Trainer der Schweiz vor der EM 2024 Murat Yakin über das Deutschland-Spiel, den VfB und Joachim Löw

Murat Yakin ist seit 2021 Trainer der Schweiz. Foto: imago/Steinsiek.ch//Grant Hubbs

Der frühere VfB-Profi blickt zurück auf seine Zeit in Stuttgart und voraus auf die EM-Endrunde – wobei das letzte Gruppenspiel schon jetzt „für das gewisse Kribbeln“ sorgt.

Sport: David Scheu (dsc)

Die Schweiz geht ohne Frage ambitioniert in die anstehende Fußball-Europameisterschaft, hat aber auch eine holprige Qualifikation hinter sich. Nationaltrainer Murat Yakin (49) spricht über die Erwartungshaltung im eigenen Land, das finale Vorrundenspiel gegen den großen Nachbarn aus Deutschland – und sagt, wie sehr ihn die Zusammenarbeit mit Joachim Löw beim VfB Stuttgart geprägt hat.

 

Herr Yakin, die Schweiz bezieht an diesem Montag ihr EM-Quartier im Stuttgarter Waldhotel. Die Stadt kennen Sie ja schon ganz gut.

Erst kürzlich hatte ich sogar wieder das VfB-Trikot von 1997 in den Händen. Meine Mutter hat die alle gesammelt von den Vereinen, bei denen ich gespielt habe. Da werden dann natürlich immer viele Erinnerungen wach.

Positive?

Absolut. Ich war zwar nur ein Jahr in Stuttgart, aber es ist meine erste Station im Ausland gewesen und schon deshalb sehr prägend. Wir hatten einen super Teamgeist und eine starke Mannschaft. Ich könnte Ihnen noch die ganze Aufstellung nennen, Gerhard Poschner und Zvonimir Soldo waren meine Nebenleute vor der Abwehr.

Und Joachim Löw Ihr Trainer.

Er war schon damals in seiner Anfangszeit sehr komplett. Jogi hat menschliche mit fachlichen Qualitäten vereint und wollte zum Beispiel die Viererkette einführen, wofür die Zeit letztlich noch nicht ganz reif war. Leider musste er damals am Saisonende gehen. Es sagt schon einiges aus, dass ich dann mit ihm zu Fenerbahce Istanbul gewechselt bin. Das offensive Denken hat mir zugesagt.

Ist das auch Ihr Ansatz heute als Coach?

Jedes Spiel entwickelt sich und fordert individuelle Antworten. Aber grundsätzlich mag ich es, mit meinen Mannschaften den Ball zu haben und das Spiel zu gestalten.

Zuletzt in den Qualifikationsspielen zur EM hatten Sie mit der Schweiz aber gelegentlich Probleme in puncto Durchschlagskraft.

Da muss man ein bisschen ausholen. Viele Gegner in der EM-Qualifikation sind gegen uns komplett hintenreingestanden. Bei so wenigen Räumen brauchst du Geduld, auch Routine in den Abläufen. Hinzu kommt, dass wir im vergangenen Jahr gerade in der Offensive viele junge Spieler integriert haben. Denken Sie an Dan Ndoye, Zeki Amdouni, Noah Okafor (Stürmer bei dem FC Bologna, dem FC Burnley und der AC Mailand, Anm. d. Red.). Die können einen Breel Embolo nicht von jetzt auf gleich ersetzen, der jetzt nach seinem Kreuzbandriss ja erfreulicherweise wieder zurückkehrt. Ich bin überzeugt, dass uns die 2023 gesammelten Erfahrungen auf lange Sicht helfen. Und letztlich haben wir uns qualifiziert, das zählt.

Vor allem im vergangenen Herbst war die Stimmung durchwachsen. Es wurde offen über Ihre Zukunft diskutiert.

Die Ansprüche in der Schweiz sind gestiegen. Einige unserer Spieler sind bei internationalen Topclubs aktiv, wir waren zuletzt immer bei der EM und WM dabei und gehen nicht mehr als klassischer Außenseiter in die Turniere. Das merkt man, es gibt im Vorfeld immer viel zu schreiben und kritisch zu beäugen. Aber letzten Endes sind wir doch zugeneigt und begeisterungsfähig, wir freuen uns riesig auf die Europameisterschaft . . .

. . . bei der Sie auch auf Deutschland treffen. Wie schätzen Sie die Mannschaft ein?

Sehr stark. Sie sind wie so oft vor einem großen Turnier rechtzeitig wieder in Fahrt gekommen. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat das richtig angepackt und mutige Entscheidungen getroffen – auch mit den Nominierungen der Stuttgarter Profis. Sie bringen viel Schwung und Intensität von der tollen VfB-Saison mit. Insgesamt hat Deutschland im Kader einen guten Mix aus Frische und Reife, sie gehören für mich zu den Turnierfavoriten.

Ist das Duell mit der DFB-Elf am 23. Juni in Frankfurt etwas Besonderes für Ihr Team?

Ich würde lügen, wenn ich das verneine. Wir haben viele Spieler, die in Deutschland aktiv sind oder waren. Dazu kommen die geografische Nähe beider Länder und die Konstellation, dass es das letzte Gruppenspiel ist und womöglich Entscheidungen fallen. All das sorgt für das gewisse Kribbeln, schon jetzt.

Was ist drin in dem Spiel? Sie sind ja auch alles andere als schwach besetzt, wenn man an Spieler wie Granit Xhaka von Bayer Leverkusen oder Manuel Akanji von Manchester City denkt.

Wir verfügen nicht über die Breite wie Deutschland – haben aber schon gezeigt, dass wir gegen jeden Gegner guten Fußball spielen können. Das trauen wir uns auch in dieser Partie zu und rechnen uns was aus. Klar ist aber auch: Ohne eine Topleistung wird es nicht gehen.

Zuvor treffen Sie auf Ungarn und Schottland. Wie schätzen Sie die Gruppe A insgesamt ein?

Wir sind sicher in der Lage, gegen diese Mannschaften Dominanz zu entwickeln. Aber das alleine reicht nicht, am Ende musst du auch Tore erzielen. Das ist ein Schwerpunkt in der Vorbereitung bis zum Turnierstart.

Ist das Achtelfinale das Minimalziel?

Viele hier erwarten das, aber jedes Spiel muss erst gespielt werden. Keine Mannschaft hat die EM-Teilnahme geschenkt bekommen, alle haben ihre Qualitäten. Wir geben keine offizielle Messlatte aus, sind aber natürlich sehr ambitioniert.

Ihr Vertrag läuft nach der EM aus, die Zukunft ist offen. Würden Sie sich im Vorfeld Klarheit wünschen?

Nein. Es war auch mein Wunsch, so wie es jetzt ist. Ich bin ein Fan des Leistungsprinzips, man muss sich im Profifußball immer wieder neu beweisen. Das gegenseitige Interesse an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit ist vorhanden, aber wir wollen uns nicht schon festlegen. Jetzt zählt nur die EM.

Siebenfacher Schweizer Meister

Spieler
Murat Yakin (49) begann seine Profikarriere bei den Grasshoppers Zürich. 1997 zog es ihn zum VfB Stuttgart, mit dem er in der Bundesliga Vierter wurde. Weitere Stationen führten den Defensivspieler mit türkischen Wurzeln zu Fenerbahce Istanbul, zum 1. FC Kaiserslautern und zum FC Basel. Yakin wurde in der Schweiz fünfmal Meister und 2002 Fußballer des Jahres, 2004 nahm er mit den Eidgenossen an der EM teil.

Trainer
Seine erfolgreichste Zeit als Trainer hatte Yakin beim FC Basel, mit dem er 2013 und 2014 den Titel holte. Nach der EM 2021 übernahm er das Schweizer Nationalteam, zuletzt war bei der WM im Achtelfinale Schluss.

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