Trainer des VfB Stuttgart Warum der VfB mit Bruno Labbadia einen Neustart wagt

Mit Bruno Labbadia als Trainer soll es für den VfB Stuttgart in der Bundesliga wieder nach oben gehen. Foto: Imago/Contrast/O.Behrendt

Ohne den Klassenverbleib ist alles nichts beim VfB Stuttgart – weshalb die Clubführung in der Trainerfrage auf einen alten Bekannten vertraut. Das birgt auch ein Risiko.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Er ist zurück. Bruno Labbadia wird wie erwartet neuer Trainer des VfB Stuttgart. Und ein Teil der Fans wird wohl eher formulieren, dass der 56-Jährige wie befürchtet zum offiziellen Nachfolger von Pellegrino Matarazzo ernannt worden ist. Bis vor wenigen Tagen hätten sie sich niemals vorstellen können, dass Labbadia wieder an der Mercedesstraße die Mannschaft ihres Herzensvereins anleitet. Doch der Bundesligist steckt voll im Abstiegskampf, und beim Blick auf die Fußballlehrer mit dem größten Retter-Know-how ist die Clubführung an Labbadia hängen geblieben.

 

Zweifellos ist Labbadia ein Abstiegskampf-Experte. Er hat es bisher immer geschafft, seinen Teams in kurzer Zeit Beine zu machen und sie auf den Klassenverbleib einzuschwören. Anstrengend verläuft das mit dem gebürtigen Darmstädter, weil er höchste Anforderungen an die Spieler und sich selbst stellt. Labbadias Mannschaften zählen in der Regel zu den konditionell besten. Diese Stärke legt seiner Überzeugung nach die Basis für ein erfolgreiches Spiel – und für die Stuttgarter ist es sicher kein Nachteil, mehr rennen zu können als die Gegner.

Stuttgart eine sehr wichtige Station

„Der VfB ist bekanntermaßen nicht irgendein Club für mich“, sagt Labbadia, „in Stuttgart habe ich über fast drei Jahre eine sehr wichtige Phase meiner Trainerkarriere verbracht und möchte nun dazu beitragen, dass der VfB in der Bundesliga bleibt.“ Dennoch schwingt bei zahlreichen Anhängern in Zusammenhang mit dieser Verpflichtung Skepsis mit. Weil sie sich einen anderen VfB wünschen und nun in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen. Labbadia, der einen Vertrag bis 2025 erhält, verkörpert in Stuttgart keinen neuen Weg wie ihn der geschiedene Sportdirektor Sven Mislintat in den großen Linien gerne skizziert hat.

Labbadia steht für Pragmatismus und Zielerreichung – und genau dafür hat sich der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle entschieden: „Bruno hat auf allen Stationen nachgewiesen, dass er Mannschaften stabilisieren und verbessern kann. Wir befinden uns sportlich mit Platz 16 in einer sehr schwierigen Situation, in der wir genau diese Fähigkeiten dringend benötigen.“

Ohne den Klassenverbleib ist alles nichts. Weshalb beim VfB nun eine Zeitenwende anbricht. Es geht – zumindest vorläufig – nicht mehr um Entwicklung und Zukunftspläne. Es zählen vor allem Ergebnisse, die den Club vor dem erneuten Absturz in die Zweitklassigkeit bewahren sollen. Mit Mislintat und einem beförderten Michael Wimmer als Alternative hätte es diese Aussicht ebenfalls gegeben. Ohne Mislintat, der den Interimstrainer protegiert, erschien dem VfB das Risiko mit dem Matarazzo-Assistenten jedoch zu groß. Jetzt verlässt Wimmer den Verein. Sein Vertrag wird aufgelöst. Als Co-Trainer kommen Bernhard Trares und Benjamin Sachs dazu, Günter Kern übernimmt den Part des Athletiktrainers.

Mit Labbadia und dem neuen Sportdirektor Fabian Wohlgemuth (Vertrag bis 2025) vertrauen die Stuttgarter nun in der sportlichen Leitung auf eine Kombination, die im Trainerbereich Erfahrung größer schreibt als zuletzt, und im Management den VfB mit innovativen Ideen und gewieften Transfers vorwärtsbringen soll. Dennoch bleibt die Wasenmission ein Drahtseilakt, und so reizvoll die Herausforderung für das VfB-Duo ist, so unterschiedlich sind ihre Ausgangslagen.

Das zweite Engagement ist anders

Wohlgemuth kommt vom Zweitligisten SC Paderborn, genießt unter Kennern in der Fußballbranche einen guten Ruf, für die breite Öffentlichkeit ist der 43-Jährige jedoch eine unbekannte Größe. Er kann beim VfB also seine eigene Geschichte schreiben. „Ich kenne Bruno Labbadia als akribisch arbeitenden Fachmann, der seine Entscheidungen mit kühlem Kopf trifft“, sagt Wohlgemuth, der den Übungsleiter während der gemeinsamen Zeit beim VfL Wolfsburg erlebte.

Labbadia ist ein Kind der Bundesliga – erst als emotionsgeladener Stürmer, später als erfolgreicher Trainer, der jedoch häufig vor Vertragsende gehen musste. Ihn kennt man. Nach Stuttgart kehrt Labbadia jedoch sicher als ein anderer Coach zurück als der, der er während seines ersten Engagements zwischen 2010 und 2013 hier war. Gelassener. Und die Voraussetzungen beim Traditionsverein von 1893 haben sich ebenfalls grundsätzlich verändert. Damals wähnte sich der VfB als dauerhafter Champions-League-Aspirant, der nur versehentlich in den Abstiegskampf geraten war. Der Ex-Profi sollte das bei schrumpfenden Personaletat korrigieren. Das zehrte auf Dauer an den Nerven aller Beteiligter.

Der VfB steckt aktuell zwar wieder in einer prekären Lage, aber er ist nicht mehr als ein Abstiegskandidat mit überschaubaren Mitteln – und das seit Langem. Labbadia weiß also, worauf er sich einlässt. Für ihn ist es nach fast zwei Jahren Pause (zuletzt Hertha BSC) auch die Chance, in ein Geschäft zurückzukehren, dass er so leidenschaftlich betreibt. Und er wird dabei auf ein junges Team treffen, dem Fachleute weiter Talent und Potenzial attestieren. Stressresistenz gehört jedoch nicht zwingend zu den Tugenden der VfB-Elf. Labbadia soll sie ihr schnell vermitteln, denn mit dem alten Bekannten wollen die Stuttgarter einen Neustart hinlegen.

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