Traditionsunternehmen in Leonberg Spezialist in der Region: Bei Wibbels gibt es mehr als nur Männersachen

Das Geschäft ist fest in Familienhand: Junior Marc und Senior Wolfgang Schmidt am Paternoster für Kleider Foto: Simon Granville

Aus einer Eltinger Dorfschneiderei wurde ein weit über die Grenzen Leonbergs hinaus bekannter Herrenausstatter. Der Familienbetrieb lässt es zum 105. Geburtstag krachen.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Der junge Mann probiert eine Jacke. Mit leicht gequältem Lächeln eine weitere, streng beäugt von zwei Damen. Die eine ist seine Braut, die andere deren Schwester. Beide suchen mit ihm den Anzug aus, den er bei der Vermählung tragen wird. Es werden noch mehrere Jacken, Hemden, Hosen, Krawatten und Fliegen folgen.

 

Eine typische Szene im Hause Wibbel. Das Geschäft mit den passenden Anzügen für den, wie es gemeinhin heißt, schönsten Tag im Leben, ist ein Schwerpunkt im Bekleidungshaus im Leonberger Stadtteil Eltingen. Dieser Zweig ist vergleichsweise neu, doch den Laden an der Ecke Hindenburgstraße und Bismarckstraße gibt es schon seit 105 Jahren. Karl Schmidt betrieb damals im dörflichen Eltingen eine kleine Schneiderei. Seine Frau Martha führte ein Hutgeschäft und arbeitete für den königlichen Hoflieferanten Wilhelm Auwärter. 1920 gründeten beide ihr erstes Geschäft.

Schon 1945 kommt der erste Mitarbeiter aus dem Ausland

Jahrzehnte, bevor es Begriffe wie Diversität überhaupt gab, zeigt sich die Familie äußerst modern. Mit Johan Simionidis wird 1945 unmittelbar nach dem Krieg der erste Ausländer eingestellt. 1950 stößt mit Vincenco Corso ein weiterer hinzu, der dem Unternehmen 20 Jahre lang treu bleibt.

Modehaus Wibbel, weit über die Region Leonberg hinaus bekannt

Wiederum zehn Jahre später übernimmt Sohn Walter die Geschäfte, der Laden zieht in einen Neubau um. 1966 beginnt dessen Sohn Wolfgang seine Lehre beim deutschen Meister für Gesellschaftskleidung, Karl Burdorf in Stuttgart. In dieser Zeit entsteht der Firmenname „Wibbel“ – angelehnt an ein gleichnamiges Theaterstück, das 1913 in Düsseldorf uraufgeführt wurde.

Der designierte Leonberger OB Tobias Degode (rechts) und IHK-Chefin Marion Oker gratulieren Marc Schmidt. Foto: Simon Granville

1985 steigt Wolfgang Schmidt mit seiner Frau Monika ins Geschäft ein. Die beiden sind nicht nur Fachleute, sie wissen auch, wie man mit Menschen umgeht. Das kleine Geschäft entwickelt sich zusehends zum Treffpunkt. Hier bekommt man immer einen Kaffee oder auch ein Viertele. Das hat sich nicht geändert. Gerade an verkaufsoffenen Sonntagen ist der „Wibbel“ eine Anlaufstelle mit Kultcharakter.

Kein Kompetenzgerangel zwischen den Generationen

Mittlerweile hat Sohn Marc Schmidt die Zügel in die Hand genommen, unterstützt vom stellvertretenden Geschäftsführer Michael Maiuri. Und natürlich ist Vater Wolfgang noch nahezu jeden Tag im Geschäft. Er kann es nicht lassen. Wo aber in anderen Familienunternehmen mitunter Kompetenzgerangel zwischen alter und neuer Generation zu beobachten ist, arbeiten bei den Schmidts Vater und Sohn Hand in Hand. Höchstens ein bisschen gefrotzelt wird hin und wieder.

Die Geschäftsräume sind längst erweitert. Optischer Hingucker ist ein Paternoster für Kleider, mit dem sich nicht nur platzsparend Jacken und Anzüge lagern lassen, sondern der in dieser Form in Europa eine Besonderheit ist. Und da bei den Wibbels fast alles Familiensache ist, hat Sohn Timo, der als Architekt arbeitet, den Anbau entworfen.

Aus der einstigen Dorfschneiderei hat sich längst ein Modehaus entwickelt, das weit über die Region Leonberg hinaus bekannt ist. Die Kunden kommen aus der Heilbronner Gegend, aus Pforzheim und Stuttgart nach Eltingen, um hier den passenden Anzug, ein schickes Hemd oder ein paar flotte Schuhe zu finden. Wolfgang Schmidt führt das vor allem auf die kompetente Beratung zurück: „Bei uns arbeiten ausschließlich Leute vom Fach“, sagt der Senior-Chef. „Wir sehen auf den ersten Blick, was unseren Kunden passt, und was nicht.“

Schneiderin Tetjana Orel testet das Rudergerät, das es jetzt zu gewinnen gibt. Foto: privat

Ein Plus an Qualität und Service ist zudem die eigene Schneiderei, in der der Urgroßvater und der Opa bis ins hohe Alter mitgearbeitet hatten. Ursula Klemke, die Schwester von Wolfgang Schmidt, ist seit 50 Jahren als Näherin dabei. Im Obergeschoss geht es international zu. Seit fast einem viertel Jahrhundert gehört Antonia del Forno zu Team. Zwei Schneiderinnen aus der Ukraine haben sich bei den Wibbels ebenfalls bestens integriert.

Vor fünf Jahren wollte die Familie den 100. Geburtstag gebührend feiern. Doch dann machte die Coronapandemie alle Planungen zunichte. Die Schmidts wären aber nicht die Schmidts, hätten sie nicht aus der Not eine Tugend gemacht. „Wir haben einfach fünf Jahre gewartet und feiern jetzt den 105.“, sagt Marc Schmidt. Und das im großen Stil: Bei einem Fest für geladene Gäste drängte sich allerlei Lokalprominenz im Laden – von den Chefs anderer Unternehmen, diversen Stadträten, bis hin zum Bürgermeister Klaus Brenner und dem designierten OB Tobias Degode.

Gesucht wird der am besten angezogene Mann

Noch bis Samstag läuft ein Gewinnspiel, bei dem als Hauptpreis ein edles Rudergerät aus Holz winkt. Zum Finale der Festlichkeiten gibt es eine Party am Samstag, 22. November, von 19 Uhr an in der Alten Amtei in der Altstadt. Dort machen der Eddy-Pianist Dieter Philipin und Danny Schach Musik aus 100 Jahren. Wer sich in den zwei Jubiläumswochen ein schickes Outfit gekauft hat, sollte am Samstag darin unbedingt vorbeischauen. Das Publikum in der Alten Amtei wählt den am besten angezogenen Mann.

Warum gibt es bei Wibbel in Leonberg nur Herrenkleidung?

Bleibt noch die Frage, warum es bei den Wibbels nur Herrenkleidung gibt. Wolfgang Schmidt grinst: „Männer sind die unproblematischeren Kunden und haben sich schneller entschieden.“ Ist das wirklich so? Vize-Chef Michael Maiuri relativiert: „Viele Männer sind ebenfalls sehr modebewusst und gehen die Auswahl ähnlich an wie Frauen.“ Man/frau mag das so oder so sehen: Fakt ist, dass die Geschäftsräume für ein zusätzliches Damensortiment schlicht zu klein wären. Denn das müsste tatsächlich umfangreicher sein als das für die Herren.

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