Traditionelle chinesische Medizin Von wegen nur sanft

Von Georg Patzer 

Wer glaubt, traditionelle chinesische Medizin sei nur sanft, der irrt: Der Arzt Henry Johannes Greten sticht Akupunktur-Nadeln ins Ohr, bis der Knorpel knirscht.

Chinesische Medizin Foto: Achim Zweygarth 2 Bilder
Chinesische Medizin Foto: Achim Zweygarth

Heidelberg - "Wussten Sie schon, dass ich auch fies sein kann?", fragt er und sticht die winzige Nadel ins Ohr, dass der Knorpel knirscht. Von wegen sanfte Medizin! Doch so schlimm ist es nicht. Eigentlich ist das Knirschen sogar ganz witzig - nach dem ersten Schreck.

Der Heidelberger Arzt Henry Johannes Greten ist natürlich nicht fies, er spielt nur gerne. Vielleicht beruht auf diesen Spielereien ein Teil seiner Wirkung, zusammen mit seiner breiten Aura, die einen einhüllen kann, seiner ruhigen Stimme und dem geraden Blick aus grauen Augen. Greten ist Arzt mit einer besonderen Methode: der Verbindung von westlicher und traditioneller chinesischer Medizin, kurz TCM.

Schon im Studium hat er diese etwas andere Medizin entdeckt: "Ich habe damals auf einem Schmerzkongress einen Chinesen betreut, der mit Akupunktur behandelt hat. Der hat mich angesteckt. Ein purer Zufall. Wenn es Zufälle gibt." Die Ansteckung hat sich erst zu einem Fieber entwickelt, und inzwischen glüht der fast 50-jährige Greten im Dauerbetrieb. Dabei war er damals nicht einmal sicher, ob er Arzt oder Sänger werden wollte und lernte vorsichtshalber gleichzeitig Gesang bei Scipio Colombo, dem letzten Meisterschüler von Giuseppe de Luca. Und hat gut verdient damit, schon während des Studiums.

TCM erfordert private Einblicke

TCM boomt. Für manchen, der als "austherapiert" gilt, ist sie die letzte Hoffnung. Aber auch ein Patient mit Rückenschmerzen oder einer gewöhnlichen Erkältung spürt, wie gut eine Massage tut oder auch, wenn der Arzt länger als drei Minuten mit einem redet. Zudem ergibt der Selbstversuch: sogar der verordnete Kräutertee schafft Wohlbefinden, auch wenn er nicht schmeckt. Gerten spöttelt: "Mein Tee hat nur knapp den Eintrag in den ,Guide Michelin' verpasst."

Greten aber ist nicht einfach ein Alternativarzt. "Das Beste aus zwei Welten" ist sein Motto. Und so steht am Anfang der Behandlung ein ausufernder Fragebogen mit 62 Fragen, die in alle Bereiche des Menschen hineinleuchten: Welche Medikamente nehmen Sie? Gegen welche sind Sie allergisch? Das sind die normalen Fragen, die man bei jedem Arzt - hoffentlich - zu hören bekommt. Aber dann will er auch wissen, wie man auf Nordwind reagiert, ob man Angst vor Gewittern hat, wie man geschlossene Kragen erträgt. Unter welchen Umständen man Eifersucht empfindet. Da muss man dann schon in sich gehen, ehrlich sein.

Auch das Blut wird untersucht. Beim nächsten Termin bekommt der Patient von Henry Johannes Greten ein eng bedrucktes Blatt Papier mit 60 Werten überreicht: Homocystein, Gammaglobulin, Bilirubin, Albumin, Eisen, Natrium, Kalium - einfach alles. Diese Standards sind Greten sehr wichtig: "Wir entdecken jede Woche zwei neue Krebsfälle." Dazu die chinesischen Diagnosemethoden: Puls und Zunge. Wie sieht die Zunge aus, gibt es Zahneindrücke oder Furchen, ist sie gedunsen, rot oder blass? Und der Puls: ist er flach, hüpfend, kräftig? Das sind einige der TCM-Kriterien, nach denen der Zustand des Patienten beurteilt wird.

Verbindung zwischen östlicher und westlicher Medizin

Wichtig sind aber auch die Befindlichkeiten: Wie fühlt sich der Patient tagsüber, ist ihm manchmal heiß oder kalt, wacht er nachts auf? Nicht wegen der "Ganzheitlichkeit", ein Wort, das Henry Johannes Greten nicht mag, weil es "so schwafelig nichtssagend ist". Sondern: "Befindlichkeiten führen zu Befunden. Missempfindungen des Patienten werden als Ausdruck gestörter vegetativer Funktionen betrachtet."

Das ist Gretens Brücke zwischen westlicher und östlicher Medizin, über die er ein dickes Buch geschrieben hat, in dem er haarklein erklärt, dass die chinesischen Befunde und Fachbegriffe wie Wandlungsphasen oder Funktionskreise westliche Äquivalente haben. Etwa "Wind" als Krankheitsauslöser. Da würden deutsche Ärzte nur den Kopf schütteln und verächtlich mit der Nase schnauben.

Hören sie aber, dass Wind "physiologisch das Derivat eines Zugluft-Abwehrreflexes" ist und "über den Mastzell-Substanz-P-Mechanismus zur Schwellung von Augen, Nase und Tonsillen" führen kann, "aber auch zu Tortikollis oder Myogelosen", nicken sie. Das kennen sie.

Andererseits reicht Greten die Diagnose "Schnupfen" nicht, denn für die TCM gibt es trockenen Schnupfen, mit laufender oder mit verstopfter Nase (sie kennt auch 48 Formen von Kopfschmerz). Je nachdem muss man anders therapieren.