Träume, die wahr wurden Von Shiraz nach Stuttgart: Hamids Weg in die Freiheit

Hier auf dem Campus Vaihingen der Universität Stuttgart studiert Hamid Zia Maschinenbau im Bachelor. Foto: /Selina Schwarzbach

Hamid Zia wächst im Iran auf – wo er für seinen Traum keine Zukunft sieht. Als er 14 Jahre alt ist, verändert ein Moment alles für ihn. Plötzlich weiß er: Er muss hier weg.

Der 23-jährige Hamid Zia aus dem Iran hat sich seinen Traum erfüllt – ein Erfolg, der Mut, Ausdauer und viel Eigeninitiative erfordert hat. Die Zusage für ein Stipendium spielte dabei eine entscheidende Rolle. Ohne diese Unterstützung hätte sich sein Traum, in Deutschland zu studieren, wohl kaum verwirklichen lassen.

 

„In diesem Moment dachte ich mir, dass ich jetzt alles schaffen kann“, erzählt er heute über das Go für die Förderung. Diese Hilfe brachte ihn ein Stück näher in Richtung Freiheit, etwas das er in seinem Heimatland immer vermisste.

Hamids neues Leben

Wobei Hamids Alltag vielleicht nicht das ist, was viele sofort mit dem Begriff „Freiheit“ in Verbindung bringen. Sein Tag beginnt um sechs Uhr morgens – das Maschinenbau-Studium an der Universität Stuttgart verlangt viel Einsatz. Das nimmt Hamid, der mittlerweile im zweiten Semester ist, in Kauf, denn er möchte selbstbestimmt leben können.

Sein Traum, das zu tun und in Deutschland zu studieren – und damit das Leben zu führen, von dem er im Iran immer geträumt hat – gerät im Alltagsstress aber oft in den Hintergrund. In ruhigen Momenten findet er jedoch die Zeit zurückzublicken, erinnert sich an den schwierigen Weg, den er gegangen ist und all das, was er b is heute geschafft hat.

Ein Traum, der nicht selbstverständlich ist

Schon als Kind träumt Hamid davon, zu studieren. Doch als er älter wird, merkt er: Ein Studienabschluss im Iran bedeutet nicht automatisch, dass man einen Job in diesem Bereich bekommt. „ Viele Akademiker und Akademikerinnen arbeiten in Berufen , die nichts mit ihrem Studium zu tun haben – beispielsweise als Taxifahrer“, erzählt der heute 23-Jährige. So habe er nicht enden wollen.

Dieser Gedanke lässt ihn nicht mehr los – er möchte mehr Möglichkeiten und Selbstbestimmung in seinem Leben. Deutschland wird für ihn zum Ziel. Denn: „Freiheit – das ist hier etwas Normales“, wie er heute sagt. Der Wunsch nach einem freiheitlichen Leben entsteht allerdings in einem Land, in dem all das nicht selbstverständlich ist. Besonders nicht für Menschen, die laut Hamid nicht dem Islam angehören. So wie er.

Das Leben als Christ im Iran

Hamids Familie ist evangelisch. Christen zählen laut der Gesellschaft für bedrohte Völker zu den Minderheiten des Irans. Man könne sich nicht vorstellen, wie es für Christen sei dort zu leben, sagt Hamid. „Das ist fast wie in Nordkorea.“ Mit zehn Jahren spürt er das zum ersten Mal: Obwohl er die höhere Punktzahl bei der Aufnahmeprüfung für die Hochbegabtenschule hat, wird ihm der Platz verwehrt.

Ein anderer Schüler hat nach Ansicht von Hamid für das System im Iran den richtigen Vater – einen, der für die Regierung arbeitet, der dem Islam angehört. Er bekommt an Stelle von Hamid den Platz. „Für mich war das wirklich hart zu verstehen – ich war ein kleines Kind“, erzählt er.

Keine fünf Jahre später gibt es einen Schlüsselmoment, der sein Leben nachträglich verändern wird. Hamid ist damals 14 Jahre alt und beim Public Viewing eines Fußball-Länderspiels. Die Menschen sind auf den Straßen, die Stimmung heizt sich auf. Was als friedliche Unterstützung für die Nationalmannschaft beginnt, entwickelt sich rasch zum Protest gegen die politische Lage im Land.

Und Hamid ist mittendrin – denn auch er ist unzufrieden mit der Politik im Iran. Als ihn während des Aufstands ein Polizist mit einem Elektroschocker brutal attackiert, wird ihm bewusst: „Hier gehöre ich nicht hin.“ Für ihn ist spätestens da klar: Er will weg, er will Freiheit. „Das ist für mich das Wichtigste“, sagt er heute. Also muss sich etwas ändern.

„Habe meinen Papa noch nie weinen gesehen“

Im August 2018 ist der Moment gekommen: Der 16-Jährige verlässt zusammen mit seiner acht Jahre älteren Schwester Hengameh den Iran. „Das war keine leichte Entscheidung“, sagt er heute. Doch die Ausreise verläuft nicht reibungslos. Kurz vor dem Abflug gibt es Probleme mit seinem Pass. Fast erleichtert denkt er sich: „Ja, ich bleibe einfach hier.“ Doch dieser erste Impuls verblasst schnell, denn Hamid weiß: Wenn er Freiheit will, muss er weg aus dem Iran. Auch wenn das bedeutet, seine Eltern zurückzulassen – ein Abschied, der bis heute schwer auf ihm lastet.

„Ich habe meinen Papa noch nie weinen gesehen, aber da hat er geweint“, erzählt Hamid heute. Ein Moment, der sich unauslöschlich in sein Gedächtnis einprägt. Als das Problem mit dem Pass gelöst ist, steigen Hamid und Hengameh ins Flugzeug in Richtung Deutschland – in Richtung Freiheit.

Neuanfang im Schnelldurchlauf

Dort angekommen wartet das Unbekannte: neue Sprache, neue Kultur, eine ganz neue Lebensrealität. „Ich habe mich extrem einsam gefühlt – es kam mir wie eine Parallelwelt vor“, erzählt der heute 23-Jährige. Die einzige Person, die er zu dieser Zeit neben seiner Schwester kennt, ist sein ehemaliger Nachbar aus dem Iran. Der ist ein Jahr vor ihm nach Deutschland gezogen – genauer gesagt nach Rottenburg. Das liegt gut 120 Kilometer von Bietigheim-Bissingen entfernt, wo Hamid und seine Schwester eine Wohnung finden.

Foto: privat

Die Geschwister bemühen sich Kontakte zu knüpfen, gehen jeden Sonntag in die Kirche. „Dort sind aber alle nur hin und danach schnell wieder nach Hause. Da wurde danach nichts unternommen, um ins Gespräch zu kommen“, erzählt Hamid. Er denkt oft daran, alles hinzuschmeißen – zumindest im ersten Jahr in Deutschland. Doch seinen Eltern zuliebe hält er durch. „Ich dachte ich enttäusche sie, wenn ich es nicht schaffe“, sagt er heute.

Hamids Fleiß wird belohnt

Ein Jahr nach seinem Umzug nach Deutschland bekommt er einen Platz auf einer Sprachschule. Ihm bleiben zu diesem Zeitpunkt nur noch vier Monate, um alle nötigen Prüfungen für das B2-Sprachniveau zu bestehen. Das braucht Hamid, um sich auf dem Gymnasium anzumelden – und das, bevor er volljährig ist. Er schaut Videos auf Deutsch, spricht im Alltag so viel wie möglich – das hilft ihm.

Der damals 17-Jährige besteht alle Prüfungen. „Viele trauen sich nicht zu sprechen, aus Angst Fehler zu machen, aber das war bei mir zum Glück nicht der Fall“, erzählt er heute. Vier Jahre später hat er schließlich das Abitur in der Tasche und steht vor vielen offenen Türen – genau das, was er sich immer gewünscht hat.

Ein Traum wird Realität

Und heute? Da studiert Hamid Maschinenbau im Bachelor an der Universität Stuttgart, sogar mit einem Stipendium. Er ist Teil der Begabtenförderung des Evangelischen Studienwerks, die ihn nicht nur finanziell, sondern auch mental unterstützt. Vor allem Erstere ist wichtig für ihn: „Wegen der EU-Sanktionen gegen den Iran können meine Eltern mir aktuell kein Geld überweisen“, erzählt er.

Er ist stolz darauf nicht aufgegeben zu haben – und in seiner neuen Heimat angekommen. Inzwischen wohnt der 23-Jährige, nach ersten WG-Erfahrungen, allein in einer Wohnung in Korb im Rems-Murr-Kreis und fühlt sich dort wohl. „Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme, freu ich mich immer und merke, dass es sich wie nach Hause kommen anfühlt“, erzählt er.

„Einfach machen, nicht so viel nachdenken“

Was bleibt nach all den Jahren, all den Hürden und Entscheidungen? Was hat Hamid gelernt? „Mir selbst mehr zu vertrauen und an mich zu glauben“, sagt er heute. Früher war er sich immer unsicher, hat sich die Frage gestellt: „Werde ich das schaffen? Ich bin doch gar nicht gut genug.“ Heute weiß er allerdings: Wenn er etwas wirklich schaffen möchte, dann tut er das auch.

Sein Rat an alle, die wie er zweifeln und grübeln: „Einfach machen, nicht so viel über alles nachdenken.“ Dass es sich lohnt „einfach zu machen“ zeigt Hamid anhand seines Weges selbst. Schließlich öffneten sich für ihn Türen, die ohne seinen Mut sein Durchhaltevermögen, sonst wohl für immer verschlossen geblieben wären.

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