Wer glaubt, traditionelle chinesische Medizin sei nur sanft, der irrt: Der Arzt Henry Johannes Greten sticht Akupunktur-Nadeln ins Ohr, bis der Knorpel knirscht.

Heidelberg - "Wussten Sie schon, dass ich auch fies sein kann?", fragt er und sticht die winzige Nadel ins Ohr, dass der Knorpel knirscht. Von wegen sanfte Medizin! Doch so schlimm ist es nicht. Eigentlich ist das Knirschen sogar ganz witzig - nach dem ersten Schreck.

Der Heidelberger Arzt Henry Johannes Greten ist natürlich nicht fies, er spielt nur gerne. Vielleicht beruht auf diesen Spielereien ein Teil seiner Wirkung, zusammen mit seiner breiten Aura, die einen einhüllen kann, seiner ruhigen Stimme und dem geraden Blick aus grauen Augen. Greten ist Arzt mit einer besonderen Methode: der Verbindung von westlicher und traditioneller chinesischer Medizin, kurz TCM.

Schon im Studium hat er diese etwas andere Medizin entdeckt: "Ich habe damals auf einem Schmerzkongress einen Chinesen betreut, der mit Akupunktur behandelt hat. Der hat mich angesteckt. Ein purer Zufall. Wenn es Zufälle gibt." Die Ansteckung hat sich erst zu einem Fieber entwickelt, und inzwischen glüht der fast 50-jährige Greten im Dauerbetrieb. Dabei war er damals nicht einmal sicher, ob er Arzt oder Sänger werden wollte und lernte vorsichtshalber gleichzeitig Gesang bei Scipio Colombo, dem letzten Meisterschüler von Giuseppe de Luca. Und hat gut verdient damit, schon während des Studiums.

TCM erfordert private Einblicke

TCM boomt. Für manchen, der als "austherapiert" gilt, ist sie die letzte Hoffnung. Aber auch ein Patient mit Rückenschmerzen oder einer gewöhnlichen Erkältung spürt, wie gut eine Massage tut oder auch, wenn der Arzt länger als drei Minuten mit einem redet. Zudem ergibt der Selbstversuch: sogar der verordnete Kräutertee schafft Wohlbefinden, auch wenn er nicht schmeckt. Gerten spöttelt: "Mein Tee hat nur knapp den Eintrag in den ,Guide Michelin' verpasst."

Greten aber ist nicht einfach ein Alternativarzt. "Das Beste aus zwei Welten" ist sein Motto. Und so steht am Anfang der Behandlung ein ausufernder Fragebogen mit 62 Fragen, die in alle Bereiche des Menschen hineinleuchten: Welche Medikamente nehmen Sie? Gegen welche sind Sie allergisch? Das sind die normalen Fragen, die man bei jedem Arzt - hoffentlich - zu hören bekommt. Aber dann will er auch wissen, wie man auf Nordwind reagiert, ob man Angst vor Gewittern hat, wie man geschlossene Kragen erträgt. Unter welchen Umständen man Eifersucht empfindet. Da muss man dann schon in sich gehen, ehrlich sein.

Auch das Blut wird untersucht. Beim nächsten Termin bekommt der Patient von Henry Johannes Greten ein eng bedrucktes Blatt Papier mit 60 Werten überreicht: Homocystein, Gammaglobulin, Bilirubin, Albumin, Eisen, Natrium, Kalium - einfach alles. Diese Standards sind Greten sehr wichtig: "Wir entdecken jede Woche zwei neue Krebsfälle." Dazu die chinesischen Diagnosemethoden: Puls und Zunge. Wie sieht die Zunge aus, gibt es Zahneindrücke oder Furchen, ist sie gedunsen, rot oder blass? Und der Puls: ist er flach, hüpfend, kräftig? Das sind einige der TCM-Kriterien, nach denen der Zustand des Patienten beurteilt wird.

Verbindung zwischen östlicher und westlicher Medizin

Wichtig sind aber auch die Befindlichkeiten: Wie fühlt sich der Patient tagsüber, ist ihm manchmal heiß oder kalt, wacht er nachts auf? Nicht wegen der "Ganzheitlichkeit", ein Wort, das Henry Johannes Greten nicht mag, weil es "so schwafelig nichtssagend ist". Sondern: "Befindlichkeiten führen zu Befunden. Missempfindungen des Patienten werden als Ausdruck gestörter vegetativer Funktionen betrachtet."

Das ist Gretens Brücke zwischen westlicher und östlicher Medizin, über die er ein dickes Buch geschrieben hat, in dem er haarklein erklärt, dass die chinesischen Befunde und Fachbegriffe wie Wandlungsphasen oder Funktionskreise westliche Äquivalente haben. Etwa "Wind" als Krankheitsauslöser. Da würden deutsche Ärzte nur den Kopf schütteln und verächtlich mit der Nase schnauben.

Hören sie aber, dass Wind "physiologisch das Derivat eines Zugluft-Abwehrreflexes" ist und "über den Mastzell-Substanz-P-Mechanismus zur Schwellung von Augen, Nase und Tonsillen" führen kann, "aber auch zu Tortikollis oder Myogelosen", nicken sie. Das kennen sie.

Andererseits reicht Greten die Diagnose "Schnupfen" nicht, denn für die TCM gibt es trockenen Schnupfen, mit laufender oder mit verstopfter Nase (sie kennt auch 48 Formen von Kopfschmerz). Je nachdem muss man anders therapieren.

Ziel chinesischer Medizin ist eine Einsicht in die Lebensführung

"Ich benutze die westliche Medizinsprache, damit die TCM nicht zur Sekte wird. Denn sie ist kein Hokuspokus, sondern eine angewandte Systembiologie", sagt Henry Johannes Greten. Wobei er auch das nicht so tierisch ernst nimmt: "Induration? Das heißt Verhärtung, ist nur gebildeter ausgedrückt." Und die TCM ist Mathematik, das chinesische Orakelbuch, das I-Ging, das auf Gretens Klavier liegt, ist über den Philosophen Leibniz Pate für die Erfindung der binären Zahlen gewesen.

Der Patient wird also sorgfältig von allen Seiten behandelt, von innen und außen. Immer mit dem Blick auf unsere Medizin: Kommt einer mit einer bakteriellen Infektion am Bein, bekommt er auch sofort Antibiotika. Aber dann geht es auch weiter und tiefer: Warum hat er eine Infektion bekommen und warum ausgerechnet am rechten Unterschenkel? "Da war ein altes Ekzem, und für die Bakterien war das die Tür, die angreifbarste Stelle." Ein schwächeres Immunsystem, das mit Bakterien nicht fertig wird, ist aber möglicherweise ein Zeichen für zu viel Stress, denn Stress schwächt. Wie kann er also dem Stress begegnen, wie organisiert er seinen Alltag, wie lebt er?

Das Ziel ist nicht, repariert zu werden, um wieder fit zu sein: "Das Ziel ist eigentlich eine Einsicht in die Lebensführung. Es gibt die Symptome, aber dahinter ist noch etwas anderes, ein Selbstkonzept, eine Weltsicht." Vor allem chronische Symptome haben äußere und auch innere Hintergründe, etwa ein Nähebedürfnis, das sich in Angst, Wut oder Trauer äußern kann. "Dann macht man während der Behandlung eine körperliche Erfahrung, nonverbal. Das Bein wird besser, natürlich. Aber auch das Selbstkonzept verändert sich, manchmal unmerklich: Irgendeine Kleinigkeit nimmt man immer mit nach Hause."

Mit der vegetativen Feedbacktherapie in sich hineinhorchen

Und wenn der Körper zeigt, dass man etwas falsch macht, muss man etwas ändern. Etwa gesünder essen, morgens warm und abends nur noch eine Hühnersuppe. Marzipan? "Ja, aber nur ein Stückchen am Tag." Es ist Greten auch schon passiert, dass ein Patient nicht mal mehr Lust auf eine Zigarette hatte - "weil er plötzlich aufmerksamer geworden ist, in sich hineinhorchte, ehrlicher mit sich wurde".

Dabei helfen auch die Entspannungsübungen des Qigong. Das lehren seine Physiotherapeutinnen mit TCM-Zusatzausbildung, die auch Tuina-Massagen verabreichen. Dann steht der Patient mit geschlossenen Augen in Strümpfen auf dem Teppichboden und soll sich vorstellen, dass von den Füßen Wurzeln in den Boden gehen, die bei jedem Ausatmen größer werden. Oder ein Licht vom Kopf ausgeht, das immer weißer wird.

Bei den meisten Patienten wirkt es. Auch dann, wenn sie gar nicht wissen, was es bewirken soll. Weil man plötzlich beim bewussten Atmen spürt, wie sich die Luft im Körper ausdehnt, verteilt. Sich die Brust entspannt und entknotet, wenn man in den Händen einen visualisierten Ball hält. "Auf Medizinisch heißt so etwas ,vegetative Feedbacktherapie'. Mit dem Ziel, einen Status vegetativer Eu-Regulationen zu erreichen, synaptisch gebahnt und somit stabilisiert." Und die Nadeln im Ohr? Bewirken ein "Öffnen des Kopfes", damit der Kopfschmerz an der Nasenwurzel, wenn man länger am Computer arbeitet, nicht wiederkommt.

Chinesische Glückskekse in der Praxis

Auch Gretens Praxis ist anders als andere Praxen. Kein Schreibtisch für den Arzt und ein Stuhl davor für den Patienten, sondern kleine Sitzecken mit dunklen Sesseln und Tischchen. In einem Raum steht ein Klavier, in einem anderen hängen chinesische Instrumente an der Wand, eine Erhu liegt auf einer Kommode.

Die Behandlungszimmer sind auch nicht durchnummerierte Räume, sondern heißen Turmzimmer oder Musikzimmer. In den Wartezimmern gibt es Tee und rote getrocknete Goji-Früchte, Asterix-Hefte und weiche Sessel, Äpfel und chinesische Glückskekse. Für das ständige Kommen und Gehen haben die Räume eine ziemlich ruhige Atmosphäre.

Henry Johannes Greten arbeitet nicht allein, sondern in einer Praxisgemeinschaft mit acht weiteren Medizinern. Ein Kardiologe, eine Internistin, ein Kinderarzt und fünf Physiotherapeutinnen gehören zum Team. Wenn Greten überlegt, ob mit der Infektion eine Thrombose kommen könnte, holt er seinen Bruder Tobias: "Das war der schnellste Kardiologentermin, den Sie je kriegen werden", sagt er dann zu seinem Patienten.

Qigong gegen Überarbeitung

Greten möchte, dass sich sein Verständnis von Medizin möglichst weit verbreitet. Er führt Studien über die Wirkung von Qigong oder Akupunktur durch - in Porto, wo er Professor für Chinesische Medizin als angewandte Neurophysiologie ist. Der Deutsche Greten unterrichtet auch gelegentlich in China und hatte 15 Jahre lang einen Lehrauftrag an der Universität Heidelberg. Oder er schreibt die nächste Auflage seines Buches oder ein neues Buch über medizinisches Qigong oder eine Broschüre über Tuina als Selbstmassage.

Manchmal singt er auch noch. Oder hält Vorträge über den Film "Little Buddha". Greten beschäftigt sich zudem möglichst oft mit seiner siebenjährigen Tochter und seinem Hund. Wie kriegt er alles auf die Reihe? "Das geht natürlich auf Kosten des Nachtschlafs", sagt er. "Wir arbeiten in unserer Praxis natürlich alle zu viel. Ich auch." Aber natürlich ist er vorsichtig mit sich, macht regelmäßig Qigong und lässt sich vorsorglich behandeln: "Man übernimmt ja unbewusst die Krankheiten der Patienten, deswegen muss man sich Reinigungsmechanismen angewöhnen. Behandeln ist energetisch unglaublich anstrengend."