Traditionsunternehmen in Baden-Württemberg Auf Papier gebaut

200 Meter lang, 20 Meter hoch, 500 Millionen Euro wert: Die neue Papiermaschine bei Palm in Aalen hat gigantische Ausmaße. Foto: Palm

Aufstieg und Abgesang: Die Traditionsfirma Palm aus Aalen sichert die Nachfolge. Scheufelen aus Lenningen dagegen hat dichtgemacht. Doch auf dem Gelände geht es weiter – statt mit Papier mit neuen Ideen und neuen Technologien.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Schon im Teenageralter wusste Marina Palm, was sie will: „Papi, ich will mal deinen Job“, sagte sie damals zu ihrem Vater. Und das hat geklappt: Seit März 2022 steht sie zusammen mit ihrem Vater Wolfgang Palm an der Spitze der 1872 von Adolf Palm gegründeten Papierfabrik in Aalen. Gute 50 Kilometer entfernt war der Lehrer Karl Scheufelen schon etwas früher am Werk – 1855 legte er in Lenningen bei Kirchheim/Teck den Grundstein für eine ebenfalls lange florierende Firma.

 

In Aalen kann Wolfgang Palm Imposantes zeigen: „Das ist die größte einzelne Investition in der Geschichte des Unternehmens“, sagt der Firmenchef bei einem Rundgang über seine neue 200 Meter lange und 20 Meter hohe Papiermaschine. Die neue, 500 Millionen Euro teure Maschine hat drei kleinere ersetzt; die Walzen, über die die Papierbahnen laufen, sind nicht weniger als 10,90 Meter breit. Zudem kann die Maschine weit dünneres Papier herstellen – ohne dass die Stabilität von Kartons leidet, die daraus gemacht werden können. Die Kapazität für die Herstellung von Verpackungspapier in Aalen hat sich mit der neuen Maschine verdoppelt.

Von Zeitungs- zu Verpackungspapier

Auch durch die enorme Ausweitung des Online-Handels steigt die Nachfrage nach Verpackungen. Der Bundesverband Paket und Expresslogistik jedenfalls hält an seiner Prognose fest, nach der es 2026 rund 5,7 Milliarden Sendungen geben wird – nach vier Milliarden im vergangenen Jahr. Bei den Aufträgen gebe es eine hohe Nachfrage für den Umbau von Maschinen für Zeitungspapier auf Verpackungspapier, heißt es beim Heidenheimer Papiermaschinenhersteller Voith.

Palm stellt in seinen verschiedenen Werken Verpackungspapier ebenso her wie Schachteln aus Wellpappe oder Zeitungspapier – seit den 80er Jahren alles komplett aus Altpapier. Die 4000 Beschäftigten von Palm – davon 300 in Aalen – haben im vergangenen Jahr den Umsatz von 1,7 Milliarden Euro auf 2,2 Milliarden Euro gesteigert. Dazu hätten ein höherer Absatz, aber auch Preissteigerungen beigetragen, berichtet Palm.

Papier wird billiger

Für 2023 rechnet er mit einem gleichbleibenden Umsatz. „Die Papierpreise fallen zurzeit“, sagt Palm, „sie sind aber immer noch weit höher als vor Corona und dem massiven Anstieg der Ausgaben für die Energie.“ Einsparungen durch die inzwischen wieder etwas gesunkenen Preise für Energie und Rohstoffe müssen die Papierhersteller an ihre Kunden weitergeben – der Wettbewerb funktioniert offenbar.

Doch während Palm in den vergangenen Jahren expandierte, hat Scheufelen, dessen Gebäude den Charme der Gründerjahre ausstrahlen, aufgegeben. Anfang der 80er Jahre gab es erste Probleme, 2008 dann die erste Insolvenz. Hohe Kosten für Energie und Rohstoffe für das Papier wurden dafür verantwortlich gemacht, zudem ein Einbruch bei den Preisen für Kunstdruckpapier.

Investierte Scheufelen zu wenig?

Zehn Jahre später, nachdem der Umsatz nach unten gerauscht, eine Druckmaschine stillgelegt und Mitarbeiter entlassen worden waren, kam die nächste Insolvenz. Ein neu entwickeltes Graspapier für Verpackungen stieß zwar auf großes Interesse, aber die Nachfrage war zu gering. In den Glanzzeiten Mitte der 50er Jahre arbeiteten rund 2000 Beschäftigte in Lenningen, der Umsatz lag auch schon mal bei umgerechnet 200 Millionen Euro. Nach der Insolvenz 2018 schrumpfte die Zahl der Beschäftigten von 340 auf nur noch 100. Eine dritte Insolvenz kam 2019. Immer wieder hieß es, es sei zu wenig investiert worden. Ein weiterer Grund war ein dramatischer Rückgang der Nachfrage nach graphischem Papier etwa für Zeitungen, Illustrierte oder Kataloge. Das Zeitalter der Papierproduktion war zu Ende.

Jetzt soll es in Lenningen als Standort für Forschung und Entwicklungsstandort weitergehen. Die Firmen Fibers 365, Phoenix Non Woven und die Stuttgarter Hochschule der Medien sind mit von der Partie. Fibers 365 forscht unter der Regie des geschäftsführenden Gesellschafters Stefan Radlmayr an Naturfasern aus einjährigen Pflanzen. Dabei wird beispielsweise Stroh in einer Steam-Explosion-Anlage ohne den Zusatz von Chemie durch Druck und Wasser in faserige Bestandteile zerlegt. „Wir sind hier Pioniere“, meint Ulrich Scheufelen, der noch beratend tätig ist.

Pioniere auf altem Boden

Solche Fasern werden am Institut für Naturstoffverarbeitung der Stuttgarter Hochschule der Medien auf ihrem Lenninger Forschungscampus weiterverarbeitet. Dabei wird beispielsweise erkundet, wie sich verschiedene Naturfasern für Verpackungen in der Lebensmittelwirtschaft oder bei Pharmafirmen verwenden lassen können.

Fördergelder gibt es vom baden-württembergischen Landwirtschaftsministerium, kooperiert wird mit Forschungseinrichtungen und Firmen. „Unser Ziel ist es, Kunststoff durch Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen zu ersetzen“, sagt Forschungsleiter Matthias Franz.

Vom Papier zur Faser

Bei Radlmayr indes geht es nicht nur um Naturfasern: In seiner zweiten Firma in Lenningen, Phoenix Non Woven, sollen aus keramischen Fasern hitzebeständige Vliese entwickelt werden, etwa zum Umhüllen von Batterien. „Wir rechnen damit, im Juli eine regelmäßige Produktion aufzunehmen“, meint Radlmayr.

In Lenningen, wo Papier einst so hoch im Kurs stand, setzt man jetzt auf Fasern. In Aalen, wo man gute Geschäfte mit Verpackungspapier macht, glaubt der größte deutsche Papierhersteller in Familienbesitz auch an eine Zukunft des Papiers für Druckereien. „Schon heute wird jede dritte Zeitung in Deutschland auf Papier von uns gedruckt“, sagt Palm, „in zwei Jahren wollen wir der größte europäische Hersteller von Zeitungspapier sein.“ Dass die Konkurrenz bei Zeitungspapier laut zum Rückzug bläst – solche Töne hört Palm gerne.

Der deutsche Papiermarkt

Produktion
 In Deutschland wurden 2022 knapp 22 Millionen Tonnen Papier, Karton und Pappe produziert. Das waren 6,3 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Mit mehr als 800 000 Tonnen machten Papier, Karton und Pappe den Großteil der Gesamtproduktion aus. Auf grafische Papiere entfielen 334 000 Tonnen. Dort gab es mit einem Minus um 9,2 Prozent den stärksten Rückgang. Der Absatzwert bei Papier, Karton und Pappe stieg auch wegen der höheren Preise um 34 Prozent auf 18,2 Milliarden Euro.

Beschäftigte
 Deutschlandweit sind 46 000 Beschäftigte in der Papierbranche tätig, davon 9400 in Baden-Württemberg.

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