Vom Überraschungskandidaten zum neuen Trainer beim VfB Stuttgart: Hannes Wolf, der Jugendtrainer von Borussia Dortmund, nimmt das Engagement als Chefcoach beim VfB Stuttgart an.

Stuttgart - Als die Traube der Journalisten nach der Partie des VfB Stuttgart gegen Eintracht Braunschweig (2:0) um ihn herum immer größer wurde, entschied sich Jan Schindelmeiser zur Flucht nach vorn – oder besser gesagt: nach oben. Also erklomm er in den Katakomben der Mercedes-Benz-Arena das Podium und sagte das, was da keine Überraschung mehr war. „Ich kann bestätigen, dass wir am Mittwoch um 14 Uhr einen neuen Trainer vorstellen werden. Es ist Hannes Wolf.“

Hannes wer?

Nicht Markus Gisdol, nicht André Breitenreiter, nicht ein anderer erfahrener Recke auf dem Trainerstuhl machte das Rennen um den Chefposten in der Stuttgarter Coachingzone. Sondern Hannes Wolf, gerade einmal 35 Jahre alt, der seit 2009 und bis heute nur Jugendmannschaften von Borussia Dortmund betreut hat. Wolf saß am Dienstag bereits im Stadion, an diesem Mittwoch soll er das Training auf dem Wasen leiten und die Mannschaft auf die Partie am Freitag in Bochum vorbereiten. „Wir halten ihn für die ideale Besetzung – aktuell und für die Zukunft“ , sagte Schindelmeiser.

Im Laufe des Dienstags war die Nachricht von der Verpflichtung des Dortmunders durchgesickert, der eigentliche Plan, erst nach Abschluss der englischen Woche die Neuordnung auf dem Trainingsplatz zu vollziehen, war nicht mehr zu halten. Und von der ursprünglichen VfB-Argumentation war ebenfalls nichts mehr übrig.

Vor allem vor Saisonbeginn, aber auch noch in den vergangenen Tagen hatte es im roten Haus geheißen, dass man einen erfahrenen Trainer brauche, der sich in der zweiten Liga auskennt und nach Möglichkeit auch weiß, wie man in die Bundesliga aufsteigen kann – das erklärte Stuttgarter Ziel in dieser Saison. Auf Wolf treffen diese Eigenschaften nicht zu – dafür sind seine Erfolge im Nachwuchsbereich beachtlich.

So holte er mit den verschiedenen Dortmunder Jugendteams zuletzt dreimal nacheinander die deutsche Meisterschaft. Wolf gilt fachlich als kompetent und als detailversessen. Das waren Referenzen, die Schindelmeiser und den VfB überzeugten. „Wir brauchen hier einen Trainer, der Spaß und eine Aufbruchstimmung vermittelt“, sagte der Aufsichtsratschef Martin Schäfer am Dienstag vor dem Anpfiff und bestätigte schon da die Vorstellung des Neuen.

Lose Kontakte nach Stuttgart

Den verbinden zumindest lose Kontakte nach Stuttgart. VfB-Stürmer Daniel Ginczek („Er ist emotional“) gehörte einst zu seinen Schützlingen, seine Trainerlizenz hat Wolf im Jahr 2012 erworben. In seinem Lehrgang waren unter anderen die früheren Nationalspieler Stefan Effenberg und Mehmet Scholl – aber auch Michael Gentner (Nachwuchstrainer beim VfB), Sebastian Gunkel (Trainer der VfB-Regionalligamannschaft) und Alexander Zorniger. Der Ex-VfB-Coach war damals Lehrgangsbester. Zornigers Mission bei den Roten endete in der vergangenen Saison bereits nach wenigen Monaten. Dann wurde er entlassen. Hannes Wolf soll es besser machen.

Dabei hat man in Stuttgart in den vergangenen Jahren keine guten Erfahrungen mit Trainern gemacht, die aus dem Nachwuchsbereich gekommen waren und für die die Bundesliga Neuland darstellte. Sei es vor drei Jahren mit Thomas Schneider oder sei es mit Jürgen Kramny, der das Team im November 2015 übernommen hatte. Im Mai ist der VfB mit ihm dann abgestiegen. Schneider und Kramny scheiterten an ihrer Unerfahrenheit im Umgang mit den Profis und am VfB-Umfeld mit vielen ehemaligen Nationalspielern, die bei Misserfolgen schnell Kritik üben – keine einfache Situation für einen Trainer.

Hannes Wolf trauen sie beim VfB zu, dass er diese Klippen umschifft. Er bringt seinen Co-Trainer Miguel Moreira mit, Olaf Janßen soll dem VfB in anderer Funktion erhalten bleiben, Andreas Hinkel und Heiko Gerber kehren vermutlich zu ihren bisherigen Teams (U 16 und U 23 zurück). „Ich habe diesem Trainerteam bereits meinen Dank ausgesprochen“, sagte Schindelmeiser, der Wolf mit einem Vertrag bis 2018 ausgestattet hat.

Der Sportvorstand war zuvor in der Trainersuche mit allen Vollmachten versehen worden, eine außergewöhnliche Lösung hatte sich immer mehr abgezeichnet. Wobei Schindelmeiser betont: „Es geht nicht einfach darum, etwas ganz anderes zu machen, sondern den am besten passenden Partner für den Verein zu finden.“ Den sieht er in Hannes Wolf. Wohl wissend, dass das Risiko, die Aufstiegsmission dem Neuling anzuvertrauen, nicht gering ist.