„Trag das Feuer weiter“ Leïla Slimani vollendet ihre französisch-marokkanische Familientrilogie

, aktualisiert am 28.01.2026 - 11:25 Uhr
Eine Schriftstellerin, die kene Tabus scheut: Leïla Slimani Foto: IMAGO/ABACAPRESS

In dem Roman „Trag das Feuer weiter“ erzählt die französisch-marokkanische Erfolgsautorin von Intrigen, Sex und einem Lebensgefühl zwischen Anpassung und Selbstbehauptung.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Eine Familienaufstellung ist ein Konzept, um die Dynamiken und Beziehungen innerhalb eines verwandtschaftlichen Problemverbunds räumlich sichtbar zu machen. Nun erscheint ein karger Begriff wie Konzept geradezu lächerlich unangemessen für die wild wuchernde epische Welt, die die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani in der Romantrilogie entfesselt, die jetzt in dem Band „Trag das Feuer weiter“ ihren Abschluss findet.

 

Und doch ist auch darin die Familie das Bezugssystem, das Dynamiken und Beziehungen sichtbar macht, die allerdings weit über den Horizont des Privaten hinaus den Problemverbund eines von Migration, Ungleichheit und kulturellen Verwerfungen erschütterten zeitgenössischen Lebens prägen. Räumliche Gegensätze programmieren, was den Personen widerfährt: Hier Marokko, dort die einstige Kolonialmacht Frankreich; hier der goldene Käfig einer westlich orientierten Elite, die die Sprache ihres eigenen Landes nur unzureichend beherrscht, dort die Leute, die am Stadtrand in der Nähe der Strände leben; hier die Fallhöhe des Chefbüros einer Bank in Casablanca, dort die Unterwelt des Gefängnisses – und die kurze Distanz, die beides verbindet.

„Mia ging kaum vor die Tür. Sie kannte ihr Land nicht.“ Doch wer ist Mia überhaupt? Das weiß sie zu Beginn selbst nicht mehr. Im Prolog begegnet man ihr als einer Schriftstellerin in Paris, deren Existenz im Post-Covid-Nebel verloren gegangen ist, und die in einer tiefen Schreibkrise steckt.

Aber bevor man sich von deren Überwindung in Gestalt dieses Romans überzeugen kann, vielleicht eine kurze Erinnerung. Denn wer den zweiten Band der Trilogie, „Schaut, wie wir tanzen“, gelesen hat, war bei Mias Geburt dabei, auf deren Feier sich der Titel bezieht. Sie ist die Enkelin der Elsässerin Mathilde, die sich während der letzten Jahre des 2. Weltkriegs in den aufseiten Frankreichs kämpfenden Marokkaner Amine verliebt hat. In einer Mischung aus Abenteuerlust und Leidenschaft ist sie ihm in das Land seiner Herkunft gefolgt.

Grenzenloses Freiheitsverlangen

So beginnt eine sich über drei Generationen erstreckende Saga, in der sich Tradition und Moderne, Feminismus und Patriarchat, Aufklärung und Herrschaft mit allen Spielarten des Rassismus zu einer postkolonialen Gesellschaftsgeschichte verdichten. Mias Mutter Aïcha hat in Straßburg Medizin studiert und nach ihrer Rückkehr den Intellektuellen Mehdi geheiratet, der sich ungeachtet seines Spitznamens Karl Marx mit den Machtverhältnissen arrangiert, und dem zunächst eine glänzende Karriere bevorsteht.

Nun, im letzten Band ist er dabei, eine marode Bank zu sanieren, und eben jenen goldenen Käfig im noblen Ambassador-Viertel von Rabat zu bereiten, in dem Mia aufwächst. Von dem vierschrötigen jungen Mädchen mit den krausen Haaren, das von Eifersucht auf seine bildhübsche Schwester zerfressen wird, zu der selbstbewussten, welterfahrenen Schriftstellerin ist der Weg noch weit. Er führt nach dem Erwachen einer sexuellen Orientierung, für die man im Marokko der Achtzigerjahre noch ins Gefängnis wandern konnte, in die Freizügigkeit der französischen Hauptstadt. Romane haben in ihr ein grenzenloses Freiheitsverlangen genährt. Aber nach einem Wirtschaftsstudium fasst sie in London zunächst in der Welt des Geldes Fuß.

Durch die räumliche Ordnung verläuft eine Zeitachse: Die iranische Revolution, die Fatwa gegen Salman Rushdie, Fußballspiele und Moden markieren, was über den Köpfen der Handelnden passiert. Irgendwann krachen zwei Flugzeuge in Hochhäuser.

Das behütete Schneckenhaus bekommt Risse

Die Folgen des ersten Golfkriegs haben Mehdis Plan durchkreuzt, mit kühnen Investitionen Marokko in ein Paradies für alle zu verwandeln. Und plötzlich platzt in Mias kosmopolitische Einsamkeit in der Londoner Geldaristokratie die Nachricht, dass ihr Vater in Marokko verhaftet worden sei: „Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, dass das Schneckenhaus, in dem sie gelebt hatte, Risse bekam.“ Endlich geschieht etwas, dass sie aus den behüteten Enklaven katapultiert – „das Unglück, endlich!“

So wird doch noch eine Schriftstellerin aus ihr, die am Leitfaden ihrer Familiengeschichte alle Konstellationen durchspielt, in denen die Erfahrung der Fremdheit zur Selbsterfahrung wird. „Die Romane von heute sagen mir gar nichts“, meint ihre ebenfalls schreibende elsässische Großmutter. „Die Leute erzählen ihr Leben, breiten ihre Privatsphäre aus. Aber man wird nicht Schriftsteller, indem man sich im Spiegel betrachtet. Die Geschichten beginnen, wenn man durch ihn hindurchgeht.“

Und genau das ist es, was die Autorin im Roman von der Schriftstellerin Leïla Slimani unterscheidet, so sehr sich ihre Erfahrungen gleichen mögen. „Überlassen wir die Wahrheit den Familien, die keine Fantasie haben“, schreibt Mia und weist damit den Weg hinter die Spiegel, wo die Intrige, die ihren Vater ins Unglück stürzt, mit dem Schluss von Kafkas „Prozess“ zu kommunizieren beginnt.

Acht Jahre nach seinem Tod wurde er von allen gegen ihn erhobenen Vorwürfen reingewaschen: „Man hat sich bei uns entschuldigt. Doch die Scham hat ihn überlebt und auch die Angst.“ Wie bei dem Bankprokuristen Josef K.

Was Mia im Leben vergeblich herauszufinden versucht, wo ihr Platz ist, zu welchem Land sie gehört und was Identität bedeutet, wenn man die Erinnerung verloren hat, realisiert sich in der wirklichkeitsgetreuen Fantasie von Leïla Slimanis beeindruckendem Roman: Im Anderen das Eigene zu finden, ohne sich zu verlieren. Hinter den Spiegeln ist der Ort, an dem sich ihre Familienaufstellung vollendet.

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand . 448 Seiten, 25 Euro.

Info

Leben
Leïla Slimani, geboren 1981 in Rabat, wuchs in einer großbürgerlichen Familie in Marokko auf. Ihre Familie gehörte zur französischsprachigen Elite des Landes. Ihr Vater war von 1977 bis 1979 Wirtschaftsminister von Marokko, später leitete er eine Bank. 2002 wurde er wegen angblicher Veruntreuung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, 2010 posthum rehabilitiert. Slimani studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po Politikwissenschaften und arbeitete danach als Journalistin für die Zeitschrift „Jeune Afrique“. Ende 2017 wurde sie zur persönlichen Beauftragten von Staatspräsident Emmanuel Macron zur Pflege des französischen Sprachraums ernannt. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Portugal.

Werk
Unerschrocken rühren Leïla Slimanis Bücher an Tabus. Ihr Debüt „All das zu verlieren“ erzählt von dem selbstbewussten, Konventionen und gesellschaftliche Regeln überschreitenden Begehren einer jungen Frau. 2016 erhielt sie für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ den Prix Goncourt. Er handelt von einer Nanny, welche die ihr anvertrauten Kinder brutal ermordet. „Sex und Lügen“ ist ein Buch über das geheime Liebesleben muslimischer Frauen.Ihre nun abgeschlossene Trilogie ist von der eigenen Familiengeschichte inspiriert. Die ersten beiden Bände waren „Das Land der Anderen“ und „Schaut, wie wir tanzen.“

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