Traditionelle chinesische Medizin Ziel chinesischer Medizin ist eine Einsicht in die Lebensführung

"Ich benutze die westliche Medizinsprache, damit die TCM nicht zur Sekte wird. Denn sie ist kein Hokuspokus, sondern eine angewandte Systembiologie", sagt Henry Johannes Greten. Wobei er auch das nicht so tierisch ernst nimmt: "Induration? Das heißt Verhärtung, ist nur gebildeter ausgedrückt." Und die TCM ist Mathematik, das chinesische Orakelbuch, das I-Ging, das auf Gretens Klavier liegt, ist über den Philosophen Leibniz Pate für die Erfindung der binären Zahlen gewesen.

Der Patient wird also sorgfältig von allen Seiten behandelt, von innen und außen. Immer mit dem Blick auf unsere Medizin: Kommt einer mit einer bakteriellen Infektion am Bein, bekommt er auch sofort Antibiotika. Aber dann geht es auch weiter und tiefer: Warum hat er eine Infektion bekommen und warum ausgerechnet am rechten Unterschenkel? "Da war ein altes Ekzem, und für die Bakterien war das die Tür, die angreifbarste Stelle." Ein schwächeres Immunsystem, das mit Bakterien nicht fertig wird, ist aber möglicherweise ein Zeichen für zu viel Stress, denn Stress schwächt. Wie kann er also dem Stress begegnen, wie organisiert er seinen Alltag, wie lebt er?

Das Ziel ist nicht, repariert zu werden, um wieder fit zu sein: "Das Ziel ist eigentlich eine Einsicht in die Lebensführung. Es gibt die Symptome, aber dahinter ist noch etwas anderes, ein Selbstkonzept, eine Weltsicht." Vor allem chronische Symptome haben äußere und auch innere Hintergründe, etwa ein Nähebedürfnis, das sich in Angst, Wut oder Trauer äußern kann. "Dann macht man während der Behandlung eine körperliche Erfahrung, nonverbal. Das Bein wird besser, natürlich. Aber auch das Selbstkonzept verändert sich, manchmal unmerklich: Irgendeine Kleinigkeit nimmt man immer mit nach Hause."

Mit der vegetativen Feedbacktherapie in sich hineinhorchen

Und wenn der Körper zeigt, dass man etwas falsch macht, muss man etwas ändern. Etwa gesünder essen, morgens warm und abends nur noch eine Hühnersuppe. Marzipan? "Ja, aber nur ein Stückchen am Tag." Es ist Greten auch schon passiert, dass ein Patient nicht mal mehr Lust auf eine Zigarette hatte - "weil er plötzlich aufmerksamer geworden ist, in sich hineinhorchte, ehrlicher mit sich wurde".

Dabei helfen auch die Entspannungsübungen des Qigong. Das lehren seine Physiotherapeutinnen mit TCM-Zusatzausbildung, die auch Tuina-Massagen verabreichen. Dann steht der Patient mit geschlossenen Augen in Strümpfen auf dem Teppichboden und soll sich vorstellen, dass von den Füßen Wurzeln in den Boden gehen, die bei jedem Ausatmen größer werden. Oder ein Licht vom Kopf ausgeht, das immer weißer wird.

Bei den meisten Patienten wirkt es. Auch dann, wenn sie gar nicht wissen, was es bewirken soll. Weil man plötzlich beim bewussten Atmen spürt, wie sich die Luft im Körper ausdehnt, verteilt. Sich die Brust entspannt und entknotet, wenn man in den Händen einen visualisierten Ball hält. "Auf Medizinisch heißt so etwas ,vegetative Feedbacktherapie'. Mit dem Ziel, einen Status vegetativer Eu-Regulationen zu erreichen, synaptisch gebahnt und somit stabilisiert." Und die Nadeln im Ohr? Bewirken ein "Öffnen des Kopfes", damit der Kopfschmerz an der Nasenwurzel, wenn man länger am Computer arbeitet, nicht wiederkommt.

Chinesische Glückskekse in der Praxis

Auch Gretens Praxis ist anders als andere Praxen. Kein Schreibtisch für den Arzt und ein Stuhl davor für den Patienten, sondern kleine Sitzecken mit dunklen Sesseln und Tischchen. In einem Raum steht ein Klavier, in einem anderen hängen chinesische Instrumente an der Wand, eine Erhu liegt auf einer Kommode.

Die Behandlungszimmer sind auch nicht durchnummerierte Räume, sondern heißen Turmzimmer oder Musikzimmer. In den Wartezimmern gibt es Tee und rote getrocknete Goji-Früchte, Asterix-Hefte und weiche Sessel, Äpfel und chinesische Glückskekse. Für das ständige Kommen und Gehen haben die Räume eine ziemlich ruhige Atmosphäre.

Henry Johannes Greten arbeitet nicht allein, sondern in einer Praxisgemeinschaft mit acht weiteren Medizinern. Ein Kardiologe, eine Internistin, ein Kinderarzt und fünf Physiotherapeutinnen gehören zum Team. Wenn Greten überlegt, ob mit der Infektion eine Thrombose kommen könnte, holt er seinen Bruder Tobias: "Das war der schnellste Kardiologentermin, den Sie je kriegen werden", sagt er dann zu seinem Patienten.

Qigong gegen Überarbeitung

Greten möchte, dass sich sein Verständnis von Medizin möglichst weit verbreitet. Er führt Studien über die Wirkung von Qigong oder Akupunktur durch - in Porto, wo er Professor für Chinesische Medizin als angewandte Neurophysiologie ist. Der Deutsche Greten unterrichtet auch gelegentlich in China und hatte 15 Jahre lang einen Lehrauftrag an der Universität Heidelberg. Oder er schreibt die nächste Auflage seines Buches oder ein neues Buch über medizinisches Qigong oder eine Broschüre über Tuina als Selbstmassage.

Manchmal singt er auch noch. Oder hält Vorträge über den Film "Little Buddha". Greten beschäftigt sich zudem möglichst oft mit seiner siebenjährigen Tochter und seinem Hund. Wie kriegt er alles auf die Reihe? "Das geht natürlich auf Kosten des Nachtschlafs", sagt er. "Wir arbeiten in unserer Praxis natürlich alle zu viel. Ich auch." Aber natürlich ist er vorsichtig mit sich, macht regelmäßig Qigong und lässt sich vorsorglich behandeln: "Man übernimmt ja unbewusst die Krankheiten der Patienten, deswegen muss man sich Reinigungsmechanismen angewöhnen. Behandeln ist energetisch unglaublich anstrengend."

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