Trainer von Frisch Auf Göppingen Ben Matschke: „Wir müssen die Infrastruktur deutlich professionalisieren“

Kommunikativer Trainertyp: Ben Matschke im Gespräch mit seinen Spielmachern Elias Newel und Ole Pregler (v. li.). Foto: Baumann

Trainer Ben Matschke spricht vor dem Handball-Bundesligaheimspiel von Frisch Auf Göppingen gegen den SC Magdeburg über die Entwicklung seines Teams und die schlechten Rahmenbedingungen.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen empfängt am Ostersonntag (18 Uhr/EWS-Arena) den amtierenden Champions-League-Sieger und designierten deutschen Meister SC Magdeburg. Frisch-Auf-Trainer Ben Matschke schätzt die Lage ein.

 

Herr Matschke, gibt’s was Schöneres, als nach vier Siegen in Serie die Übermannschaft der Liga zu empfangen?

Es ist eine sehr schöne Momentaufnahme. Die Aussicht am Sonntag den SC Magdeburg in ausverkaufter Halle zu fordern, ist sehr motivierend. Wir freuen uns, dass sich unsere positive Entwicklung nun auch an den Ergebnissen ablesen lässt.

Weil es sonst geheißen hätte, wie kann der Verein seinen besten Rückraumspieler in der EM-Pause im Tausch mit Ole Pregler zum VfL Gummersbach ziehen lassen?

Das kannst du ja nur machen, wenn du auch überzeugt von den Alternativen bist. Wir haben uns bewusst für die Entwicklung unserer Zukunft entschieden, als auf kurzfristige Qualität. Wenn es dann tatsächlich so eintritt, sich Elias Newel so toll entwickelt, genauso Oskar Neudeck, wir mit unseren Spielmachern in der Deckung gut stehen und keinen Angriff-Abwehr-Wechsel vornehmen müssen, dann ist das natürlich eine schöne Bestätigung.

Frisch Auf hat nach 26 Spielen jetzt schon 24 Pluspunkte. So viele waren es in der vergangenen Runde am Saisonende.

Es bestätigt uns in unserer täglichen Arbeit und täglichen Kommunikation und dokumentiert, dass wir als Mannschaft gewachsen sind. Wir leben von unserem Kollektiv, wir haben unfassbar tolle Charaktere im Team, die sich als Mannschaftsspieler definieren. Wir kompensieren etwa weniger Erfahrung über die Geschlossenheit in unserer Mannschaft.

In der ein Mann wie Oskar Sunnefeldt seit seiner Vertragsverlängerung sehr wenig Spielanteile hat. Warum?

Das hat mit der Vertragsverlängerung nichts zu tun. Wir haben jetzt vier Siege in Folge und auch andere Spieler haben sich toll entwickelt. Es ist eine Herausforderung, 16 Spielern dauerhaft mit fairen Spielanteilen gerecht zu werden. Alle Spieler wollen sich anbieten und Chancen bekommen. Oskar soll künftig verstärkt auch im Innenblock decken. Das wird ihn und uns über Dauer weiterbringen. Er ist ein wichtiger, universell einsetzbarer Spieler für uns.

Zurück zum Spiel gegen den SCM, mit dem Frisch Auf welche Gemeinsamkeit hat?

(überlegt lange) Im März haben beide Teams alle ihre Bundesligaspiele gewonnen.

Stimmt, aber Sie und Ihren Magdeburger Kollegen Bennet „Benno“ Wiegert verbindet ihre Doppelrolle als Trainer und Sportlicher Leiter in Personalunion.

(lacht) Hinzu kommt, dass wir uns sehr gut verstehen.

Der Glückwunsch zur deutschen Meisterschaft an ihn ging schon raus?

Das nicht. Aber die Chemie stimmt wirklich außerordentlich gut zwischen uns. Wir sind der gleiche Jahrgang und haben praktisch gleichzeitig unsere Arbeit begonnen – er in Magdeburg, ich bei den Eulen Ludwigshafen. Schon zu dieser Zeit haben wir uns regelmäßig ausgetauscht, auch über die Doppelfunktion.

Sie üben diese seit Saisonbeginn aus. Was hat sich für Sie verändert?

Ich muss immer wieder reflektieren, wo und wie ich meine Zeit am sinnvollsten einsetze für den Verein. Ich muss lernen, klar zu delegieren. Nicht nur an meinen Staff, sondern auch an meine Mannschaft, speziell die Führungsspieler.

Im Gegensatz zu Wiegert sind Sie nach wie vor als Oberstufen-Lehrer für BWL und Sport am Wirtschaftsgymnasium in Schwetzingen tätig?

An einem Vormittag in der Woche, ja. Ich profitiere davon, ich komme dadurch an so viele KI-Tools oder neue pädagogische Ansätze heran, die mir helfen und dadurch auch dem Club zur Verfügung stehen. Das ist eine klassische Win-Win-Situation. Aber Bennos persönliche Entwicklung und Vision ist schon bemerkenswert.

Was meinen Sie konkret?

Benno hat in Magdeburg eine „Mia-san-mia“-Mentalität geschaffen, wie man es sonst nur von den Bayern-Fußballern kennt. Hinzu kommt diese klare Philosophie, dieses klare Konzept. Er ist schon vor zehn Jahren den Weg gegangen, mit kleineren, eins-gegen-eins starken Spielern anzutreten, weg von den Rückraumshootern. Wir bei Frisch Auf haben genauso eine Idee, einen Plan, was den Kader betrifft. Jetzt gilt es, diese Identität weiter und weiter zu formen und zu entwickeln.

Setzt viel auf Kommunikation: Frisch-Auf-Trainer Ben Matschke Foto: Baumann

Wo wollen Sie hin mit Frisch Auf?

Das hängt ganz stark davon ab, wie es uns gelingt, die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen. Wenn wir weiter Eigengewächse integrieren wollen, brauchen wir beste Trainingsbedingungen, die haben wir aktuell noch nicht. Die Halle steht uns nur unzureichend zur Verfügung. Da ist schon viel Organisation und Kompromissbereitschaft gefragt.

Das heißt?

Dass wenn wir mit unserer zukunftsfähigen Mannschaft, die im Kern die nächsten Jahre zusammenbleibt, vorankommen wollen, müssen wir die Infrastruktur deutlich professionalisieren, wie das bei anderen Bundesligisten gang und gäbe ist. Dazu bedarf es eines Commitments von Stadt, Hauptsponsoren, Investoren, Wirtschaftskreis und Geschäftsführung. Es braucht einen Schulterschluss von allen Beteiligten – nach dem Motto: wir packen es an, wir glauben an die Geschichte. Da geht es um Dinge, die die nächsten 20 Jahre diesem Standort helfen.

Geschäftsführer Gerd Hofele sagt, das Ziel von Frisch Auf muss es immer sein, international zu spielen. Sehen Sie das auch so?

Wir haben eine junge, ehrgeizige Mannschaft mit einem fantastischen Publikum im Rücken. Wichtig ist, den ersten Schritt vor dem zweiten zu machen, was konkret bedeutet, dass wir neben der Weiterentwicklung unserer Mannschaft die Infrastruktur – wie schon gesagt – weiter professionalisieren müssen.

Zum Wachstum braucht es auch die finanziellen Mittel.

Das geht damit einher. Wenn du präsent bist, wenn du ein Trainingszentrum hast, wenn du ein sportlich attraktives Konzept darstellst, dann gewinnt das Projekt an Charme. Das Umfeld nimmt dich positiver war, mögliche neue Sponsoren wollen Teil dieser Geschichte, dieser Entwicklung sein, dann bist du im Gespräch. Aber sportlich wollen wir mit einer hungrigen Mannschaft den Grundstein legen.

Zur Person

Karriere
Benjamin „Ben“ Matschke kam am 19. Juli 1982 in Heilbronn zur Welt. Als Kind spielte er zunächst Fußball beim VfR Heilbronn. Mit Handball begann er im B-Jugend-Alter beim TSV Weinsberg. Drei Jahre lang spielte Matschke in Weinsberg unter Trainer Thomas König in der Oberliga. Gemeinsam mit König wechselte er 2003 zum TV Kornwestheim in die zweite Liga. In der Saison 2004/05 spielte Matschke mit einem Zweitspielrecht für den VfL Pfullingen in der Bundesliga. Weitere Stationen als Spieler waren HBR Ludwigsburg und TSG Friesenheim (heute Eulen Ludwigshafen). Mit den Eulen feierte er 2010 den Bundesliga-Aufstieg. Trainerstationen: TV Hochdorf (2013 bis 2015), TSG Friesenheim (2015 bis 2021), HSG Wetzlar (2021 bis November 2022). Seit 1. Juli 2024 ist er Trainer bei Frisch Auf Göppingen, seit der Saison 2025/26 auch formal in einer Doppelrolle als Sportlicher Leiter tätig.

Persönliches
Matschke ist an einem halben Tag in der Woche Lehrer an einem Wirtschaftsgymnasium in Schwetzingen für die Fächer BWL und Sport. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. (jüf)

Weitere Themen