Tragödie vor 70 Jahren Le Mans 1955 – das Inferno des Motorsports
Vor 70 Jahren sind in Le Mans 83 Menschen durch einen havarierten Rennwagen ums Leben gekommen – trotzdem wurde weitergefahren.
Vor 70 Jahren sind in Le Mans 83 Menschen durch einen havarierten Rennwagen ums Leben gekommen – trotzdem wurde weitergefahren.
Alfred Neubauer, der legendäre Rennleiter von Mercedes, hat beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans für jedes seiner drei Autos eine Stoppuhr um den Hals hängen. Doch in jener dunklen Juni-Nacht vor 70 Jahren sind es nur noch zwei Kordeln, die Schlaufe der dritten hängt lose aus der Tasche seines Jacketts. Eine kleine Beobachtung nur, aber sie macht die ganze Brutalität der größten Tragödie in der Geschichte des Motorsports plastisch. Am 11. Juni 1955 hatte Mercedes-Pilot Pierre Levegh 83 Zuschauer mit in den Tod gerissen. Eine apokalyptische Szenerie, die beinahe das Aus für alle Autorennen bedeutet hätte.
Heute erinnert in Le Mans, wo am Wochenende wieder die Vingt Heures gefahren werden, nur noch eine sehr kleine Gedenktafel an den Schrecken. Um 18.26 Uhr ist damals der Traum von der Geschwindigkeit zu einem Alptraum geworden, die Faszination Le Mans wortwörtlich in Flammen aufgegangen. Wochenschaubilder in vollem Breitwandformat lassen das ganze Ausmaß des Schreckensszenarios erkennen, über 100 Menschen werden verletzt.
Wer die Filmschnipsel von damals auf youtube betrachtet, dem springt häufiger das reißerische Wort Blutbad entgegen. Allein, es übertreibt nicht. Die Bilder sind schwer zu ertragen. Ein brennendes Auto, das in eine Menschenmenge fliegt. Ein Motorblock, der auf der überfüllten Haupttribüne einschlägt. Körper stürzen wie Puppen zu Boden, aber es sind echte Menschen. Panik, Chaos und Verzweiflung überall. Die lediglich sechs zur Verfügung stehenden Krankentransporter können wenig ausrichten. Zuschauer müssen sich oder anderen helfen, aber die meisten stehen unter Schock. Ein Priester erteilt die letzte Ölung, während Tote quer über die Piste geschleift oder notdürftig mit abgerissenen Werbebannern zugedeckt werden. Doch das Rennen geht weiter. Unfassbar, immer noch.
Vom Unfall selbst gibt es keine Kamerabilder, nur von den Auswirkungen. Doch der Hergang ist unstrittig. Mike Hawthorn im grünen Jaguar und Juan Manuel Fangio im silbergrauen Mercedes haben schon nach 35 Runden mit ihren Überrundungen begonnen. Auf dem Weg zur Start-Ziel-Geraden tauchten vor den beiden Favoriten der Silberpfeil des Franzosen Pierre Levegh und der blaue Austin-Healey des Briten Lance Macklin auf. Hawthorn, für seinen rüden Fahrstil bekannt, zieht an Macklin vorbei, schert scharf rechts ein und bremst abrupt ab, weil er einen Tankstopp einlegen will. Eine Boxengasse gibt es noch nicht, die Mechaniker warten am Straßenrand.
Hinter dem Jaguar bricht die Hölle los. Macklin ist gezwungen, nach links auszuweichen, doch dort kommt Levegh mit Tempo 240 herangeschossen. Der 49-Jährige, Ersatzmann für den Stuttgarter Hans Herrmann, kann noch den Arm hochreißen und dem nachfolgenden Teamkollegen Fangio ein warnendes Handzeichen geben. Der Argentinier kann so im letzten Moment noch ausweichen. Für den Mercedes von Levegh wirkt das abfallende Heck des Austin wie eine Sprungschanze, das Auto hebt ab, bekommt einen Linksdrall und wird auf einen Erdwall geschleudert. Dort überschlägt sich der Rennwagen, Vorderachse und Motorhaube werden abgerissen und fliegen in die Zuschauermenge.
Ein vernichtender Feuerball entsteht. Die Feuerwehr, die mit Wasser löscht, macht den Brand dadurch noch schlimmer, den der Großteil der Karosserie besteht aus Magnesium. Sicherheitsgurte gibt es nicht, der Pilot schlägt auf dem Asphalt auf und stirbt wenige Minuten nach dem Crash. Der Austin von Macklin wird herumgeschleudert, verletzt und tötet Zuschauer am Pistenrand.
Doch das Rennen wird nicht abgebrochen, wie es dem Anstand und gesunden Menschenverstand entsprochen hätte. Die Veranstalter des 24-Stunden-Rennens rechtfertigen ihren Entschluss damit, dass bei einem Abbruch die 300 000 Zuschauer alle Wege zum Krankenhaus in der Stadt blockiert hätten. Doch da spielte beim Automobile Club de l’Ouest die Angst vor Regressansprüchen mit, der Club wäre wohl Bankrott gegangen, hätte er die Eintrittsgelder zurückzahlen müssen.
Die gefährliche Jagd geht weiter, jenseits der verwüsteten Haupttribüne wissen die wenigsten um das Ausmaß des Unfalls, auch die Fahrer werden bewusst im Ungewissen gelassen. Um zwei Uhr morgens, die Nachricht von Le Mans hat über Ticker die ganze Welt erreicht, bekommt Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer aus der Konzernzentrale in Stuttgart-Untertürkheim die unmissverständliche Order, die Silberpfeile aus dem Rennen zu nehmen. Der Teamchef selbst hatte sich mit seinen Forderungen nach einem Abbruch bei den sturen Franzosen nicht durchsetzen können. Der Rückzug ist die richtige Konsequenz, wenn auch eine mit nachhaltigen Folgen. In Deutschland, Frankreich und Spanien wird unmittelbar nach der Tragödie entschieden, im Jahr 1955 keine Rennen mehr stattfinden zu lassen. In der Schweiz gilt das Rundstreckenverbot sogar noch bis 2022.
Erst über drei Jahrzehnte später, nach zunächst heimlichen Gehversuchen des deutschen Automobilherstellers mit dem Sauber-Rennstall in der Sportwagen-Weltmeisterschaft, entscheidet der hemdsärmelige Mercedes-Chef Werner Niefer, wieder nach Le Mans und später in die Formel 1 zurückzukehren. Er lässt die Autos sogar wieder Silber lackieren, eine mutige Entscheidung. Aber sie hilft Mercedes, das Trauma Le Mans zu bewältigen. Auch wenn es später wieder zu brenzligen Situationen kommt, sich 1999 die Autos von Peter Dumbreck und Mark Webber überschlagen, wie durch ein Wunder aber niemand verletzt wird.
In Le Mans, wo sich die Ermittler 1955 auf die lapidare und konsequenzfreie Ursache „Rennunfall“ verständigen, wird im Anschluss an das Rennen die komplette Start-Ziel-Anlage dem Erdboden gleichgemacht und verbreitert. Der rücksichtslose Unfallverursacher Mike Hawthorn gewinnt das Rennen – was für eine bittere Pointe des Schicksals.