Herr Bitter, haben Sie sich in Stuttgart schon eingelebt?
Ja, absolut. Meine Familie und ich fühlen uns wohl in der Region und schon sehr gut aufgehoben. Dazu bietet der Verein ein fantastisches Umfeld, in dem man sich sofort zurechtfindet. Sie sehen also: Es gibt bisher wirklich überhaupt nichts zu meckern.
Wie haben Sie Allianz MTV Stuttgart denn bislang erlebt?
Als höchst professionell – und doch auch sehr familiär. Das ist eine Mischung, die es nicht oft gibt im Leistungssport.
Zuletzt waren Sie Cheftrainer bei Schwarz-Weiß Erfurt – und eher Mädchen für alles. Haben Sie nun mehr Freiheiten für Ihren eigentlichen Job?
Hier in Stuttgart werden einfach viele Dinge von vorneherein mitgedacht – von Personen, die schon seit Jahren genau dafür hier sind. Ich muss mich nicht um den Bus für das Auswärtsspiel kümmern oder das Hotel. Das gibt mir die Ruhe, mich auf die für einen Trainer eigentlich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Auf das Training, die langfristige Planung, den Volleyball, den wir spielen wollen, das Führen von Mannschaft und Staff.
Als Sie sich für Stuttgart entschieden haben, war allerdings noch nicht klar, dass Sie auch wirklich der Cheftrainer sein werden. Dann hat sich Tore Aleksandersen aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme zurückgezogen . . .
. . . und ich habe mich von diesem Moment an in die neue Rolle gestürzt, habe auch erst dann aktiv Kontakt zu den Spielerinnen gesucht. Ich hatte zuvor ja stets erklärt, dass ich mich für beide Aufgaben – Co-Trainer von Tore oder Chefcoach – bereit fühle.
Stehen Sie mit Tore Aleksandersen in Kontakt? Er sollte ja eventuell parallel zu seiner Krebstherapie in einer beratenden Rolle weiter für den Club tätig sein.
Ja, wir haben Kontakt zueinander und ich bin auch dankbar für seine Unterstützung. Grundsätzlich ist es so: Er ist da und steht zur Verfügung – und es liegt an uns, darauf zurückzugreifen, bis jetzt haben wir da einen guten und gesunden Austausch. Tore hat aber auch selbst gesagt: Wir müssen jetzt unseren eigenen Weg finden und diesen mit Selbstbewusstsein gehen. Auch das machen wir.
Wie ist die Mannschaft mit der neuen Situation umgegangen?
Natürlich haben sie alle viel mit Tore erlebt und dadurch ein emotionales Verhältnis zu ihm aufgebaut. Das ist die menschliches Seite, das wird auch bleiben. Rein sportlich gesehen hatte ich das Gefühl, dass es für die Spielerinnen das Wichtigste war, dass Klarheit herrscht, dass sie wissen, wer welche Rolle hat. Das haben wir dann klar kommuniziert. Nun beginnt eine neue Zeit, und wir wollen gemeinsam das Beste daraus machen.
Was fasziniert Sie selbst eigentlich am Job des Cheftrainers?
Zu allererst: Ich arbeite mit Menschen zusammen und darf ihnen dabei helfen, Erfolge zu feiern. Wenn das gelingt, ist das für mich die größte Bestätigung, das ist das Schönste auf der Welt. Zudem ist es ein Job, in dem ich mich den ganzen Tag mit Sport beschäftigen kann, der emotionale Momente bereithält und in dem ich mich und andere auch weiterbilden kann. Mit jedem Menschen, den ich neu kennenlerne, verändere ich mich ja ein Stück weit. Das finde ich extrem spannend, das macht viel Spaß.
Nun haben Sie ein neues Team kennengelernt. Was ist möglich mit der MTV-Mannschaft?
Wir befinden uns nach wie vor in einem Prozess. Aufgrund der zahlreichen Einsätze unserer Nationalspielerinnen haben wir ja mit einer kleinen Gruppe begonnen. Im Laufe der Zeit kamen dann immer wieder Spielerinnen hinzu, das hat die Dynamik stets verändert. Seit Dienstag sind wir nun komplett – und ich kann sagen: Alle arbeiten gut mit, sind super professionell, sehr offen und wollen an die Stuttgarter Erfolge anknüpfen. Wohl wissend, dass dies harte Arbeit voraussetzt.
Gewinnt die Mannschaft wieder Titel in dieser Saison?
So weit will ich aktuell noch nicht schauen. Aufgrund der beschriebenen Umstände geht es erst einmal darum, dass wir unseren Rhythmus finden. Ich bin überzeugt, dass es gut werden kann, aber klar ist auch: Dieser erste Monat der Saison ist für uns wie eine zweite Vorbereitung. Die müssen wir nutzen, um dann als eingespielte Mannschaft unsere Qualität zeigen zu können.
Um den ersten Titel, den Supercup, geht es aber schon in rund einer Woche.
Und ein Spiel, in dem es einen Titel zu holen gibt, wollen wir natürlich auch gewinnen. Wir werden alles dafür tun, aber wir müssen sehen wie groß die Hypothek ist, dass wir so spät komplett waren. Generell sage ich aber: Diese Mannschaft hat alles, was es braucht, um in allen Wettbewerben erfolgreich zu sein.
Ihr Hauptwettbewerb ist die Bundesliga – in der einige Vereine zuletzt wieder mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten. Ohnehin treten nur zehn Vereine im Oberhaus an. Wie groß sind Ihre Sorgen mit Blick auf die Lage der Liga insgesamt?
Natürlich beobachte ich eine solche Entwicklung nicht mit einem lachenden Auge. Entscheidend ist für mich aber, dass die richtigen Schlüsse für die Zukunft gezogen werden. Wir dürfen den Moment nicht verpassen, in dem noch ein Umschwung möglich ist. Generell glaube ich, dass es im Volleyball genügend kompetente Leute gibt, die sich dafür einsetzen können, nicht zuletzt in unserem Verein.
Haben Sie eigene Ideen?
Ich denke, dass man sich ein Stück weit vom eigentlichen Masterplan verabschieden und einen neuen Plan entwickeln muss, der Geschehnisse wie die Corona-Zeit, die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine oder die Energiekrise berücksichtigt. Da darf man nicht stur bleiben.
Wie könnte ein solcher Plan aussehen?
Es ging zuletzt stets um eine Professionalisierung der Liga. Das ist nicht falsch, die Anforderungen sind aber sehr hoch. Aktuell sollten wir aber eher schauen, dass es für mehr Vereine wieder möglich ist, in der Bundesliga mitzuspielen. Ich spiele mit Allianz MTV Stuttgart doch lieber gegen einen aktuellen Zweitligisten, der dann wieder in Liga eins dabei ist. Das ergibt mehr Spiele – und ich kann die eine oder andere Entwicklung, zum Beispiel bei jungen Spielerinnen, auch vorantreiben.
Das Leistungsgefälle könnte riesig sein.
Womöglich, aber es wird in allen Tabellenregionen einen Wettbewerb zwischen diversen Clubs geben. Und eine Auf- und Abstiegsregelung ergibt dann auch wieder einen Sinn. Wenn immer nur die acht Besten untereinanderspielen, ist das auch nicht gut, und die Play-offs verlieren an Wert.