: ein Wurstautomat, das örtliche Musikerheim, der Frisör „Team Hair“ und ein Gedenkstein für den Kaiser – in dem Fall für Kaiser Wilhelm I. aus dem Haus Hohenzollern, nicht Thomas Kaiser, den Tractor-Pulling-Champion.

Wie alles angefangen hat? „Das ist die Story vom Langen“, sagt Markus Kaiser und ruft seinen Vater Thomas, ein Hüne von über zwei Metern, an den Tisch. Aufgewachsen im Filstal. Schlosserlehre in der Spindelfabrik Süßen. Der spätere Schwiegervater hat einen landwirtschaftlichen Lohnbetrieb mit Mähdreschern und Maishäckslern. Thomas ist 17, als er mit ihm nach Sinsheim zum Trecker-Treck fährt. Da sieht er zum ersten Mal, was ein Flugzeugmotor auf einem Traktor bedeutet. Er weiß, wie man Mopeds frisiert, aber das haut ihn um. „Des mach i au mol.“ Der Schwiegervater erdet ihn gleich: „Des kannsch du net, des sind Profis.“

Mit einem alten Schlüter geht’s ins erste Rennen

Ein Dutzend Jahre später ist Kaiser mit seiner Frau und seinem Betrieb nach Gussenstadt gezogen, hat ein Grundstück gekauft, Haus und Halle drauf gebaut, Leute eingestellt. Sie pflegen öffentliche Gehölze, halten das Grün an Straßenrändern, Brücken, Böschungen in Schuss.

Damals erzählt ein Mitarbeiter, in Seifertshofen beim alten Kiemele sei bald Tractor Pulling – „sollen wir mitmachen?“ Und auf einmal ist bei Thomas Kaiser der Traum wieder da. Zu fünft, jeder gibt 1000 Mark, kaufen sie einen alten Schlüter, päppeln ihn von 90 auf 350 PS hoch und legen in der untersten Klasse gleich Platz drei hin. Als sie nach einem Kolbenfresser neues Geld brauchen, sagen die Ersten: „I mach nemme mit.“ Kaiser zahlt sie aus. Die Geburtsstunde des Familienteams.

Seine drei Söhne wachsen mit dem Pulling auf. Ihr Spielplatz ist das Fahrerlager. Markus, dem Ältesten, baut er einen Gardenpuller, damit kann der Bub in der Jugendklasse starten. Mit 16 darf er schon den großen Schlepper lenken, Papa gibt Tipps. Stephan, der Mittlere, fragt nie, ob er auch mal ans Steuer darf. „Er hat’s zwar au g’macht – aber nur uns zuliebe“, sagt der Vater. Christoph wiederum, der Jüngste, ist der geborene Driver.

„In God we trust“

Am Teamstand in Breitenthal soll Vater Kaiser mit einem fetten Edding auf dem Oberarm eines Fans unterschreiben – fällt bei den vielen Tattoos nicht groß auf. Mutter Margret (62) verkauft Hoodies, Sonnenbrillen, Caps, Schlüsselanhänger – alle in Lila, der Kaiserfarbe. Das Neue Testament liegt auch aus. Die Familie gehört zu einer christlichen Freikirche. „In God we trust“ steht auf ihrem Traktor.

Früher fuhren sie im original Deere-Grün mit gelben Felgen. Das neue Monsterkleid hatte seine Skeptiker: „Einen lila Deere? Seid ihr noch ganz sauber?“ Aber Lila ist besser zu vermarkten. Kaiser Performance, wie sie ihren Rennstall nennen, hat nichts mehr mit Hobby zu tun. Ihre Social-Media-Auftritte erreichen Millionen Menschen.

Auf der Bahn kreischt ein Motor in Agonie. „Er kann seine Kraft nicht umsetzen“, sagt der Sprecher. Der nächste schafft zwei Meter – bis der Ladedruck wegbricht. Nach jedem Lauf muss die zerzauste Bahn wieder aufwendig geebnet und bewässert werden. Dafür stellt Fendt aus dem nahen Marktoberdorf an diesem Wochenende eine ganze Traktorenarmada bereit.

Der „Rote Löwe“ aus Luxemburg startet mit neuem Chassis und Getriebe – kommt aber nicht weit: „Nicht genug Druck von hinten.“ So viel Aufwand für ein paar Bahnsekunden. Das ist Leidenschaft.

Das „Green Monster“ hat zwei amerikanische V12-Flugzeugmotoren aus dem Zweiten Weltkrieg und rund 6000 PS. Wer weiß, vielleicht wurde mit ihnen vor 80 Jahren die Gegend bombardiert. Der Bolide kreischt los, zeigt seine ganze Kraft. Zugleich aber bändigt da eine unsichtbare Hand seinen Sturm und Drang, hält den Furor in manierlichen Ausmaßen, mag er noch so brüllen. Er kämpft, verfeuert letzte Reserven, schafft es über die Ziellinie, wo er rasch erschlafft.

Die Haube macht das High-Tech-Gerät zum Traktor

Was, wenn die Ungetüme ohne Bremswagen losgelassen? Daran denkt hier keiner. Zum Tractor Pulling gehört ein Anhänger, das ist quasi landwirtschaftliches Erbgut. Auch im grünen Monster, dem Titelverteidiger der offenen Klasse. Dort starten, vereinfacht gesagt, Fahrgestelle mit zig Motoren oder Turbinen drauf und teils fünfstelligen PS-Zahlen. „Schon toll zum Ansehen“, sagt Markus Kaiser, „aber nichts für uns, wir sind eingefleischte Hauber“. Kaiser fährt in der höchsten Klasse, die noch auf einem Serienschlepper beruht. Der Motorblock ist original, wenngleich ausgebohrt und ausgespindelt. „Und dann kommen die Innereien rein, die passen.“ Die Haube ist wichtig, sie macht das High-Tech-Gerät zum Traktor.

„Jetzt plagt er ihn mit purer Gewalt.“ Markus Kaiser sieht sich am Bahnrand einen Pull an. Tiefschwarze Schwaden steigen vom Auspuff in den weiß-blauen Himmel. Mögen die meisten Aggregate auch umweltfreundlichen HVO-Diesel oder Methanol verbrennen: Dass das alles irgendwie vernünftig ist, behauptet hier keiner. Auf den Tribünen wird gejubelt. „Wir haben weniger akademisches Publikum. Eher Leute, die anpacken.“

Mitte der 90er steigt Kaiser in immer höhere Klassen auf. Von einem Team aus Bocholt kauft er einen Deutz mit drei Turbos und 1000 PS. Der nächste Traktor wird ein John Deere (ein „Johnny“) aus den USA. 2001 beginnt die Methanol-Ära. „Bevor ich noch viel Geld in den Diesel steck, mach ich gleich was mit Alkohol“, sagt er sich. Mit Methanol prescht das Team in die europäische Spitze, wird mehrfach Deutscher Meister. Mehr als 2000 PS bei einem Schlepper gehen nicht, hat es noch geheißen, als sie anfingen. Heute sind sie bei doppelt so viel Leistung. „Die Amis waren lange Zeit technische Vorreiter“, sagt Markus Kaiser. „Mittlerweile geht auch viel Innovation von Europa in die Staaten. Beim Tüftlerdenken sind die Deutschen vorn.“

Markus (40) hat Zerspaner gelernt, Maschinenbau studiert, arbeitet bei Gardena/Husqvarna in Ulm. Stephan (38) ist Schreinermeister. Christoph (33) hat auch Zerspaner gelernt, arbeitet bei Pfisterer, Marktführer der Elektrobranche. Alle wohnen in oder um Gussenstadt. Ein normaler Tag für Markus: Feierabend gegen sechs, Abendessen, Kinder ins Bett bringen. Von acht bis halb eins rüber in die Halle, um mit dem Vater und Christoph am Traktor rumzuschaffen. Ein Fulltimejob neben seinem Fulltimejob.

2024 wurden sie Deutscher Meister, auch dieses Jahr könnte es reichen

„Der Lange“ lässt es in den Wintermonaten inzwischen etwas ruhiger angehen. Wenn er verfroren von der Arbeit in der Kälte heimkommt, setzt er sich nach dem Vespern auch gern mal mit seiner Frau aufs Sofa und freut sich, dass das Kaminfeuerle brennt: „Die Jungs brauchen mich nicht immer, die stehen an ihren CNC-Maschinen und machen ihre Programme“, sagt Thomas Kaiser. Mit 50 kam er noch mal auf den Trichter, sich einen großen Adler und einen Grizzly auf die Oberarme tätowieren zu lassen. Der Rest der Familie ordnete es unter Midlife-Crisis ein.

Inzwischen machen die Kaisers fast alle Teile selber, vertreiben Kupplungen oder Antriebsstränge an andere Teams. Vor zwei Jahren warfen sie, weil ein letztes Quäntchen zum Erfolg fehlte, das komplette Fahrwerkskonzept über den Haufen, konzipierten Hinterachse und Getriebe neu. 2024 wurden sie wieder Deutscher Meister. Auch dieses Jahr könnte es reichen.

„Wir sind extrem pedantisch“

„In dem Sport laufen alle Aggregate am absoluten Limit“, sagt Markus Kaiser. Nuancen entscheiden, ob es hält oder kaputt geht. „Wir sind extrem pedantisch, machen Sachen noch mal auseinander, wo andere sagen: Das passt schon.“ Manchmal verzichten sie lieber aufs Finale – wenn sie merken, es wird dem Motor zu viel. Sie könnten noch deutlich mehr Leistung abrufen – „aber dann wären wir im Risikobereich“. Ein Dutzend Events fahren sie im Jahr, die meisten sind weit weg. Süddeutschland verödet auf der Pulling-Landkarte. Neben Breitenthal ist da nur noch ein Fähnchen bei Dillingen.

Was macht einen guten Piloten aus? „Du kannst nicht einfach losfahren, du musst den Motor ins Betriebsfenster kriegen“, sagt Markus Kaiser. Man braucht Coolness – wenn die Schnauze hochgeht und die Maschine nicht mehr lenkbar ist. Man darf nicht mit dem Gas spielen: „Wenn du Gas wegnimmst, musst du aufhören. Kannst du aber nicht, wenn die Schnauze oben ist, sonst fährst du dir Sachen kaputt. Es gibt welche, die haben es in zehn Jahren nicht gelernt. Andere fahren beim ersten Mal, als würden sie es schon zehn Jahre machen.“

Jeder hat sein Gebiet. Stephan ist der Filmer und Teamfotograf, übernahm den Innenausbau des Motorhomes. Mutter Margret guckt, dass bei den Events jeder mit Essen versorgt und nicht unterzuckert ist. Ein hochtouriges Familienleben: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wie oft sieht man sich da normalerweise noch? Wir sind ständig zusammen“, sagt sie, „das ist auch viel wert.“

Kaiser schafft den Fullpull

Die Stunden ziehen sich wie heißer Teer. Um halb Fünf endlich der erste lila Lauf. Es wird ein lauter Fullpull. Aber Markus Kaiser hat gesehen und gehört: „Er läuft nicht sauber durch.“ Wenig Grip auf der Bahn. „Yellow Dream“ schafft auch den Fullpull. Sie werden sich im Finale messen.

„Ich brauch Kühlung, Kühlung, Kühlung“, ruft Christoph, der Pilot. Markus holt aus der Eismaschine eine Schippe nach der anderen und füttert den Ladeluftkühler. 40 (von 250) Liter heißes Wasser müssen raus, 40 Kilo Eis rein. Vater Thomas schließt den Laptop an, macht noch am Motor herum.

Die Vereine, die Feuerwehr, das Landratsamt geben auch immer Vollgas

Der Veranstalter sagt schon mal ein Dankeschön ans Publikum: „Der Eintritt isch teurer worda, i weiß. Aber mir brauchat jeden Euro, um euch das bieten zu können.“ Er lobt die Gemeinde – „null Theater, null Bürokratie“. Die Vereine, die Feuerwehr, das Landratsamt geben auch immer Vollgas. „Mir hoffat, dass ihr alle wiederkommat.“

Das Finale: „Yellow Dream“ legt jetzt 88 Meter vor. Team Kaiser schafft nur 77. Einpacken. Abbauen. Heimfahren. Am späten Abend werden sie ankommen, den Traktor in die Halle stellen – „und gut isch“.

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