Tradition in Vilafranca Die Hochstapler

Von Annika Müller 

An Allerheiligen geht es im katalonischen Vilafranca de Penèdes traditionell darum, meterhohe Türme aus Menschen zu bauen.

Halten, Halten, Halten ist das Einzige, was bei den Turmbauern in Vilafranca del Penedès zählt. Das Spektakel eint die ganze Dorfgemeinde.  Foto: dpa
Halten, Halten, Halten ist das Einzige, was bei den Turmbauern in Vilafranca del Penedès zählt. Das Spektakel eint die ganze Dorfgemeinde. Foto: dpa

Vilafranca - Es beginnt alles mit einem Zittern in JoÖn Ferrats Knie: Im dritten seiner sechs Stockwerke fängt der Turm aus übereinandergestapelten Menschen an zu wackeln. Lluâs, der Mann aus der zweiten Turmebene, auf dessen Schultern JoÖn Ferrat steht, packt mit aller Kraft dessen kräftige Waden und versucht den kunstvollen Aufbau zu stabilisieren. Sein Gesicht läuft vor Anstrengung rot an. Lluâs und seine drei Etagenkollegen tragen eine nun unkontrolliert schwankende Last von mehr als 300 Kilo auf ihren Schultern, während immer mehr Menschen an ihren Rücken entlang zur Turmspitze klettern.

Inzwischen hat die traditionelle Schnabelflötenmusik, die den Aufbau eines Castells begleitet, ausgesetzt. Für einen Moment ist es fast totenstill auf dem überfüllten Marktplatz des Städtchens Vilafranca de Penedès. Alle Augen richten sich auf Lluâs, JoÖn und die anderen Castellers, wie die Mitglieder einer Turmbaumannschaft genannt werden. Der Schweiß läuft über die Gesichter und Rücken der unteren Castellers. Halten, Halten, Halten ist das Einzige, das nun zählt. So lange, bis das Enxaneta genannte Kind auf die Spitze geklettert ist und den Arm als Signal für den erfolgreichen Aufbau des Turms in die Höhe streckt. Dann muss jedoch noch geordnet abgebaut werden, damit die Formation als gelungen zählt.

Ernste Verletzungen gibt es keine

Doch noch während die fünfjährige Naiara sich Menschenetage für Menschenetage nach oben arbeitet, sackt der Turm in sich zusammen wie ein Kartenhaus. "Fer Llenya" heißt dieser Einsturz in der Terminologie der Castellers, was in etwa "Kleinholz hacken" bedeutet. Wer diesem Schauspiel noch nie beigewohnt hat, dem bleibt jetzt nahezu das Herz stehen. Einige der durcheinanderpurzelnden Leiber fallen immerhin aus der Höhe eines mehrstöckigen Hauses. Doch die Menge, die sich von Baustart an mit erhobenen Händen dicht an die "Colla" genannte Mannschaft gedrängt hat, fängt die Stürzenden zuverlässig auf und führt sie kontrolliert zu Boden.

Ernste Verletzungen gibt es keine. Die Enttäuschung ist jedoch groß, schließlich sollte die besonders schwierige Formation der Mannschaft der Castellers de Vilafranca den Triumph im freundschaftlichen Wettstreit mit zwei anderen Gruppen bringen und den Höhepunkt des Allerheiligenfests in Vilafranca de Penedès darstellen.

Mehr als 60 Colles Castelleres mit insgesamt 16.000 Mitgliedern gibt es in Katalonien. Besonders aktiv sind sie in der Provinz Tarragona, wo die Castells ein fester Bestandteil der Patronatsfeste sind. Alle zwei Jahre finden sich zudem im Oktober die besten Colles in Tarragona zu einer inoffiziellen Olympiade zusammen. Die Castellers de Vilafranca schneiden dabei seit über einem Jahrzehnt als beste Colla ab.




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