Tragischer Unfall bei Formel-2-Rennen Große Bestürzung nach dem Tod von Anthoine Hubert

Von Jürgen Kemmner 

Der Rennsport trauert um den Franzosen Anthoine Hubert. Wie konnte es zu dem schrecklichen Unfall in Spa-Francorchamps kommen?

Der Bruder und die Mutter von Anthoine Hubert trauern an der Strecke Foto: AFP 10 Bilder
Der Bruder und die Mutter von Anthoine Hubert trauern an der Strecke Foto: AFP

Francorchamps - Anthoine Hubert ist am Samstag im Formel-2-Rennen in Spa-Francorchamps tödlich verunglückt. Die Motorsportszene ist tief getroffen und geschockt wegen des Dramas, das sich kurz nach der Kurve Eau Rouge abgespielt hat. Dieser fatale Unfall hat Fahrern, Funktionären und Fans schmerzhaft vor Augen geführt, dass Motorsport in allen Serien trotz modernster Sicherheitsstandards noch immer lebensgefährlich ist. Wir haben die Ereignisse zusammengefasst.

Der schreckliche Unfall Um 17.07 Uhr verliert Anthoine Hubert im Rennen die Kontrolle über seinen Boliden und kracht nach der Eau-Rouge-Kurve in die Begrenzung. Sein Auto wird zurück auf die Strecke geschleudert und vom Fahrzeug von Juan Manuel Correa mit mehr als 200 km/h getroffen. Während sich der US-Pilot überschlägt und im Wagen kopfüber liegen bleibt, zerschellt Huberts Bolide in mehrere Teile. Das Rennen wird abgebrochen. Kurz vor 19 Uhr wird mitgeteilt, dass Hubert um 18.35 Uhr im Medical Centre an der Strecke verstarb. Correa, der in der Klinik in Lüttich liegt, hat sich beide Beine gebrochen und eine Verletzung an der Wirbelsäule zugezogen. Sein Zustand ist stabil.

Der Tag danach Der Mann, der mit einer Abfallzange den Müll im Fahrerlager der Formel 2 aufsammelt, nimmt am Sonntagmorgen seine Mütze ab und verharrt regungslos. Er steht vor dem Teamtruck des Arden-Teams, am Fuß der Treppe zum Auflieger liegen drei Blumensträuße sowie ein Foto von Anthoine Hubert, der keine 24 Stunden zuvor beim Formel-2-Rennen tödlich verunglückt ist. Der kräftige Mann hält etwa 20 Sekunden inne, dann zieht er seine Mütze auf und sammelt wieder Zigarettenkippen und Bonbonpapier ein. Nicht nur er erweist dem Formel-3-Champion von 2018 die letzte Ehre – vor dem Start des Formel-3-Rennens versammeln sich alle Formel-2-Kollegen auf der Start-und-Zielgeraden, um Huberts Mutter und dessen Bruder zu kondolieren. Auch Mick Schumacher reicht beiden traurig die Hand. Das Fahrerlager der Nachwuchsserie ist verwaist. Da das Sonntag-Rennen gestrichen wurde, haben alle Teams gepackt, lediglich die leeren Zelte und die Trucks stehen noch. Im Zelt von HWA-Racelab hängt ein Bild von Hubert, auch am Ausgang des Tunnels, der zu den Fahrerlagern führt, hängt ein Bild des 22-Jährigen. Im Formel-1-Paddock tragen einige Offizielle einen Trauerflor, doch hier geht das Leben weiter – die Vorbereitungen auf den Grand Prix laufen. In Runde 19 des Grand Prix erhoben sich viele Fans zu Ehren von Hubert, dessen Startnummer die 19 gewesen war.

Die bestürzten Reaktionen Nach dem Tod des Renault-Juniors teilen Formel-1-Piloten ihre Bestürzung mit. „Alle Fahrer riskieren ihr Leben, sobald sie auf die Strecke gehen“, schreibt Weltmeister Lewis Hamilton auf Instagram: „Anthoine ist für mich ein Held, weil er dieses Risiko eingegangen ist, um seine Träume zu verwirklichen.“ Das Mercedes-Team sagt eine Pressekonferenz kurzfristig ab. Im Fahrerlager der Formel 2 und der Formel 3 herrscht verzweifelte Fassungslosigkeit – die Youngster können es kaum begreifen, dass einer der ihren nicht mehr lebt. Dass der Tod stets mitfährt, ist ihnen erstmals gnadenlos bewusst geworden, sie kennen solche Tragödien bislang nur aus Filmen oder Büchern und müssen das Unfassbare verarbeiten. „Wir waren im gleichen Alter, haben jahrelang auf der Strecke gegenein­ander gekämpft“, twittert der künftige Renault-Pilot Esteban Ocon und postet ein Foto mit Hubert aus Jugendtagen. „Das Schicksal ist brutal. Der Verlust ist unendlich. Anthoine, wir vermissen dich schon“, schrieb Formel-2-Kollege Mick Schumacher via Twitter. Auch für Timo Glock, von 2004 bis 2012 in der Formel 1 unterwegs und aktuell TV-Experte, ist es der erste Todesfall, den er an der Rennstrecke miterlebt. „Das schmerzt unendlich.“

Die allgegenwärtige Gefahr Am 1. September 1985, fast exakt 34 Jahre zuvor, starb Stefan Bellof in einem Sportwagenrennen nur etwa 100 Meter entfernt, nachdem er in der Eau Rouge mit dem Auto von Jacky Ickx kollidiert war. Der Franzose Hubert ist das erste Todesopfer in einer der Formel 1 vorgeschalteten Nachwuchsserie seit 24 Jahren – am 15. Oktober 1995 verunglückte der Formel-3000-Fahrer Marco Campos in Magny Cours tödlich.