VfB-Chefcoach Sebastian Hoeneß gilt als aufstrebender Star der Trainerriege – auch nach Ansicht der Bosse des FC Liverpool. Foto: IMAGO (2)/Ulrich Wagner, NurPhoto
In seinen drei Jahren beim VfB hat sich der 43-Jährige zu einem international gefragten Toptrainer entwickelt. Auch an der Anfield Road beschäftigt man sich mit ihm.
Keine Frage, Sebastian Hoeneß ist einer, der sich auch auf der internationalen Fußballbühne zu bewegen weiß. Also zeigte sich der Stuttgarter Cheftrainer in dieser Europa-League-Runde regelmäßig auch dann noch in Topform, als die Arbeit an der Seitenlinie längst getan war: Vor den Mikrofonen der ausländischen Kamerateams und Reporter erklärte Hoeneß in bestem Englisch seine taktischen Kniffe – oder analysierte eloquent und fachmännisch die Stärken und Schwächen der Auftritte des VfB.
An einer Sprachbarriere würde ein mögliches Engagement von Hoeneß außerhalb der Bundesliga also gewiss nicht hängen bleiben. Doch ist der VfB-Erfolgstrainer, dessen Ansehen in seinen bald drei Jahren bei den Cannstattern enorm gestiegen ist, auch schon reif, einen Topclub in der englischen Premier League zu trainieren? Dies ist die Frage, mit der man sich in und um die Liverpooler Anfield Road beschäftigt.
Denn bei den Reds, seit 2024 in der Nachfolge von Club-Ikone Jürgen Klopp vom Niederländer Arne Slot trainiert, läuft es derzeit nicht rund. Das 1:2 am Wochenende bei Brighton & Hove Albion war bereits die zehnte Saison-Niederlage des FC Liverpool in der Liga. Die Qualifikation für die Champions League droht dem amtierenden Meister zu entgleiten. Dass Slot trotz eines Vertrages bis 2027 gehen muss, scheint für die meisten Experten daher ausgemachte Sache.
Xabi Alonso, rechts neben Kapitän Steven Gerrard, gewinnt 2005 mit dem FC Liverpool die Champions League. Foto: Imago/Sportimage
Als so genannter „Top Dog“, also der Spitzenkandidat auf den Posten des Cheftrainers im Fall einer Slot-Entlassung, gilt in Liverpool aktuell Xabi Alonso. Der ist als Welt- und Europameister seit seiner aktiven Karriere ein Weltstar – und gewann mit den Reds 2005 die Champions League, besitzt also auch Stallgeruch. Zudem hat Alonso mit Bayer Leverkusen bereits eine nationale Meisterschaft in einer der großen europäischen Ligen geholt, auch wenn sein halbjähriges Engagement bei Real Madrid zuletzt ein großes Missverständnis gewesen ist.
Doch auch der Name Sebastian Hoeneß befindet sich auf der Kandidatenliste des FC Liverpool. Zwar hinter Alonso, aber doch sehr weit oben. Nicht nur „The Athletic“ berichtet darüber, dass der VfB-Cheftrainer auf der Insel ohnehin „viele Bewunderer seiner Arbeit“ habe.
So gilt Hoeneß wie einst Slot, der zuvor Feyernoord Rotterdam trainierte, inzwischen aus Sicht europäischer Spitzenvereine als ein aufstrebender Star der Branche, der mit seinem offensiv geprägten und taktisch variablen Spiel den Zeitgeist im modernen Fußball voll treffe. Zudem, so das Urteil, könne Hoeneß junge Spieler besser machen, was sich etwa an der deutlich gestiegenen Anzahl der Nominierungen von Stuttgartern für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ablesen lässt.
Bei seiner ersten Bundesligastation arbeitete Trainer Sebastian Hoeneß zwischen 2020 und 2022 für die TSG Hoffenheim. Foto: imago/Revierfoto
Dass über Hoeneß‘ Arbeit und eine mögliche Verpflichtung auf der Insel schon länger ernsthaft diskutiert wird, zeigt, dass der Trainer zu einem Kandidaten für höhere Aufgaben gereift ist. Vor seiner Zeit beim VfB stand derweil nur ein vorzeitig beendetes Engagement bei der TSG Hoffenheim, sein erstes in der Bundesliga. Wenn einer wie der Stuttgarter Chefcoach einen Abstiegskandidaten binnen kurzer Zeit zur Vizemeisterschaft sowie in die Champions League führe - und diesen Erfolg dann auch noch mit dem Pokalsieg und weiteren Qualifikationen für den Europapokal bestätige, dann sei es nur logisch, dass dieser Trainer stark nachgefragt ist, heißt es an der Mercedesstraße clubintern.
Klar ist aber auch, dass sich Hoeneß aktuell voll auf die „Crunchtime“, wie er es nennt, also die heiße Finalphase der Saison mit dem VfB fokussiert. Weil sich seine Spieler bis Ende der Woche mit individuellen Trainingsplänen quasi im Homeoffice fit halten, lädt der Trainer und Familienvater, der unlängst aus dem Aichtal an den Stuttgarter Stadtrand gezogen ist, derzeit seine Akkus auf.
In der Bundesliga will der ehrgeizige Chefcoach in den letzten sieben Saisonspielen als aktueller Dritter wie vor zwei Spielzeiten einen Champions-League-Platz holen; im Pokal ist der erneute Einzug ins Finale im Heimspiel gegen den SC Freiburg am 23. April das nächste Ziel. Der Trainer, so heißt es aus seinem Umfeld, lebe also voll im Hier und Jetzt.
Neu sind Gedankenspiele über einen möglichen Abgang von Sebastian Hoeneß beim VfB aber nicht. Beim letzten Mal, als er vor genau einem Jahr als Nachfolger von Xabi Alonso in Leverkusen gehandelt wurde, konterte er mit seiner auf der Mitgliederversammlung viel umjubelten Vertragsverlängerung bis Sommer 2028. Da Hoeneß in seinen Vertrag keine Ausstiegsklausel verankern ließ, sitzen die VfB-Bosse um Clubchef Alexander Wehrle und Sportvorstand Fabian Wohlgemuth weiterhin am Steuer. Ohne eine Ablöse ginge daher nichts.
Eine offizielle Anfrage aus Liverpool ist an der Mercedesstraße bislang auch nicht eingegangen. Bleibt Arne Slot oder kommt Xabi Alonso als neuer Chefcoach an die Anfield Road, was die wahrscheinlichsten Szenarien nach aktuellem Stand sind, dann wird sie auch nicht eintreffen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Der VfB besitzt einen Cheftrainer, der verstärkt das Interesse anderer Vereine auf Topniveau auf sich zieht.