Trainer Alexander Zorniger Der Unverbiegbare

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Bei seinem Vorhaben, den VfB Stuttgart rundzuerneuern, macht der Trainer Alexander Zorniger keine halben Sachen. Seine Mission ist es,  der Mannschaft eine ganz neue Spielkonzeption näherzubringen sowie den Spielern ein neues Denken und eine neue Arbeitsauffassung zu vermitteln.

Der VfB-Trainer Alexander Zorniger nimmt die Dinge gern selbst in die Hand. Foto: Pressefoto Baumann 7 Bilder
Der VfB-Trainer Alexander Zorniger nimmt die Dinge gern selbst in die Hand. Foto: Pressefoto Baumann

St. Gallen - Von hinten dröhnt neben dem Ikea-Möbelhaus die Autobahn Richtung Zürich, von oben scheint diesmal nicht die Sonne, der Himmel ist nach Tagen ungetrübter Sommerhitze wolkenverhangen. Alexander Zorniger verlässt das Trainingsgelände im Industriegebiet von St. Gallen trotzdem als zufriedener Fußballtrainer. „Heute war ein guter Tag“, sagt der Coach des VfB Stuttgart, „denn wenn es nicht so heiß ist, dann springen alle wie die jungen Pferdle.“

Am liebsten wäre es Alexander Zorniger (47), wenn seine Spieler immer so springen würden, egal ob es nun regnet oder ob die Sonne scheint. Denn seine Mission ist es,  der Stuttgarter Mannschaft eine ganz neue Spielkonzeption näherzubringen, den Spielern ein neues Denken, eine neue Arbeitsauffassung zu vermitteln, auf dass es mit dem Verein nach Jahren des Niedergangs wieder aufwärtsgeht. Mehr kann sich ein neuer Trainer nicht vornehmen, wenn er seine erste Stelle in der Fußball-Bundesliga antritt.

An Selbstvertrauen mangelt es Alexander Zorniger nicht

Es ist ein Experiment, das inzwischen bundesweit einiges Aufsehen erregt. Große In­terviews hat Zorniger in den vergangenen Tagen den überregionalen Zeitungen gegeben. Seine Ideen vom modernen Fußball hat er darin ausgebreitet und erklärt, wie er mit dem VfB ans Ziel kommen will. Seine Kernbotschaft wiederholt er noch einmal, als er am Donnerstag nach dem Training vor dem Teamhotel sitzt. Er werde unbeirrt seinen Weg gehen, sagt er, „ich lasse mich nicht verbiegen, nicht von Vorgesetzten, nicht von Fans, nicht von den Medien“.

Dass es Alexander Zorniger nicht an Selbstvertrauen mangelt, das wurde bereits bei seiner Präsentation Ende Juni klar. Mehr als die Hälfte der Vorbereitung liegt nun hinter dem VfB – und inzwischen gibt es keinerlei Zweifel mehr, dass es dem Trainer tatsächlich bitterernst damit ist, alles anders zu machen, als man es in Stuttgart bisher kannte. Als „alternativlos“ betrachtet Zorniger seine Vorgehensweise, und er ist nicht bereit, irgendwelche Kompromisse zu machen.

Mit der Frage nach seinem Image beschäftigt er sich deshalb nicht mehr, seit er einst als Oberligatrainer kurzzeitig im schicken Anzug am Spielfeldrand stand – und schnell gemerkt hat, dass das nicht zu ihm passt. Einen Trainingsanzug trägt er seither über seiner stattlichen Figur, weil er sich als Arbeiter begreift, der die Dinge am liebsten selbst in die Hand nimmt.

Beim Trainingsspiel steht er mittendrin

Wenn man dem VfB bei den Übungseinheiten zuschaut, egal ob im ersten Trainingslager im Zillertal oder nun in St. Gallen, dann fragt man sich, warum der Club eine Heerschar von Betreuern beschäftigt, die in schwarzen Trainingsanzügen auf dem Gelände steht. Das Sagen hat nur einer: Alexander Zorniger.

Eigenhändig verschiebt er Hütchen wie Spieler, mittendrin steht er im Trainingsspiel, während der Ball um ihn herum­rollt. Er ruft regelmäßig laut dazwischen, wenn ihm etwas nicht gefällt. „Im Moment muss ich noch viele Mosaiksteinchen selbst zusammenfügen“, sagt Zorniger. Es werden womöglich auch Zeiten kommen, in denen er sich mehr zurücknimmt und seinen Assistenten das Feld überlässt. Noch aber sei dafür kein Raum. „Ich will den Spielern auf die Nerven gehen. Nur dann lernen sie dazu.“

Zufrieden ist Zorniger damit, wie in den ersten gemeinsamen Wochen alles gelaufen sei. Er habe „das Gefühl, dass unsere Spielweise funktionieren wird“, und er sagt: „Die Spieler machen mir gerade mehr Spaß, als dass sie mich ärgern.“ Wie „ein ausgetrockneter Schwamm“ seien sie zu Beginn gewesen und hätten nur darauf gewartet, dass ihnen ein Trainer etwas Neues beibringt. Manche im Stuttgarter Kader hätten diese Erfahrung „noch gar nicht gemacht“. Nicht zuletzt sie meint der Coach, wenn er davon spricht, dass seine Spieler am Ende ihrer Karriere sagen sollen: Zorniger sei ihr bester Trainer gewesen.

Die Gespenster der Vergangenheit sollen fortbleiben

Allerdings weiß Alexander Zorniger auch, dass die Bewährungsprobe erst noch kommt. Es wird unzufriedene Spieler geben, die sich womöglich fragen, warum sie im Training permanent ihre Kollegen in den Arm nehmen sollen. Und es wird im Falle eines missratenen Saisonauftakts Leute geben, die sich fragen, warum der neue Trainer die Spielweise über den Haufen geworfen hat, die den VfB in den letzten drei Spielen der Vor­saison vor dem Abstieg bewahrt hat – vielleicht auch in den eigenen Reihen. „Unsere Arbeit sollte möglichst schnell mit Ergebnissen unterfüttert werden“, sagt Zorniger, „sonst kommen die Gespenster der Vergangenheit wieder zurück.“

Der Trainer wird alles dafür tun, diese Gespenster zu verscheuchen. Gut drei Wochen bleiben noch bis zum ersten Bundesligaspiel gegen Köln (16. August), darauf ist die ganze Vorbereitung ausgerichtet. Schon eine Woche vorher jedoch geht es bei Holstein Kiel um den Einzug in die zweite Rundes des DFB-Pokals – auch dies ein Spiel von einiger Bedeutung, wie Alexander Zorniger weiß: „Niemand wird im Falle einer Niederlage sagen: Gut so, jetzt können wir uns ganz auf die Bundesliga konzentrieren.“