Eigentlich sollte Jacob Kaplan seinen Ruhestand genießen. Aber dann wird der Mann, dem seine Familie gerade das Autofahren verbieten will, zum passionierten Schnüffler. Er glaubt, auf der Spur eines Altnazis zu sein, der in Uruguay abgetaucht ist.

Stuttgart - So war das bestimmt nicht gedacht. Der ältere Herr, der da an einem Sprungbrett über einem Swimmingpool hängt, will kaum schauturnen. Aber man kann sich ja auch nicht einfach ans Ende des Brettes verlaufen. Wie konnte es in Álvaro Brechners Tragikomödie „Señor Kaplan“ also bloß zur Hängepartie mit dem Titelhelden kommen?

 

Der Kniff, mit ziemlicher Verwirrung einzusteigen, ist auf mehr als momentane Aufmerksamkeitserregung gerichtet. Denn dieser Film aus Uruguay stürzt auch seinen Protagonisten, den jüdischen Pensionär Jacob Kaplan (Héctor Noguera), in große Verwirrung. Wir werden also eingestimmt auf den radikalen Wechsel: vom festen Grund geht’s hinaus aufs wippende Brett.

Da muss noch ein Hammer fallen

Eigentlich ist Jacob Kaplan in jener Lebensphase, in der man nichts Neues mehr beginnt, sondern langsam vom Vertrauten Abschied nimmt. Aktuell wird es mit dem Autofahren schwierig, was Jacob selbst aber nicht einsehen will. Noch schrammt er sich durch die Welt, aber seine Familie schreitet ein. Sie besorgt ihm einen Chauffeur, den verkrachten Ex-Polizisten Wilson (Néstor Guzzini), der Kaplan einiges zu verdanken hat.

Brechners Qualitäten als Regisseur erkennt man auch daran, dass er das Kleine wichtig nimmt. Wie er Jacobs Beziehungen zu Frau, Kindern, Enkeln und nun auch zu Wilson in Szene setzt, das wirkt, als ginge es nur darum. Keine Flauheit deutet darauf hin, dass da noch ein großer Hammer fallen muss, dass wir uns nur im Vorspiel eines späten Dramas befinden.

Eine letzte Aufgabe

Aber Kaplan schnappt von seiner Enkelin eine eigentlich belanglose Spöttelei auf. Ein älterer Café-Betreiber am Strand wird von den jüngeren Leuten „der Nazi“ genannt. Nur weiß der Jude Jacob Kaplan eben, dass nicht nur viele Verfolgte des Naziregimes nach Südamerika flohen, sondern nach Ende des Dritten Reiches auch viele Nazis. Es beginnt in ihm zu arbeiten. Er glaubt, vom Schicksal eine letzte, dafür aber große Aufgabe gestellt zu bekommen.

Wie Kaplan und Wilson nun den dubiosen Café-Betreiber ausforschen, das wird eine Don-Quichote-und-Sancho-Pansa-Geschichte, die unser aller Bedürfnis oder Angst, Weltgeschichte nicht nur vorbeiziehen zu sehen, sondern Teil von ihr zu werden, wunderbar veräppelt. Dies ist einer der großen Filme des Sommers, wenn auch einer mit saurem Nachgeschmack.

War da nicht ein Buch?

In Interviews verschweigt Brechner, dass er einen Roman adaptiert hat, „Kaplans Psalm“ von Marco Schwartz. Dass in Deutschland, wo eine Übersetzung des Buchs im Verlag Hentrich & Hentrich vorliegt, auf dem Plakat auf diese Vorlage hingewiesen wird, ist die Ausnahme. Jacob Kaplans Gerechtigkeitssinn geriete da sehr in Wallung.

Señor Kaplan. Uruguay, Spanien, Deutschland 2014. Regie: Álvaro Brechner. Mit Héctor Noguera, Néstor Guzzini. 98 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.