Traditionsgasthaus Platzhirsch in Böblingen schließt Weit mehr als nur ein Gasthaus
Die Gastronomen André und Monika Jordan kapitulierten vor dem Druck in der Branche. Wann das Traditionshaus am Postplatz wieder öffnen wird, ist unklar.
Die Gastronomen André und Monika Jordan kapitulierten vor dem Druck in der Branche. Wann das Traditionshaus am Postplatz wieder öffnen wird, ist unklar.
Die Tür ist nun ins Schloss gefallen, der Platzhirsch hat den Betrieb eingestellt. Wann die Gaststätte am Postplatz wieder öffnen wird, steht in den Sternen. „Für mich wird das kein Feiertag“, sagt André Jordan schon Tage zuvor. „Der letzte Tag im Platzhirsch wird wie eine Beerdigung.“ Und Monika Jordan, die Frau des Wirtes, fügt hinzu: „Am liebsten würden wir einfach still und schweigend gehen.“
André und Monika Jordan geben auf und die Gründe sind vielfältig: Die Coronakrise brachte Veränderungen, die Kosten explodierten, Umsätze sanken, das Personal fehlte, schließlich machte die Gesundheit nicht mehr mit.
Im April bereits gaben Jordans ihre Entscheidung bekannt. André Jordan möchte nicht weiter selbstständig arbeiten, wird künftig in Stuttgart in einer Systemgastronomie tätig sein, wird jeden Tag pünktlich Feierabend machen und an sein Geschäft dann keine Gedanken mehr verschwenden müssen. „Ich konnte nachts nicht mehr schlafen“, sagt er. „Ich lag wach und dachte darüber nach, wie es weiter gehen sollte, wer am nächsten Morgen vielleicht fehlen würde. Es waren viele kleine Zahnrädchen, die zu unserem Entschluss geführt haben. Und dabei gehört unser Herz noch immer voll und ganz der Gastronomie.“
André und Monika Jordan lösten ihren Pachtvertrag mit der Schönbuch-Braumanufaktur sehr schweren Herzens. Das merkt man ihnen an. Für sie stellt dieser Abschied weit mehr dar, als nur das Ende eines Vertrags: Mit ihm endet eine Familientradition, die über vier Generationen andauerte. Die Familie Jordan stammt aus Böblingen, bewirtschaftete Böblinger Gaststätten, die längst schon Geschichte sind. Im September wären neun Jahre vergangen, seitdem Jordans den Platzhirsch übernahmen. Zuvor führten sie über 19 Jahre die Sonne in Altdorf. Jordans brachten nicht nur ihr Team mit, sondern auch einen Stammtisch, der für sie von Altdorf nach Böblingen wanderte.
Einen schweren Einschnitt stellt das Ende der Pacht auch in der Geschichte des Hauses dar. Der Platzhirsch ist Gaststätte der Schönbuch-Braumanufaktur, die sich nebenan befindet. Erbaut wurde das Haus am Postplatz, damals einstöckig, um 1790 von einem Hofjäger namens Rau. Dessen Witwe verkaufte es an Karl Gottfried Dinkelacker, den Gründer der Brauerei, der viele Kinder zeugte und deshalb aufstockte. „Den Kaufvertrag habe ich noch“, sagt der heutige Brauhaus-Leiter Werner Dinkelaker, dessen Vorfahren das C im Namen ablegten. 1842 erhielt Karl Gottfried Dinkelacker das Schildrecht zugesprochen, durfte ausschenken. Seither war der Postplatz 5 ein Gasthaus. Nur Krieg und Wirtschaftskrise unterbrachen die gastronomische Tradition im Haus vorübergehend.
Unter dem Namen Platzhirsch firmiert das Haus seit kurz nach der Jahrtausendwende; davor war es die Brauereigaststätte, früher noch die Dinkelackerei. Es steht für das alte Böblingen, bietet gutbürgerliches Ambiente mit der Holzvertäfelung seiner Innenräume, seinem Parkettboden, seiner Innenausstattung, die in die 1970er, sogar die 1950er Jahre zurückreicht.
Nicht wenige Böblinger fühlen sich zu Hause in diesen Räumen. Bis zuletzt gab es sechs Stammtische, mit Gästen, die sich dort regelmäßig trafen, um Karten zu spielen. Die Gaststätte war ein sozialer Ort in der Stadt, einer, an dem man mitunter auch Tische zusammenrückte, um besser und in größerer Runde miteinander zu sprechen. Im Platzhirsch traf sich ein gemischtes Publikum. Man tauschte sich aus, man feierte Geburtstage, Trauungen oder kam einfach vorbei auf ein schnelles Mittagessen. „Wir waren gutbürgerliche Küche mit Familienanschluss“, sagt Monika Jordan.
Auch diese Zeit ist nun vorbei, auch diese Abschiede schmerzen. „Wir verlieren hier auch unser soziales Umfeld“, sagt Monika Jordan. Und André Jordan sagt: „Man spürt deutlich eine Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm. Wie viel kann ich für einen Rostbraten noch verlangen? Wie weit kann das noch gehen?“ Fragen, die ihn bedrückten und zu seiner Entscheidung beitrugen. André Jordan ist 56 Jahre alt. Er ist ein Koch, der größten Wert auf die Qualität seiner Speisen legt. In der letzten Woche vor Schließung des Platzhirsches noch kam André Jordans Vater Lothar, 85 Jahre alt, in die Gaststätte, um dort Maultaschen zuzubereiten. „Ich habe eine Ausbildung in Stuttgart gemacht“, sagt André Jordan, „aber die Liebe zum Kochen habe ich beim Vater gelernt, das richtige Kochen, das schwäbische, bei dem man aus einfachen Zutaten etwas richtig Gutes macht. Er hat sich das alles selber angeeignet und mir beigebracht.“
Aufgeschrieben hat André Jordan nichts. „Das ist alles in meinem Kopf“, sagt er. „Das nehme ich alles mit. Ich werde für niemanden mehr kochen. Da könnte ich auch gleich weiter selber arbeiten.“ Doch Ausnahmen wird es geben: Für seine Familie wird André Jordan sicher mal was zaubern. Gewiss auch bei Gelegenheit und ganz privat einmal für Werner Dinkelaker. Mit dem Brauereichef verband ihn stets ein gutes, freundschaftliches Verhältnis – man traf sich häufig, sprach miteinander, und die Gastwirte behielten die Brauerei im Auge, meldeten gleich, wenn was nicht stimmte, oder waren zur Stelle, als der Frost eine Leitung platzen ließ. „Eigentlich“, sagt Werner Dinkelaker, „wollten wir zusammen in Rente gehen.“ Daraus wird nun nichts, und wie es weitergeht, ist völlig offen: Es gibt unterschiedliche Optionen, ein Architekt soll sie prüfen.
„Ich bin über dieser Gaststätte groß geworden, wie fast alle Generationen der Familie Dinkelaker“, sagt Werner Dinkelaker, „ich empfinde eine große Verbundenheit mit dem Haus und der Gastronomie. Das hier ist weit mehr als nur eine Gaststätte. Das ist fast ein heiliger Ort der Familie Dinkelaker. Unser Ziel ist es, die tolle Gastronomie hier weiterzuführen, schon der Tradition wegen.“