Tragischer Fall in Ludwigsburg Beim Rasermord-Prozess geht es auch um Schmerzensgeld
Fatih Zingal vertritt beim Ludwigsburger Rasermord-Prozess die Angehörigen der getöteten Selin – dabei geht es auch um Geld, das den Schmerz etwas lindern könnte.
Fatih Zingal vertritt beim Ludwigsburger Rasermord-Prozess die Angehörigen der getöteten Selin – dabei geht es auch um Geld, das den Schmerz etwas lindern könnte.
Zwei junge Frauen, die 23-jährige Merve und die 22-jährige Selin, sind am Abend des 20. März in Ludwigsburg ums Leben gekommen, als ein Mercedes der S-Klasse gegen 20 Uhr vor der Aral-Tankstelle an der Schwieberdinger Straße in ihren Ford Focus raste. Das Landgericht Stuttgart beleuchtet im Mordprozess das Geschehen – dabei wird es auch um ein Schmerzensgeld für die Angehörigen gehen.
Die Trauer, der Schmerz und der nur unterschwellig vernehmbare Schrei nach Gerechtigkeit im Gerichtssaal sind groß – das zeigt der bisherige Prozessverlauf. Die wegen des illegalen Autorennens angeklagten G. (32), I. (35) und K. (25) treffen im Beisein der juristisch geschulten Akteure immer wieder auf die Angehörigen der getöteten Frauen. Die Atmosphäre wirkt unversöhnlich – es ist für alle Beteiligten ein belastendes Szenario.
Eine der prägenden Personen ist der Frankfurter Rechtsanwalt Fatih Zingal. Er begleitet die Hinterbliebenen der getöteten Selin beim Prozess. Zingal sagt von sich, er sei kein „kalter“ Anwalt, der Distanz aufbaue. Er erlebe diesen Fall, der ihn nicht unberührt lasse, als „persönlich schwierig“. Im Gerichtssaal merkt man, dass Zingal während der Beweisaufnahme mit Fingerspitzengefühl agiert. Er ist bei den Angehörigen, stellt seine Fragen im Gericht sparsam, verzichtet auf Effekthascherei.
In der Sache will der Rechtsanwalt jedoch die Interessen seiner Mandanten zielstrebig vertreten. „Es ist möglich, innerhalb eines Strafprozesses einen Antrag mit zivilrechtlichen Folgen zu stellen“, erklärt Zingal. Mit diesem sogenannten Adhäsionsantrag könnten die Angehörigen dann auch Schmerzensgeld einfordern. Stimmten die Richter zu, muss nicht noch extra ein Zivilprozess geführt werden.
Die Angehörigen betonen jedoch online, dass die Familien im Prozess nicht auf das Schmerzensgeld aus sind. Es gehe um Gerechtigkeit.
„Notfalls geht man in der Vollstreckung über die Immobilien.“
Fatih Zingal, Rechtsanwalt der Nebenklage
Die Höhe eines Schmerzensgeldes ist nicht immer leicht zu bestimmen. „Jede Summe kann den Verlust eines Lebens nicht aufwiegen“, sagt Fatih Zingal. Wenn aber doch ein Betrag festgelegt werde, müsse man sich an juristischen Kriterien orientieren, wie etwa dem Leid und dem Alter der Opfer, wie schnell deren Tod eingetreten ist, in welcher Beziehung sie zu den Hinterbliebenen standen und was die Tat bei den Angehörigen ausgelöst hat.
Zingal selbst glaubt, dass sich ein Schmerzensgeld in einem solchen Verfahren in einer fünfstelligen Höhe bewegen könnte. Ob ein Schuldspruch wegen Mordes oder fahrlässiger Tötung ergehe, sei in diesem Zusammenhang nicht alles entscheidend, wenngleich die Schwere der Tat berücksichtigt werde. Auf welchen Wegen das Geld später im Falle einer Zahlungsunfähigkeit eingetrieben werden könne, vermöge er nicht zu sagen, erklärt der Anwalt, doch erinnere er sich an eine Zeugenaussage, wonach einer der beteiligten Wagen 60 000 Euro gekostet habe und bar bezahlt worden sei. „Notfalls geht man in der Vollstreckung über die Immobilien.“
Das seelische Leid der Angehörigen spielt in der Rechtsprechung eine stärkere Rolle als früher, teilt der Verkehrsrechtler Christian Gerd Kotz aus dem westfälischen Kreuztal auf seiner Webseite mit. Die psychischen Folgen müssten jedoch weit über das Maß der üblichen Trauerreaktionen hinausgehen. Dazu würden in der Regel Sachverständige gehört.
Mit Schmerzensgeld kann die Traumabewältigung nach einem solchen Verlust besser gelingen. Entscheidend ist nicht immer die Höhe des Betrags, sondern persönlich zu erleben, wie Entschädigung geleistet wird, so der Tenor unter Psychologen. Ohne die Anerkennung fühlten sich Trauernde oft übersehen oder bagatellisiert. Das Schmerzensgeld helfe Betroffenen, den eigenen Schmerz als legitim wahrzunehmen: So werde bestätigt, dass ein schweres Unrecht geschehen ist, und man erlebe sich wieder als handlungsfähig. Auch werde das Opfer in seiner Würde als „nicht vergessen“ wahrgenommen.